Der Moment, in dem das Spiel und damit ein ganzes WM-Projekt in Richtung Abgrund kippte, war ein Moment, der die Mehrheit der Brasilianer im Publikum erst mal mit Glück erfüllte. In der 67. Minute betrat Neymar den Rasen, den immer noch viele lieben. Die Idee von einer entscheidenden Aktion des 34 Jahre alten und für diese WM reaktivierten Stars faszinierte nicht nur Romantiker, sondern offenkundig auch den Trainer Carlo Ancelotti.Ganz am Ende, in der zehnten Minute der Nachspielzeit, verwandelte Neymar sogar noch einen Elfmeter, aber da waren der Glaube und auch das Spiel längst verloren; wenige Augenblicke später war seine Nationalmannschaftskarriere mit einem letzten tragischen Akt endgültig zu Ende gegangen. „Ich habe es versucht, jetzt ist es vorbei“, sagte er nach dem 1:2 gegen Norwegen, was wohl als Rücktritt verstanden werden muss.Eine schmerzliche Erkenntnis aus der WMAuf den Tribünen flossen Tränen, weil die Neymar-Idee wirkungslos geblieben war und eine schmerzliche Erkenntnis reifte: Nicht einmal Carlo Ancelotti, dieser Großmeister der Champions League, konnte helfen inmitten der Abwärtsdynamik, in der sich der brasilianische Fußball befindet. „Das Spiel war ein bisschen wie Manchester City gegen Real Madrid“, sagte der norwegische Trainer Stale Solbakken, „der Gegner zog sich zurück und setzte auf Konter, während wir geduldig auf unsere Chancen warteten.“Der Versuch, den Ancelotti-Real-Fußball auf Brasilien zu übertragen, ist gescheitert, zumindest bei dieser WM, woraufhin das reichweitenstarke brasilianische Portal „UOL“ schrieb: „Ancelotti hat in einem entscheidenden Spiel versagt. Mit der letzten Auswechslung, bei der er den Flügelspielern Endrick und Neymar den Vorzug gab, um den Forderungen der Fans nachzukommen, hat er die Mannschaft zerstört. Nicht Neymar starb in Ancelottis Armen, sondern Ancelotti starb in Neymars Armen.“Dabei hatte Ancelottis Seleção nicht nur an diesem Tag einen sehr ordentlichen Ancelotti-Fußball gespielt. Ohne große Gestaltungsambitionen, dafür aber mit schlauen Ballgewinnen und ein paar sehr gefährlichen Angriffen. „Wir wollten nicht hoch pressen. Für 70 Minuten hatten wir das Spiel unter Kontrolle“, sagte Ancelotti.Chancen auf einen Sieg waren vorhandenDie Chancen auf den Sieg waren vorhanden. Bruno Guimarães verschoss früh im Spiel einen Foulelfmeter (14.). Der eingewechselte Endrick tauchte nach einem brillanten Pass von Vinicius Jr. allein vor dem norwegischen Tor auf und vergab (59.). Auf der anderen Seite war Erling Haaland lange unsichtbar geblieben, der Plan hätte funktionieren können.Auf dem Boden der Tatsachen: Ein WM-Aus im Achtelfinale hatte Brasilien seit 36 Jahren nicht mehr. Für Ancelotti steht nun eine sorgfältige Aufarbeitung an.APDoch nach 67 Minuten betrat Neymar den Platz, womit sich das Spiel veränderte. Der kompakte Carlo-Ancelotti-Block war auf einmal auseinandergezogen, aus ‚kein Pressing‘ wurde ‚schlechtes Pressing unter der Führung Neymars‘. In Situationen, in denen Argentiniens Lionel Messi in Kenntnis seines Alters gar nicht mehr rennt, vergeudete Neymar mit seinem altmodischen Anlaufverhalten Kräfte und schadete der Ordnung.Dabei hatten die Brasilianer so sehr gehofft, die jüngste Misserfolgsserie von zuletzt zwei Viertelfinalniederlagen bei den Turnieren von 2018 und 2022 zu durchbrechen, denen das berühmte 1:7 im Halbfinale von 2014 gegen Deutschland vorausgegangen war. Ein WM-Aus im Achtelfinale hat Brasilien seit 1990 nicht mehr erlitten, als Diego Maradona und Gabriel Batistuta die Seleção so früh im Turnier nach Hause beförderten. „Was passiert ist, ist unerklärlich, es fällt mir schwer, Worte zu finden“, sagte Kapitän Marquinhos.Ancelottis Konterfußball passt nicht zur DNA dieser FußballnationEine sorgfältige Aufarbeitung wird folgen und sehr wahrscheinlich unter der Anleitung Ancelottis vorgenommen. „Wir werden unsere Arbeit fortsetzen und diese Niederlage als Treibstoff für einen neuen Zyklus nutzen“, sagte der Trainer. Nicht nur Neymar, auch Marquinhos, Casemiro sowie Douglas Santos sind Rücktrittskandidaten, dafür rücken junge Talente wie der 19 Jahre alte Rayan vom FC Bournemouth nach, der zu den ganz wenigen Gewinnern dieser brasilianischen WM-Wochen zählt.„Vor allem im Mittelfeld brauchen wir junge Talente auf dem höchsten Niveau“, sagte Ancelotti, dem bis zum letzten Tag viel Hochachtung im Quartier des Teams im idyllischen Basking Ridge vor den Toren New Yorks entgegengebracht worden war.Die meisten Kritiker mögen Ancelotti, der sich menschlich einwandfrei verhalten und vielleicht auch unter einem Mangel an Talent in seinem Kader zu leiden hatte. Immer wieder war zu hören, dass niemand in den wenigen Monaten seit dem Beginn seiner Arbeit mit der Seleção Wunder erwarten dürfe. Aber nach den Eindrücken dieser WM steht nicht nur die Frage im Raum, ob Ancelottis Konterfußball zur DNA dieser Fußballnation passt, sondern auch der Verdacht, dass dieser Ansatz auf der höchsten Ebene ein Anachronismus sein könnte.
Aus bei Fußball-WM 2026: Woran Ancelotti bei Brasilien gescheitert ist
Carlo Ancelotti setzt gegen Norwegen auf den späten Auftritt Neymars – doch der Plan zerfällt. Das WM-Aus zeigt: Nicht einmal der Startrainer kann den Abwärtstrend im brasilianischen Fußball verhindern.















