Der Moment, in dem das Spiel und damit diese ganze WM in Richtung Abgrund kippte, war ein Moment, der die Mehrheit der Brasilianer im Publikum eigentlich erstmal mit Glück erfüllte. In der 67. Minute kam Neymar, der 34 Jahre alte Superstar, der ganz zum Schluss dieses Spiels sogar noch ein letztes Tor geschossen hat. Aber da waren der Glaube und auch das Spiel längst verloren; viele Menschen im Publikum waren in einer Art Schockzustand erstarrt, Brasilien, diese stolze Fußballnation, lag in jener zehnten Minute der Nachspielzeit durch zwei Treffer des unglaublichen Erling Haaland mit 0:2 zurück.Neymars sehr spätes Elfmetertor war kein Trost mehr, kurz darauf sollte der Kapitän Marquinhos mit traurigen Augen sagen: „Was passiert ist, ist unerklärlich, Es fällt mir schwer, Worte zu finden.“Auf den Tribünen flossen viele Tränen, während Haaland die Trommel schlug und die beiden Blöcke in Rot mit den Norwegern rudernd im Glück schwelgten. „Ich glaube, jeder norwegische Staatsbürger kann diesen Abend genießen“, sagte Trainer Stale Solbakken, der den erstaunlichen Verlauf des Abends mit einem Klassiker der Fußballgegenwart verglich: „Das Spiel war ein bisschen wie Manchester City gegen Real Madrid. Der Gegner zog sich zurück und setzte auf Konter, während wir geduldig auf unsere Chancen warteten und ihn zermürben mussten. Genau das ist eine unserer Stärken, und ich denke, das haben wir heute sehr gut umgesetzt.“Brasilien vergibt gute ChancenDie Norweger hatten 64 Prozent Ballbesitz und spielten 680 Pässe, 351 mehr als die einstmals für ihre schöne Spielweise bekannten Brasilianer, deren Trainer Carlo Ancelotti sagte: „Wir wollten nicht hoch pressen, und für 70 Minuten hatten wir das Spiel damit unter Kontrolle.“ Doch dann hat Haaland die Partie entschieden.Tatsächlich hatte Ancelottis Seleção einen sehr ordentlichen Ancelotti-Fußball gespielt. Ohne große Gestaltungsambitionen, dafür aber mit schlauen Ballgewinnen und sehr gefährlichen Angriffen. Die Chancen auf den Sieg waren vorhanden. Bruno Guimarães verschoss früh im Spiel einen Foulelfmeter (14.). Der eingewechselte Endrick hatte nach einem brillanten Pass von Vini Jr. eine klassische Riesenchance alleine vor dem norwegischen Tor, verarbeitete den Ball aber technisch unsauber und scheiterte am brillanten Torhüter (59.).Doch dann kam nach 67 Minuten der mittlerweile 34 Jahre alte Neymar auf den Platz, womit sich das Spiel veränderte. Der kompakte Carlo-Ancelotti-Block war auf einmal auseinandergezogen, aus ‚kein Pressing‘ wurde schlechtes Pressing unter der Anleitung Neymars‘, der ehemalige Star rannte aktivistisch zwischen den norwegischen Abwehrspielern hin und her. In Situationen, in denen Argentiniens Lionel Messi in Kenntnis seines Alters gar nicht mehr läuft, vergeudete Neymar Kräfte und schadete der Ordnung. Das wurde neben den vergebenen Chancen, Haalands Magie und dem phantastisch haltenden Torhüter Örjan Nyland zu einem entscheidenden Faktor für diese neuerliche brasilianische WM-Katastrophe.Was wird aus Ancelotti?Dabei hatten die Brasilianer so sehr gehofft, die jüngste Misserfolgsserie von zuletzt zwei Viertelfinalniederlagen bei den Turnieren von 2018 und 2022 zu durchbrechen. „Wir haben Erfahrung und haben Qualität“, sagte Marquinhos, „aber heute hat die norwegische Mannschaft ihre Chancen genutzt.“ Das ist das eine Kapitel der Geschichte dieses Spiels. Mindestens ebenso relevant ist aber die Frage, ob Ancelottis Konterfußball zur DNA dieser Fußballnation passt.Die Antwort wird nicht so leicht zu finden sein. Denn es war schon möglich, dass diese Strategie zum Erfolg führt. Brasilien war nicht vollständig schlecht, aber die Norweger hatten am Ende mehr Energie. „Wir haben gespielt und gespielt, bis sie müde waren, und dann haben wir zugeschlagen“, sagte Solbakken.In jedem Fall ist diese Niederlage für den brasilianischen Fußball eine Katastrophe ähnlichen Ausmaßes wie die Sechzehntelfinalniederlage des deutschen Teams gegen Paraguay. Zweifelsohne war Norwegen ein starker Gegner, aber die historische Gesamtlage für Brasilien ist vielleicht noch gruseliger. Dem legendären 1:7 im Halbfinale von 2014 gegen Deutschland folgten zwei Viertelfinalniederlagen bei den Turnieren von 2018 und 2022. Jetzt im Achtelfinale auszuscheiden, ist ein neuer Tiefpunkt dieser einstmals so stolzen Fußballnation. Das ist ihnen seit 1990 nicht mehr passiert, als Diego Maradona und Gabriel Batistuta die Seleção so früh im Turnier nach Hause beförderten.Als das Spiel schließlich abgepfiffen war, war der Kaugummi kauende Carlo Ancelotti, auf dessen Schultern die Hoffnungen ruhten, ein Stück weit entzaubert. Jetzt gehe es erstmal darum, „die Gefühle zu sortieren“, sagte Ancelotti, die Analyse werde folgen. Er wird sich fragen lassen müssen, ob sein Spielansatz mit diesen tief stehenden Ketten noch zeitgemäß ist. Ob es klug war, den gealterten Neymar mitzunehmen, wird auch aufgearbeitet werden. Aber zunächst wird getrauert in Brasilien.