«Nicht realisierbar», «städtebaulicher Schwachsinn»: Der Traum, auf dem Zürcher Gleisfeld Wohnungen für 150 000 Leute zu bauen, platztDie Kosten für die Überdachung wären im zweistelligen Milliardenbereich gelegen. Das Stadtparlament ist nicht einmal zu einer unverbindlichen Prüfung der Idee bereit.11.06.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenDen Traum von einer Stadt über den Gleisen: In Zürich haben ihn schon viele geträumt. In den 1980er-Jahren haben die Stimmberechtigten sogar einmal Ja gesagt zu einer Gleisüberdeckung – das Projekt scheiterte dann aber, unter anderem an der Finanzierung. Nun hat die FDP einen neuen Versuch unternommen. 150 000 Leute könnten ihrer Berechnung nach auf dem eineinhalb Kilometer langen und bis zu 200 Meter breiten Gleisfeld wohnen, das sich zwischen Hauptbahnhof und dem Bahnhof Altstetten erstreckt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einer Stadt, in der viele über mangelnden Wohnraum ächzen, liegt diese Idee nahe. Doch daraus wird nichts werden. Die FDP hat sogar das Kunststück geschafft, im Stadtparlament SVP und SP gleichermassen gegen sich aufzubringen. «Ihr könnt euren Wählerinnen und Wählern erklären, weshalb es keinen zusätzlichen Wohnraum geben soll», schmetterte FDP-Fraktionschef Emanuel Tschannen am Mittwoch in den Raum, als sich die Niederlage abzeichnete.Wie einst Alfred EscherDie FDP-Fraktion ist im Stadtparlament für gewöhnlich in der Defensive. Sie wehrt sich gegen in der Regel linke Ideen, die aus Sicht der Partei unnötige Ausgaben nach sich ziehen. Mit der Gleisüberdachung brach sie aber aus diesem Korsett aus und wagte für einmal den grossen Wurf. «Zürich braucht Visionen», sagte Tschannen. Wer schon von vornherein nein sage, weil die Kosten zu hoch und die Aussicht aus dem Zug womöglich nicht mehr schön sei unter einem überdachten Gleisfeld, denke zu klein.Es gab im Ratssaal durchaus Sympathie für das Anliegen. Neo-Stadtrat und Hochbauvorsteher Tobias Langenegger (SP) nannte sie «verlockend». Er finde es «schön, wie locker die FDP über das Geld spreche». Das erinnere ihn an den Freisinn des 19. Jahrhunderts – an Leute wie einen Alfred Escher, ohne den man heute keinen Gotthardtunnel hätte.Doch Langenegger wies auch auf die enormen Herausforderungen hin. So müsse die Statik derart solide sein, dass 40 Tonnen schwere Züge entgleisen und die Stützpfeiler donnern könnten, ohne dass dies die Liegenschaften darüber tangiere. Wolle man das Gleisfeld überdecken, müsse man deshalb zuerst zehn Meter in die Höhe bauen, um ausreichend Platz zwischen Gleisen und Aufbauten zu schaffen.Der Stadtrat sei aber bereit, die Idee unverbindlich zu prüfen – dies in Form eines Postulats. Langenegger kündigte allerdings im gleichen Atemzug an, die Stadtverwaltung werde nicht allzu viel Energie darauf verwenden, weil sie mit der anstehenden Revision der Bau- und Zonenordnung Wichtigeres zu tun habe.Auch Mitte und GLP wären für einen unverbindlichen Prüfauftrag zu haben gewesen. «Man darf doch träumen, auch im Zürcher Gemeinderat», sagte GLP-Gemeinderat Nicolas Cavalli – auch wenn die Idee das «teuerste Päckchen der Geschichte» sei und ausgerechnet von Seiten der FDP komme.Die AL fand an der Idee zwar ebenfalls Gefallen – sie stimme jedoch skeptisch, dass die FDP private Bauherren involvieren will. «Das lässt befürchten, dass hier ein enormes Spekulationsobjekt entsteht», fand Mischa Schiwow.Versenkt wurde die Idee schliesslich durch einen Politiker und eine Politikerin, die normalerweise entgegengesetzt politisieren.Immobilienexperte Reto Brüesch (SVP) war beruflich schon als Eigentümervertreter in den Bau eines Verwaltungsgebäudes in Aarau sowie eines weiteren Baus am Stadelhofen involviert. Seiner Erfahrung nach seien die SBB, die viele solcher Ideen geprüft und zum Teil realisiert hätten, vom Konzept der Gleisüberdachung nicht besonders angetan. Es sei enorm teuer – insbesondere, wenn man Liegenschaften mit guter Wohnqualität darauf bauen wolle. «Das gibt sicher keinen preiswerten Wohnraum», sagte er.Hinzu komme, dass in Zürich unter laufendem Betrieb gebaut werden müsse und dass die Gleisfelder heute schon hoch verdichtet seien – es habe dort kaum Platz für Pfeiler. «Nicht realisierbar», lautete Brüeschs Verdikt.30 bis 60 Milliarden Franken – exklusive WohnungenDann folgte der Auftritt von Stefania Koller, von Beruf Architektin und Stadtplanerin und SP-Gemeinderätin. Als Fachfrau erlaube sie sich eine Einordnung, sagte sie. Dann fällte sie auch schon ihr Urteil: «städtebaulicher Schwachsinn.»Der Deckel werde nicht 10, sondern 15 Meter hoch in die Luft ragen. Dort Häuser zu bauen, werde schwierig. In Wipkingen, wo Häuser über Gleisen im Untergrund stehen, spürten die Bewohner trotz aller Bemühungen Vibrationen.Für den HB-Deckel seien allein die Betonkosten mit zwei bis vier Milliarden Franken zu veranschlagen. Rechne man die Planungs- und Ausbaukosten hinzu, lande man bei 30 bis 60 Milliarden Franken – «ohne dass eine einzige Wohnung gebaut ist». Kollers Fazit: «Das ist ein modernistisch-futuristischer Fiebertraum.»Wie akkurat diese Kostenschätzung ist, lässt sich schwer abschätzen. Doch dass Bauen über den Gleisen grundsätzlich teuer ist, zeigt die geplante Velobrücke vom Kreis 4 in den Kreis 5, die mit 80 Millionen Franken veranschlagt ist.Die FDP wäre bereit gewesen, ihre Motion in ein unverbindliches Postulat abzuschwächen. Aber nicht einmal dafür boten die anderen Fraktionen Hand. Brigitte Fürer (Grüne) sagte, es sei «irritierend», dass der Stadtrat die Idee prüfen und die Verwaltung unnütz beschäftigen wolle. Der Rat lehnte die Idee mit 71 zu 39 Stimmen ab.Passend zum Artikel