Die Europäische Fußball-Union UEFA wirft dem internationalen Verband FIFA unter seinem Präsidenten Gianni Infantino vor, die Integrität des Wettbewerbs zu untergraben und die Zukunft des Fußballsports zu gefährden. Hintergrund ist die Entscheidung der FIFA-Disziplinarkommission, die gegen den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun nach einer Roten Karte im Weltmeisterschaftsspiel gegen Bosnien und Hercegovina verhängte Sperre von einem Spiel zur Bewährung auszusetzen und Balogun so die Teilnahme am Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht zu diesem Dienstag (2.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) zu ermöglichen.Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten, bestätigte am Montag, dass er Infantino um die Aufhebung der Roten Karte gebeten habe: „Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war“, sagte Trump auf einer Pressekonferenz im Oval Office. „Ich habe lediglich eine Überprüfung gefordert, weil ich es nicht für ein Foul hielt, und ich kenne mich mit solchen Dingen aus.“Zunächst hatte die „New York Times“ berichtet, der Präsident der Vereinigten Staaten habe nach der Partie gegen Bosnien und Hercegovina mit Infantino telefoniert, zudem hätten sich Handelsminister Lutnick, Andrew Giuliani junior, im WM-Stab im Weißen Haus maßgeblich, sowie Trumps Anwälte für eine Aufhebung der in den Regeln vorgesehenen Sperre eingesetzt. Der britische „Guardian“ berichtete von drei Telefonaten Trumps mit Infantino.FIFA-Skandal, Folge 2: Das Verhalten des Fußball-Weltverbandes offenbar nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump erhitzt die Gemüter.Greser und LenzDie Entscheidung der FIFA überschreite „eine rote Linie“, heißt es in einem Statement der UEFA von Montagmittag. Manche Regeln böten Interpretationsspielraum, die im Fall Balogun maßgeblichen aber nicht. Wenn die Maßgeblichkeit der Regeln nicht mehr durch die Regelhüter garantiert ist, werde die Integrität des Spiels in Gefahr gebracht und die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs untergraben. Zudem schaffe eine solche Entscheidung einen Präzedenzfall im laufenden Wettbewerb, bei dem ähnliche Situation nun nach Gleichbehandlung verlangen, zum Schaden des Wettbewerbs.Was sich bei einer Weltmeisterschaft ereigne, habe „positive oder negative Konsequenzen für den gesamten Sport“, schreibt die UEFA: „Wir bringen unsere Ungläubigkeit angesichts einer solchen nicht dagewesenen, unverständlichen und nicht zu rechtfertigenden Entscheidung zum Ausdruck.“Balogun ist der gefährlichste Angreifer des US-Teams.dpaWährend Mauricio Pochettino, der argentinische Trainer der amerikanischen Mannschaft, von einer „phantastischen Entscheidung“ sprach und sagte, er verstehe die Diskussion nicht, 99,9 Prozent (der Zuschauer; d. Red.) seien ohnehin der Ansicht, Baloguns Foul sei nicht mit einer Roten Karte zu bestrafen gewesen, teilte der belgische Verband (RBFA) am Montagnachmittag europäischer Zeit mit: „Um es klar zu sagen: Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat die RBFA weder eine Entscheidung noch eine Erklärung der FIFA zu dieser Angelegenheit erhalten.“ Dem Verband sei demnach auch keine Begründung der Entscheidung und keine Darstellung des Verfahrensablaufs zugestellt worden.„Zutiefst besorgt über den Verlauf der Ereignisse“Stattdessen sei das eigene Informationsbegehren durch die FIFA als Widerspruch interpretiert worden. Da die Regeln vorsähen, dass vor Einlegung eines Widerspruchs die Gründe der Entscheidung, gegen die Widerspruch eingelegt wird, mitgeteilt werden müssen, habe sich der Weltverband einen Ablehnungsgrund geschaffen: „Obwohl der RBFA lediglich berechtigte Erklärungen verlangte, konstruierte die FIFA selbst ein Berufungsverfahren und sorgte zugleich dafür, dass dieses als unzulässig eingestuft werden würde“, hieß es im Statement des Verbandes wörtlich.Zugleich sei bei der Koordinationsabsprache für das Achtelfinale, anders als bei vorherigen Partien, der Abschnitt zu automatischen Sperren nicht angesprochen worden. Der Verband teilt mit, sei „zutiefst besorgt über den Verlauf der Ereignisse“. Da man keine Entscheidung oder eine andere Erklärung vorliegen habe, müsse man Baloguns Spielberechtigung angreifen. Man werde „in den kommenden Stunden, Wochen und Monaten um fundamentale Prinzipien der Ethik und des fairen Wettbewerbs kämpfen“.Belgiens Außenminister Maxime Prévot hatte zuvor mit Blick auf die Berichte über Trumps Einmischung gesagt: „Wenn tatsächlich ein Telefonat diese unverständliche Entscheidung erklärt, dann wäre das ein Bruch mit den elementarsten Regeln des Fußballs und des Sports. Das wäre sehr gravierend. Wie könnte die FIFA dann noch glaubwürdig für Fairplay eintreten?“Lobbyarbeit auf bislang kaum dagewesene Art und WeiseInfantino hat bei Trump in den zurückliegenden Jahren auf bislang kaum dagewesene Art und Weise Lobbyarbeit betrieben. Zur Auslosung im vergangenen Dezember war Trump mit dem eigens erfundenen „FIFA Friedenspreis“ ausgezeichnet worden. Hintergrund ist die unerfüllte Begierde des amerikanischen Präsidenten, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet zu werden. Im Februar rückte Infantino in Trumps „Friedensrat“ ein, zur Gründungssitzung setzte der FIFA-Präsident eine Kappe im MAGA-Stil auf.Vor Beginn des Turniers hatte sich Infantino der Entscheidung der amerikanischen Einwanderungsbehörden gefügt, dem für das Turnier vorgesehenen Schiedsrichter Omar Artan die Einreise zu verweigern. Der Umgang der amerikanischen Gastgeber mit Irans Nationalmannschaft führte zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen für diese, weil sie gezwungen waren, in Mexiko Quartier zu beziehen und bei zwei von drei Spielen nur eine Nacht in den Vereinigten Staaten verbringen durften.Garrincha durfte spielenTrumps Bestätigung seiner Intervention macht zudem die Forderung des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds obsolet: Bernd Neuendorf, als Mitglied des FIFA-Rats nominell in einer Infantino kontrollierenden Position, hatte die FIFA aufgefordert, den Verdacht auszuräumen, die Politik könnte aktiv Einfluss auf den Wettbewerb genommen haben. Die FIFA vertritt derweil den Standpunkt, politische Einflussnahme jedweder Art sei durch den Verfahrensablauf und die (behauptete; d. Red.) Unabhängigkeit der Disziplinarkommission unmöglich.Infantino hatte jüngst im Frühstücksfernsehen des von Trump präferierten Senders „Fox“ gesagt, der amerikanische Präsident und er seien „die ganze Zeit“ zusammen. Bei jener Gelegenheit hatte er angekündigt, Trump werde mit ihm den WM-Pokal nach dem Finale am 19. Juli überreichen.Jürgen Klopp, womöglich künftiger Bundestrainer, hatte vor Trumps Bestätigung als Experte des Senders „MagentaTV“ gesagt, eine mögliche Kollaboration zwischen Weißem Haus und FIFA stelle „alles infrage“: „Das ist verrückt. Diese beiden Menschen, die beide von Fußball keine Ahnung haben, sollten gar nichts damit zu tun haben. Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“Belgiens Nationaltrainer Rudi Garcia sagte, er habe nicht gewusst, dass „der 5. Juli für die FIFA der 1. April ist. So weit ich mich erinnere, ist dies meines Erachtens das erste Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaft, dass eine Entscheidung dieser Art getroffen wurde.“Jedenfalls für den Zeitraum von WM-Turnieren seit Einführung der Gelben und Roten Karten zum Turnier 1970 trifft das zu. Zuvor hatte sich Chiles Präsident 1962 erfolgreich für den Einsatz des brasilianischen Flügelstürmers Garrincha im Finale verwendet, nachdem dieser im Halbfinale vom Platz gestellt worden war. Aktiven Lobbyismus, wie er nun der Regierung Trumps zugeschrieben wird, betrieben zudem Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini 1934 und die argentinische Militärjunta 1978.