Man hat ihn fast das ganze Spiel nicht gesehen, er hat häufiger vor Frust mit den Armen gerudert als den Ball berührt. Aber am Ende stand Erling Haaland einmal richtig, hielt den Kopf hin, gab dann als Zugabe noch einen präzisen Linksschuss von der Strafraumgrenze ab – und stürzte ganz Brasilien ins Unglück. Norwegen gewinnt 2:1 gegen den fünfmaligen Weltmeister und steht im WM-Viertelfinale. Weil Haarland offenbar nicht anders kann, als Tore zu schießen. Neymars Anschlusstreffer durch einen Strafstoß in der Nachspielzeit kam deutlich zu spät.Für die brasilianische Fußballnation verlängern sich damit gleich zwei Traumata. Zum einen blickt das Land auf eine nahezu ein Vierteljahrhundert währende Leidensgeschichte gegen europäische Mannschaften zurück. Seit dem siegreichen WM-Finale vor 24 Jahren gegen Deutschland scheiterte die Seleção an Frankreich (2006), den Niederlanden (2010), Deutschland (2014), Belgien (2018), Kroatien (2022) und nun also auch noch an Norwegen. Zum anderen gibt es damit weiterhin nur ein einziges Land, das Brasilien in seiner ruhmreichen Fußballgeschichte nie bezwingen konnte: Es liegt in Skandinavien und besticht durch seine Fjorde sowie durch seinen Haaland.MeinungEntscheidung der Fifa:Die Aufhebung der Rot-Sperre gegen einen US-Stürmer ist ein SkandalFür die Brasilianer begann das Spiel mit einem Schock in der dritten Minute. Nach einem überfallartigen Spielzug, der von Martin Ödegaard ausging, hämmerte Patrick Berg den Ball in den Winkel. Der Treffer wurde wegen einer Abseitsstellung von Alexander Sörloth aberkannt, aber spätestens ab diesem Moment war klar, wie schwer das für Brasilien werden würde.Ein paar Minuten später standen dann die Norweger kurzfristig unter Schock. Doch nach einer Bilderbuch-Strafraumsense von Kristoffer Ajer gegen Matheus Cunha, die außer dem Schiedsrichter alle gesehen hatten – inklusive VAR –, schnappte sich wundersamerweise Bruno Guimarães den Ball und vergab den fälligen Elfmeter kläglich. Es wird die brasilianischen Fußballhistoriker noch eine Weile beschäftigen, warum Vinicius Jr. diesen Strafstoß nicht übernommen hatte. Nach diesen zehn höchst schmissigen Anfangsminuten musste man sich fragen: Was kommt wohl als Nächstes?Die Norweger wirkten, als hätten sie nicht zu viel Respekt vor ihrem Gegner, sondern zu wenigNun, als Nächstes brach das halbe Stadion in Jubel aus, als auf der Leinwand der Basketballer Jalen Brunson eingeblendet wurde, der Superheld der New York Knicks. Ganz und gar unauffällig verhielt sich dagegen jener Superheld Norwegens, den man an der Copacabana unter dem Namen „O Haalandsch“ kennt. Seinen ersten Beitrag zu diesem unterhaltsamen Spielchen leistete Erling Haaland mit einem etwas zu flach geratenen Lupfer in der 37. Minute, der bequem in die Handschuhe von Brasiliens Torwart Alisson Becker passte.Es war alles in allem eine erste Halbzeit, die Brasiliens italienischem Trainer Carlo Ancelotti besser gefallen haben dürfte als den brasilianischen Fans im Stadion. Die Spieler in Kanariengelb traten hier eher wie die ambitionierten Außenseiter auf, sie überließen den Norwegern weitestgehend das Kombinationsspiel im Mittelfeld und verlegten sich auf gelegentliche, gefährliche Konter.Die Norweger wirkten derweil so, als hätten sie nicht zu viel Respekt vor ihrem Gegner, sondern zu wenig. Sie leisteten sich ein halbes Dutzend leichtsinniger Ballverluste, man hatte den Eindruck: Sie spielten nicht nur gegen Brasilien, sondern auch mit dem Feuer. Ohne ihren glänzenden Torhüter Örjan Nyland hätten sie zur Pause womöglich schon uneinholbar zurückgelegen. Auf der anderen Seite machte auch Alisson seinen Job mehr als ordentlich, als er eine 87-prozentige Chance von Ödegaard entschärfte.Fast wie Ann-Katrin Berger: Örjan Nyland pariert eine Bogenlampe gerade noch so im Rückwärtsspringen an den Pfosten. John Sibley/ReutersAuch nach dem Wechsel tat sich die Seleção extrem schwer, überhaupt in den Besitz des Balles zu gelangen. Nach knapp einer Stunde hatte offenbar auch Ancelotti genug, er schickte den jungen, hochbegabten Endrick auf den Platz, der mit seinem ersten Ballkontakt auch prompt eine 91-prozentige Chance vergab. Aber die Brasilianer wirkten mit dem Auftritt von Endrick kurzzeitig wie wachgeküsst.Wenig später verpasste ein heranschlitternder Haaland um Haaresbreite auf der anderen Seite. Alle in New Jersey spürten: Dieses Spiel stand jetzt auf des Messers Schneide, es hätte in diese oder jene Richtung kippen können. Und Ancelotti versuchte, es auf seine Seite zu kippen, indem er den etwas in die Jahre geratenen Neymar aufs Feld schickte, der immerhin Elfmeter schießen kann.Aber das Spiel kippte auf die Haaland-Seite. Nach einer Flanke des eingewechselten Andreas Schjelderup stieg er am Fünfmeterraum am höchsten, hielt den Kopf hin, und es kam, wie es vermutlich kommen musste. Es war Haalands 21. Ballkontakt in diesem Spiel. Mit seinem 26. Kontakt traf er zum zweiten Mal.
WM 2026: Erling Haaland stürzt Brasilien ins Unglück
Der fünfmalige Weltmeister ist raus, mal wieder gegen einen Europäer: Erst hält Torwart Örjan Nyland Norwegen im Spiel, dann schlägt der bis dahin kaum sichtbare Erling Haaland zu.











