Marokko ist bei der WM schon lange kein Geheimtipp mehr. 2022 in Qatar zog Marokko als erstes afrikanisches Team in ein WM-Halbfinale ein. In der FIFA-Weltrangliste steht die Mannschaft auf Platz sieben, nachdem ihr im Nachhinein der Titel des Afrika-Cup-Siegers 2025 zuerkannt worden war.Das Skandal-Finale gegen Senegal in Marokkos Hauptstadt Rabat hatten die Gastgeber nach dramatischem Spielverlauf zwar nach Verlängerung verloren (0:1), am Grünen Tisch gab es Monate später vom afrikanischen Fußballverband CAF aber den Titel. Senegal wurde bestraft, weil dessen Akteure zeitweilig aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung das Spielfeld verlassen hatten.Bei der WM nun beweist Marokko: Das Team, das bei seinem Coup in Qatar noch mit Unbekümmertheit und erstaunlicher Offensivkraft überraschte, ist offenbar gereift. Es spielt keinen Hurra-Fußball, sondern geht die Sache mit Bedacht und defensiver Stabilität als Grundlage an. Die Niederlande fanden gegen einen uhrwerkartig funktionierenden Gegner keinerlei Mittel. Schon im Verlauf der 120 Minuten auf dem Platz hätte Marokko den Sieg verdient gehabt: mehr Spielanteile, viel mehr Torchancen. Letztlich musste die Lotterie des Elfmeterschießens entscheiden.Saibari ist der Shootingstar im TeamArrivierte Akteure mit viel Erfahrung wie Achraf Hakimi von Paris Saint-Germain oder Brahim Díaz von Real Madrid führen die seit Jahren eingespielte Mannschaft an, in den Vorrundenbegegnungen der WM zeigten zudem der erst achtzehnjährige Ayyoub Bouaddi und eben Saibari unmissverständlich, dass sie bei dieser WM Unterschiedsspieler sein können.Saibari – sein Wechsel zum FC Bayern München scheint längst beschlossene Sache zu sein – war zuletzt irgendwie immer mittendrin, wenn es mit Marokko dramatisch wurde. Zwei Tore hatte er bei dieser WM bereits vor der K.-o.-Runde für sein Land erzielt – beim 1:1 zum Auftakt gegen Brasilien traf er ebenso wie beim darauffolgenden 1:0 gegen Schottland.Er ist so etwas wie der Shootingstar im Team. Der torgefährliche Stratege, im spanischen Terrassa geboren und mit sechs Jahren mit seiner Familie nach Belgien gezogen, gilt dabei als so etwas wie ein fußballerischer Spätstarter.In den Jugendakademien von KVC Willebroek und K Beerschot VA ausgebildet, scheiterte er in der Jugend des RSC Anderlecht und musste einen Umweg über KV Mechelen und KRC Genk gehen, ehe er 2020 bei der PSV Eindhoven in den Niederlanden einen Platz im Profigeschäft fand. Dort allerdings musste er sich erst einmal in der zweiten Mannschaft beweisen, ehe er im November jenes Jahres erstmals für das Profiteam auflaufen durfte.Sein Durchbruch war aber auch das noch nicht. Saibaris Problem: Trotz wunderbarer Technik und eines außerordentlichen Blicks fürs Spielgeschehen haderten die Trainer mit ihm – weil er nicht der antrittsschnellste Spieler ist. Saibari muss erst auf Touren kommen – wenn er dann einmal läuft, ist er allerdings auch kaum mehr zu stoppen.Peinliche Aktion beim Afrika-CupSaibari kommt überwiegend im offensiven Zentrum zum Einsatz. Dort hat er bereits als angriffslustiger Achter in einem 4-3-3, als klassischer Zehner oder Halbraumzehner sowie als Schattenstürmer oder hängende Spitze agiert. Sein wuchtiger Körper erlaubt es ihm zudem, Bälle im Zentrum festmachen zu können – auch dann, wenn es eng wird. Mit den Jahren hat er immer besser gelernt, wichtige Aktionen zu antizipieren. Er beginnt Aktionen heute einfach früher als andere – und holt sich hier oft entscheidenden Vorsprung.Zugute kommen ihm dabei zunehmend seine gesammelten Erfahrungen auf höchstem Niveau. In der Champions League mit PSV und im Nationalteam mit Marokko. Wobei es nicht nur Jubel um ihn gab. Peinlich war seine Aktion im Finale des letzten Afrika-Cups: Nach 90 Minuten ausgewechselt, fingen TV-Bilder ein, wie er in der Verlängerung versuchte, dem senegalesischen Keeper Édouard Mendy das neben dem Tor liegende Handtuch zu stehlen.Strömender Regen hatte für glitschige Verhältnisse gesorgt, die Torhüter benötigten die Tücher, um sich immer wieder die Handschuhe zu trocknen. Saibari besuchte Mendy später in dessen Teamhotel und entschuldigte sich – eine wichtige Geste in damals aufgeheizter Atmosphäre.Saibari ist reifer geworden. 2024, 2025 und 2026 wurde er mit PSV niederländischer Meister, seine Leistung explodierte aber erst so richtig in der abgelaufenen Saison, nach der er von den Kollegen zum niederländischen Spieler des Jahres ernannt und vom FC Bayern München zum Wunschspieler auserkoren wurde. Die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern: Saibari wird PSV verlassen und Bayern-Spieler. 55 Millionen Euro Ablöse stehen im Raum, die medizinische Untersuchung soll schon in den USA stattgefunden haben, der Vertrag digital unterzeichnet sein.Der Deal sieht aber offenbar auch vor, dass während der WM Ruhe zu herrschen hat. Da soll sich Saibari einzig und allein auf das marokkanische Nationalteam konzentrieren. Für dieses soll der Einzug ins Achtelfinale nicht mehr als ein Startschuss zu Größerem sein.
Fußball-WM 2026: Ismael Saibari ist Marokkos Unterschiedsspieler
Vom Handtuchdieb zum Shootingstar: Ismael Saibari steht mit Marokko im Achtelfinale der WM und vor einem Wechsel zum FC Bayern München – und der Späteinsteiger will noch mehr.














