Der Konflikt ums Zürcher Josef-Areal ist alles andere als gelöst: Die Stadt will 170 Wohnungen bauen, das Parlament 300 – und Planer sogar 600Wegen lauter Kritik legte die Stadt eine zusätzliche Planungsrunde für eine der letzten grossen Bauflächen im Kreis 5 ein. Ihr Vorschlag überzeugt aber viele immer noch nicht.08.07.2026, 05.05 Uhr4 LeseminutenKehricht wird auf dem Josef-Areal im Kreis 5 schon länger nicht mehr verbrannt.Gaëtan Bally / KeystoneWo einst Kehricht verbrannt und im grossen Stil Wäsche gewaschen wurde, soll ein neues Quartier entstehen – inklusive Werkhof, Park, Pflegeheim und Hallenbad. Seit Jahren feilt die Stadt Zürich an den Plänen für die Zukunft des Josef-Areals. Das 20 000 Quadratmeter grosse Gebiet im Kreis 5 unweit der Hardbrücke, das durch ein Eisenbahnviadukt von der Josefwiese getrennt ist, weckt allerlei Begehrlichkeiten, unter anderem auch nach Wohnraum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und solcher soll nun auch entstehen: 140 bis 170 gemeinnützige Wohnungen seien möglich, teilt die Stadt am Dienstag mit. Das habe eine Vertiefungsstudie ergeben. Zusammen mit 135 Alterswohnungen will die Stadt auf dem Areal bis zu 305 Wohnungen erstellen.Es ist die jüngste Etappe in einem Planungsprozess, der der Stadt bisher vor allem eines eingebracht hat: Kritik von allen Seiten. Denn eigentlich sah der Stadtrat abgesehen von den Alterswohnungen und dem Gesundheitszentrum für das Alter mit 120 Pflegeplätzen keinen Wohnraum vor. Das, obwohl das Josef-Areal bestens erschlossen und preisgünstiger Wohnraum in Zürich ebenso rar ist wie freie Flächen, um solchen zu erstellen.Die Stadt sah sich daher bald mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Chance zu verspielen. Die IG Zentrum Hardbrücke – eine Gruppe aus Architekten, Stadtplanern und Soziologen – und die Hamasil-Stiftung stellten eigene Überlegungen dazu an, was auf dem Josef-Areal möglich wäre. Ihr Ergebnis: bis zu 600 Wohnungen.In der Zürcher Stadtpolitik sorgte das Fazit der Planer für Aufregung. Obwohl das Vorhaben des Stadtrats bereits so weit fortgeschritten war, dass der Architekturwettbewerb anstand, reichten AL, Grüne, GLP, SP und die Mitte/EVP-Fraktion einen Vorstoss im Stadtparlament ein. Sie forderten den Stadtrat auf, einen Gestaltungsplan zu entwickeln, der auf dem Areal gemeinnützige Wohnungen vorsieht. Die Parteien schlugen deren 300 vor.Der Stadtrat hielt dagegen, seine Planung sei das Ergebnis breit abgestützter Mitwirkungsverfahren. Zudem befinde sich das Areal in einer Zone für öffentliche Bauten – die einzigen dort möglichen Wohnungen seien Alterswohnungen.Die Argumente des damaligen Hochbauvorstehers André Odermatt (SP) verfingen nicht. Die Motion wurde deutlich überwiesen, wobei die SP in die Enthaltung ging, während die nicht an dem Vorstoss beteiligte FDP diesen unterstützte.Stadt will keine Abstriche machenEin Jahr lang dauerte die Arbeit an der Vertiefungsstudie, deren Ergebnis die Stadt nun kommuniziert hat. Beteiligt waren nebst Vertretern aus dem Quartier und der Politik auch verschiedene Vereine und die IG Zentrum Hardbrücke, deren Vorschläge die zusätzliche Planungsschlaufe ausgelöst hatten.Das IG-Mitglied Martin Hofer ist Architekt und Immobilienexperte. Zudem ist er Mitbegründer der Wüest Partner AG – einer der führenden Dienstleister der hiesigen Immobilienwirtschaft. Das Fazit, welches die Stadt aus der einjährigen Studie mit Workshops und «Echogruppen» zieht, löst bei ihm und der IG keine Begeisterung aus. «Es ist viel mehr möglich auf dem Areal, wenn Hallenbad und Werkhof verkleinert werden.» Oder wenn in die Höhe gebaut werde. Die Stadt wolle aber keine Gebäude, die den Schornstein der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage überragten. «Ich verstehe nicht, wieso die Stadt sich querstellt.»In die Höhe bauen will die Stadt durchaus, wobei die genaue Anordnung der Gebäude und deren Volumen noch nicht feststehen. Anatole Fleck, Kommunikationsverantwortlicher des Amts für Städtebau, sagt auf Anfrage der NZZ, mit der vorgesehenen Dichte würden alle Gebäude über 25 Meter hoch. Je nach Variante gebe es auch einen oder mehrere Bauten, die an die 60-Meter-Grenze kommen könnten.Dass auf dem Areal nicht mehr gemeinnützige Wohnungen möglich seien als 170, begründet die Stadt mit der hohen Nutzungsdichte. So will sie an allen bisher vorgesehenen Elementen festhalten, von den Alterswohnungen über das Hallenbad bis hin zum Werkhof. Die IG um Martin Hofer habe bei ihren Überlegungen verschiedene Grundlagen ausser acht gelassen, sagt Fleck, etwa die Höhenbeschränkungen oder den Lärmschutz.Wenn auch die Linken nicht zufrieden sindKritik gibt es nicht nur vonseiten der IG, sondern auch aus der Politik. Der SP-Stadtparlamentarier und Architekt Marco Denoth sagt, im Partizipationsprozess sei der Wunsch nach mehr Wohnraum spürbar gewesen. «Das ging auch klar aus dem Auftrag des Gemeinderats hervor.» Dass die Stadt nun bei 170 Wohnungen das Maximum sieht, dafür aber unbedingt ein Hallenbad mit einem 50-Meter-Becken auf das Areal stellen will, kann er nicht nachvollziehen. «Zürich braucht mehr Wohnungen, nicht mehr Hallenbäder. Die Stadt muss sich überlegen, wofür sie Geld ausgeben will.»Die Stadt verteidigt ihre Hallenbadpläne für den Kreis 5. Dieser verfüge heute über kein solches Angebot. Angesichts des starken Bevölkerungswachstums steige der Bedarf an Wasserflächen kontinuierlich, sagt Anatole Fleck. Zudem sei im kommunalen Richtplan ein Hallenbad vorgesehen.Ähnlich deutliche Worte wie Denoth findet Brigitte Fürer, Gemeinderätin der Grünen und von Beruf Raumplanerin: «Es ist eine schwierige Ausgangslage, wenn zwar eine Vertiefungsstudie angekündigt ist, dann aber klarwird, dass an der bisherigen Wunschliste festgehalten wird.»Für den FDP-Fraktionspräsidenten Emanuel Tschannen zeigt das Beispiel Josef-Areal einmal mehr auf, dass der Staat ein schlechter Planer ist. «Die Stadt bemüht sich, doch es dauert alles extrem lange und birgt die Gefahr, wahnsinnig teuer zu werden.» Angesichts der städtischen Finanzlage sei das keine gute Voraussetzung. Wie Brigitte Fürer hätte sich auch Tschannen eine ergebnisoffenere Planung gewünscht – und mehr Wohnungen. Zudem müsste sich die Stadt überlegen, ob es sinnvoll wäre, einen Teil der Wohnungen zur Marktmiete abzugeben. «So wären die Stadtfinanzen weniger belastet.»Wie teuer die Umnutzung des Josef-Areals werden wird, lässt sich noch nicht sagen. Fleck sagt, als Nächstes werde das neue Entwicklungskonzept erstellt und voraussichtlich bis Ende Jahr dem Stadtrat vorgelegt. Danach folgen eine Machbarkeitsstudie und Architekturwettbewerbe sowie der Startschuss für das Gestaltungsplanverfahren. Geht alles reibungslos vonstatten, könnte 2034 mit den Bauarbeiten begonnen werden.Passend zum Artikel