Zunächst glaubte Achraf Hakimi an einen Scherz. Sein Vater Hassan machte das gerne, ständig nahm er seine Kinder auf den Arm, machte irgendeinen Witz. Um nicht wieder auf seinen Vater hereinzufallen, schenkte der damals sieben Jahre alte Achraf ihm zunächst keine Beachtung. Auch nicht, als der immer aufgeregter mit dem Papier in seiner Hand herumzufuchteln begann und es seinem Sohn unter die Nase hielt. Achraf konnte noch nicht besonders gut lesen, schon gar nicht die kleingedruckten Zeilen, aber das Wappen oben im Briefkopf erkannte er. Jeder Junge in seinem Viertel in Getafe kannte es, jeder Junge auf der Welt kennt dieses Wappen von Real Madrid.Der Brief beinhaltete eine Einladung zum Probetraining. Spähern war Achraf bei den Spielen mit seiner Mannschaft CD Colonia Ofigevi aufgefallen. Er war ja auch ein Hingucker, seine Technik, seine Schnelligkeit, seine Aggressivität. Ungewöhnlich für einen Jungen in seinem Alter und ungewöhnlich genug, um es bei Real Madrid versuchen zu dürfen. Bald war es so weit. Mit acht Jahren wurde Achraf Hakimi, geboren am 4. November 1998 in Madrid als Sohn marokkanischer Auswanderer, Spieler des berühmtesten Fußballklubs der Welt.Zwanzig Jahre später sitzt er in den Vereinigten Staaten von Amerika auf einem Pressepodium und spricht vor Journalisten darüber, dass Marokko Weltmeister werden kann. Er sagt es ruhig und bestimmt. Nicht aufgesetzt oder in Form von künstlichem Optimismus, den manch andere Nation dieser Tage regelmäßig vorträgt. Hakimi macht das auch nicht, weil er das Gefühl hat, als Kapitän der marokkanischen Nationalmannschaft müsste er so etwas sagen. Er sagt es, weil er überzeugt davon ist: „Ich glaube, wir können diesen Traum wahr werden lassen.“„Was wir in Qatar erreicht haben, war ein Wendepunkt für unser Land“Mit ein paar Tagen Abstand zu diesem Pressetermin klingen Hakimis Worte noch glaubwürdiger. Marokko ist ein echter Achtungserfolg gelungen. Im Sechzehntelfinale wurden die Niederlande bezwungen. Nach Elfmeterschießen zwar, aber der Sieg war keinesfalls die Summe einer Verkettung von glücklichen Umständen. Er war hochverdient, weil Marokko die bessere, aktivere Mannschaft war. Zeitweise schnürten sie die Niederländer in deren Hälfte ein.Richtig, die Niederländer. Eine der sogenannten großen Fußballnationen. Reich an Tradition und Geschichte. Dreimaliger Finalteilnehmer bei Weltmeisterschaften und Europameister von 1988. Im Achtelfinale an diesem Samstag (19 Uhr MESZ) geht es nun gegen Kanada, einen der Gastgeber. Marokko ist Favorit, eine Runde später könnte es zum Aufeinandertreffen mit Frankreich kommen. Es wäre die Neuauflage des Halbfinales von vor vier Jahren. Damals zog Marokko als erste afrikanische Mannschaft ins Halbfinale einer WM ein, am Ende wurde man Vierter.