PfadnavigationHomeSportFußballWMFifa-Präsident im ZiwelichtInfantinos Verrat am FußballVon Berries BoßmannStand: 07:18 UhrLesedauer: 7 MinutenDer US-Stürmer Folarin Balogun darf gegen Belgien auflaufen. Eigentlich war der Topscorer wegen einer Roten Karte gesperrt worden. Nach einem Telefonat zwischen Donald Trump und Fifa-Präsident Infantino ist die Sperre jetzt aufgehoben worden. WELT-Reporter Christian Beilfuß berichtet aus New York.Gianni Infantino versprach Transparenz und Demut. Zehn Jahre später ist die Welt fassungslos über den Amtsmissbrauch des Fifa-Chefs. Für ein neues Kapitel sorgt ein Anruf von Trump. Eine Rekonstruktion, wie es zu all dem kam.Nebel liegt über dem Zürichsee, als die Kantonspolizei am frühen Morgen des 27. Mai 2015 zuschlägt. Kurz vor sechs Uhr betreten mehr als ein Dutzend Zivilbeamte das Luxushotel „Baur au Lac“ und legen dem Concierge Haftbefehle gegen sieben hochrangige Fifa-Funktionäre vor. Der Vorwurf: Das Septett aus Mittel- und Südamerika soll Bestechungsgelder von Sportmedien und Sportvermarktern in Höhe von insgesamt 150 Millionen US-Dollar angenommen haben. Das US-Justizministerium fordert ihre Auslieferung.Zeitgleich durchsucht die Schweizer Bundesanwaltschaft in einem zweiten Strafverfahren das Fifa-­Hauptquartier auf dem Zürichberg. Dort laufen die Vorbereitungen für den Fifa-Kongress zwei Tage später, bei dem die Wiederwahl von Präsident Sepp Blatter als Formsache gilt. Ermittler sichern Unterlagen zu den unter Korruptionsverdacht stehenden WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022. Dieser Tag markiert den Beginn des Aufstiegs von Gianni Infantino zum mächtigsten Mann im Weltfußball.Infantino 2016: „Die Fifa wird vertrauenswürdig und transparent sein“Blatter steht zwar nicht auf der Fahndungsliste der damaligen US-Justizministerin Loretta Lynch und beteuert seine Unschuld: „Ich bin sauber!“ Dennoch stellt er unter dem Druck der Öffentlichkeit nur vier Tage nach seiner Wiederwahl sein Amt zur Verfügung und macht den Weg für Neuwahlen im Februar 2016 frei.Als Favorit auf seine Nachfolge gilt zunächst Uefa-Präsident Michel Platini. Doch Ende 2015 wird eine dubiose Zahlung über zwei Millionen Schweizer Franken bekannt, die Platini für seine Jahre zurückliegende Beratertätigkeit bei der Fifa von Blatter erhalten hatte. Beide werden zunächst suspendiert und anschließend gesperrt – das Ende des einstigen Funktionärs-Duos. Damit eröffnet sich für den bis dahin im Schatten Platinis stehenden Uefa-Generalsekretär Infantino die einmalige Chance auf den Fifa-Thron.Lesen Sie auchErst kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist wirft der in Brig im Wallis als Sohn italienischer Eltern geborene Infantino seinen Hut in den Ring. „Ich kann nicht einfach nur dasitzen und zuschauen, wie sich die Fifa selbst zerstört“, erklärt er. Es folgt ein Turbo-­Wahlkampf rund um den Globus. Nach einer leidenschaftlichen Rede auf dem Fifa-Kongress setzt sich Infantino im zweiten Wahlgang gegen Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa aus Bahrain durch.Was von Infantinos Versprechen blieb ...Ein entscheidender Faktor seines Wahl­erfolgs: Infantino verspricht den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden eine Erhöhung der Fördergelder von 1,6 Millionen auf fünf Millionen US-Dollar pro Vierjahreszyklus. Vor allem die kleineren Verbände bringt er damit auf seine Seite. Nach seiner Wahl kündigt Infantino an, das durch Korruptionsskandale beschädigte Ansehen der Fifa wiederherzustellen: „Die Fifa verändert sich. Sie wird eine sein, die offen, vertrauenswürdig und transparent ist.“Lesen Sie auchZehn Jahre später ist die Welt fassungslos und schockiert über den Amtsmissbrauch Infantinos, der den Fußball verraten und verkauft hat. Ebenso über sein devotes Verhalten gegenüber US-Präsident Donald Trump, das nach der Überreichung des erfundenen Fifa-Friedenspreises in der Aufhebung der Rotsperre für US-Stürmer Folarin Balogun für das WM-Achtelfinale gegen Belgien einen neuen Tiefpunkt erreicht. Vorausgegangen war ein Anruf Trumps bei seinem Freund „Johnny“.Bereits drei Monate nach seiner Wahl mehren sich Zweifel am Bild des Fifa-Reformators. Mitarbeiter in der Fifa-Zentrale dokumentieren in einem Dossier angebliche Verfehlungen, die Ethikkommission nimmt Ermittlungen auf. Unter anderem soll Infantino Matratzen für sein Fifa-Appartement im Wert von 11.440 Schweizer Franken bestellt haben.Infantino räumt Kritiker in der Fifa aus dem WegSeinen Jahreslohn – 1,9 Millionen Schweizer Franken –, den ihm die Compliance-Kommission angeboten haben soll, weist Infantino laut Darstellung als „Beleidigung“ zurück. Der Fifa-Finanzbericht belegt: Infantino kassiert 2025 ein Gesamtgehalt von 4,8 Mio. Schweizer Franken (5,27 Mio. Euro). Für seine erste Auslandsreise bucht Infantino ein Ticket bei der Billigfluglinie „Easyjet“ und erklärt: „Wir sind normale Menschen und müssen uns wie normale Menschen verhalten.“ Später wird bekannt, dass dahinter keine Bescheidenheit steckte. Eigentlich wollte Infantino im Privatjet zu einer Privataudienz beim Papst in Rom fliegen. Der damalige Interims-Generalsekretär und Finanzchef Markus Kattner untersagte dies jedoch mit Verweis auf interne Compliance-Regeln.Kurz darauf ist Kattner seinen Posten los. Infantino wird nach 161 Tagen im Amt von der Ethikkommission von sämtlichen Vorwürfen freigesprochen. Zuvor hatte es auch Verdachtsmomente im Zusammenhang mit Reisen nach Russland und Katar sowie bei Personalentscheidungen im Präsidentenbüro gegeben.In der Folge räumt Infantino sämtliche Kritiker innerhalb der Fifa aus dem Weg. 2017 verlieren auch die Vorsitzenden der beiden Ethik-Kammern, der Schweizer Staatsanwalt Cornel Borbely und der deutsche Strafrichter Hans-Joachim Eckert, ihre Ämter. Zudem setzt Infantino durch, dass der Fifa-Rat, dem inzwischen auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf angehört, die Mitglieder der Kontrollgremien, darunter die Ethik- und Compliance-Kommissionen, selbst ernennen und abberufen kann. Der „Chefaufseher“ Domenico Scala, Vorsitzender der Audit- und Compliance-Kommission, tritt daraufhin zurück. Und wird von Infantino durch Tomaz Vesel – wie viele andere auch ein willfähriger Befehlsempfänger – ersetzt. Blatter: „Die Fifa unter Infantino ist eine Diktatur!“Auch die neue Generalsekretärin Fatma Samoura (63) aus dem Senegal wird faktisch von Infantino ins Amt gehoben, obwohl ihm lediglich ein Vorschlagsrecht zusteht. Angesichts ihrer bisherigen Laufbahn im mittleren UN-Management wird ihre Eignung infrage gestellt. Kein Wunder, dass Blatter heute urteilt: „Die Fifa unter Infantino ist eine Diktatur!“Für viele Kritiker entsteht der Eindruck: Infantino ist Blatter hoch zwei. Im April 2017 nutzt er für einen Rückflug aus Surinam in die Schweiz einen Privatjet statt des bereits gebuchten Linienfluges. Die sechsstelligen Kosten begründet er mit einem dringenden Treffen in Nyon mit Uefa-Boss Aleksander Ceferin, um grünes Licht von der Compliance-Kommission zu erhalten.Lesen Sie auchEine Lüge, wie sich später herausstellt: Am Tag des angeblichen Treffens weilt Ceferin in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, viereinhalb Flugstunden von Nyon entfernt. Dennoch sieht Vesel keinen Regelverstoß. Der Rückflug habe den Vorschriften der Fifa entsprochen. Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen 2023 ein.Infantino weiß: Je mehr Millionen an die 211 Fifa-Verbände fließen, desto sicherer erscheint seine Wiederwahl 2019. Deshalb treibt er den Verkauf einer reformierten Klub-WM sowie einer globalen Nations League an ein Finanzkonsortium aus dem Nahen Osten und Asien voran, das angeblich rund 25 Milliarden US-Dollar bieten will. Der Plan scheitert jedoch.Geheimtreffen, Nähe zu Putin und ein bizarrer AuftrittSeine ungesunde Nähe zu Staats- und Regierungschefs autoritär regierter Länder zeigt sich bereits vor seiner unterwürfigen Annäherung an Trump. Zu ihnen gehört neben Tamim bin Hamad Al Thani aus Katar und Mohammed bin Salman aus Saudi-Arabien auch Wladimir Putin. 2019 verleiht Russlands Präsident ihm den „Freundschaftsorden“ für seine Verdienste um die WM 2018 und stellt ihm für einen Flug nach Doha seinen Privatjet zur Verfügung. Die Fifa-Ethikkommission stellt ihre Ermittlungen erneut ein.2020 werden mehrere Geheimtreffen zwischen Infantino und dem Schweizer Bundesanwalt Michael Laubert bekannt – während gegen frühere Fifa-Funktionäre wegen der WM-Vergaben 2018 und 2022 ermittelt wird. Das Strafverfahren gegen Infantino wegen des Verdachts der Anstiftung zum Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Begünstigung endet 2023 mit der Einstellung. Infantinos Reaktion: „Es ist jetzt allen klar, dass die Anschuldigungen gegen mich nur verzweifelte Versuche von armen, neidischen und korrupten Leuten waren, meinen Ruf anzugreifen.“Für den nächsten Imageschaden sorgt Infantino selbst mit seinem bizarren Auftritt vor Beginn der WM 2022 im wegen Menschenrechtsverletzungen stark in der Kritik stehenden Katar. „Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant“, beteuert Infantino. Dem DFB, dessen Nationalspieler mit einer „One Love“-Armbinde auflaufen wollten, droht er dagegen mit sportlichen Sanktionen.2027 will Infantino wieder kandidierenMit einem taktischen Manöver ebnet Infantino den Weg dafür, dass schon die WM 2034 wieder nach Vorderasien geht – und wieder in ein Land, das stark im Fokus von Menschenrechtsorganisationen steht: nach Saudi-Arabien. Die WM 2030 verteilt er auf drei Kontinente – Südamerika mit Argentinien, Uruguay, Paraguay, Afrika mit Marokko und Europa mit Spanien und Portugal – und überrollt dabei wieder einmal seinen Fifa-Rat.2027 will Infantino erneut für das Amt des Fifa-Präsidenten kandidieren. Die Kontinentalverbände aus Südamerika, Asien und Afrika haben dem „Signore Teflon vom Zürichberg“, an dem nach Ansicht seiner Kritiker kein Dreck hängen bleibt, bereits ihre Unterstützung zugesagt.