Eine sehr menschliche Regung liegt in diesem Kontakt der Naturgewalt mit dem Ball, der die norwegische Nationalmannschaft ins bisher größte Spiel der nationalen Fußballgeschichte befördert hat, das an diesem Sonntag ansteht. Fünf Tage zuvor rollt der Ball im Sechzehntelfinale direkt auf einen linken Fuß zu, der üblicherweise die Kraft eines Pferdes mit chirurgischer Präzision verbindet – auf den Fuß von Erling Haaland.Aber in diesem Fall schwingt tatsächlich Unsicherheit, ja vielleicht sogar Versagensangst in dem Schüsschen mit, das der norwegische Torjäger ausführt. Es reicht gerade noch, der Ball kullert über die Linie, wodurch Norwegen im WM-Achtelfinale gegen Brasilien spielt.Tatsächlich löst dieser Moment ein Naturphänomen aus, in Norwegen bebt die Erde. „Es gab ziemliche Ausschläge“ am Seismographen, zitiert die Zeitung „Verdens Gang“ Mathilde Böttger Sörensen vom Geophysikalischen Institut der Universität Bergen. Dieser heftige Jubel untermalt die historische Bedeutung des WM-Turniers, die vor dem Achtelfinale nicht einmal Haaland unberührt lässt – diesen auf dem Fußballplatz manchmal geradezu unheimlich lässig erscheinenden Torjäger.„Wir haben uns zum ersten Mal seit 28 Jahren qualifiziert, wir haben es zum ersten Mal durch die Gruppenphase geschafft, und jetzt sind wir noch eine Runde weiter und treffen in New York auf Brasilien“, sagt Haaland. Die WM bleibt auch für Champions-League-Gewinner und Premier-League-Torschützenkönige ein Ereignis, das Ehrfurcht einflößt.Faszination und BelastungDer Begriff „Naturgewalt“ wurde Haaland während seiner Zeit bei Borussia Dortmund zwischen 2020 und 2022 zugeschrieben und passt offenkundig besser als je zuvor. Einerseits. Denn bei dieser Weltmeisterschaft strahlt Haaland auch etwas Kindliches aus. Eine große Faszination für diese seltene und für ihn selbst völlig unbekannte Gelegenheit. WM-Fußball hat eine eigene Bedeutung, die Turniere hinterlassen meist tiefere Spuren in der kollektiven Erinnerung einer Nation. Das ist allerdings auch eine Belastung.Bei den Norwegern gibt es zwar mit Martin Ødegaard vom FC Arsenal noch einen zweiten Superstar, aber der Mann im Mittelpunkt ist Haaland, der enorme Erwartungen schultern muss. Sein Fuß zitterte im Spiel gegen die Elfenbeinküste mutmaßlich, weil der Kopf wusste: Nie zuvor hat Norwegen ein K.-o.-Spiel bei einer WM gewonnen. Vielleicht werden diese WM-Tage tatsächlich einzigartig bleiben, das mutmaßt jedenfalls Haaland: „Es ist unglaublich, also ist alles ab jetzt ein Bonus. Jetzt können wir entspannt spielen und es einfach genießen, weil ich nicht denke, dass wir dieses Gefühl je wieder erleben werden“, sagt er vor dem Spiel gegen die Brasilianer.Als Cowboy auf ShoppingtourDiese Art von Demut ist eine nicht immer sichtbare Facette an diesem Fußballer, ausgelöst durch die WM, bei der er nicht nur Torjäger, sondern auch Posterboy ist. Vor dem Turnier hatte sich der Fünfundzwanzigjährige mit seinen Mitspielern als Wikinger verkleidet, es entstanden interessante Fotos. Darauf fällt Haaland durch seine langen Haare genauso auf wie vor ein paar Tagen in Dallas, wo er beim Shoppen mit Stiefeln und Hut als Cowboy posiert. Die Bilder gehen viral, weil die Frisur in jedem Setting interessant wirkt. Das „People“-Magazin schreibt: „Erling Haaland liebt das Cowboy-Leben.“Das mag stimmen, vor allen Dingen jedoch liebt er das Leben als WM-Fußballer. An Haaland ist gut sichtbar, welche Wirkung so eine Weltmeisterschaft jenseits all der Widrigkeiten und Kritikansätze ganz einfach auf der Ebene des Sports hat. „Jeder weiß, dass das großartig ist, jeder weiß, dass es ein großer Moment für mich ist und eine große Bühne. Es macht Spaß, aber es ist viel Druck, also machen wir jetzt weiter“, sagt er bereits nach dem ersten Spiel. Nach dem vierten Auftritt hat er fünfmal getroffen und seine Nationalmannschaftsbilanz auf 60 Tore in 53 Partien ausgeweitet. Schon in der Qualifikation trug er mit 16 Treffern in acht Partien viel dazu bei, dass Norwegen überhaupt mitspielen darf. Erstmals seit 1998, als es übrigens auch zum Duell mit Brasilien kam. Norwegen gewann mit 2:1 und blieb auch in den anderen drei Spielen gegen die Seleção unbesiegt.Wer ist der beste Stürmer der Welt?Mehr oder weniger automatisch nimmt Haaland mit seiner persönlichen Bilanz an einem in der Turnierhistorie einzigartigen Wettstreit teil: Gemeinsam mit Lionel Messi (Argentinien), Kylian Mbappé (Frankreich), Vinícius Jr. (Brasilien) und Harry Kane (England) duelliert er sich nicht nur um die Auszeichnung des besten Turniertorschützen, sondern auch um den inoffiziellen Titel des besten Stürmers der Welt. Haaland selbst sagt dazu: „Ich habe in dieser Saison nicht die meisten Tore geschossen. Harry Kane und Kylian Mbappé haben mehr Tore geschossen. Das ist die Realität, ich bin es nicht.“ Aber das sieht nicht jeder so.Ståle Solbakken kommt beispielsweise zu einem anderen Urteil. „Erling ist der größte Torjäger der Welt“, sagt der norwegische Trainer und nennt seine Gründe: „Er bringt eine gewisse Abgeklärtheit in die Mannschaft. Seine Fähigkeit, den Ball zu behaupten, wird oft unterschätzt. Dass er bei einer Weltmeisterschaft fünf Tore für ein kleines Land wie Norwegen erzielen würde – ich glaube, nicht einmal er selbst dachte, dass ihm so etwas gelingen könnte.“ Zumindest die beste klassische Nummer neun ist er vielleicht tatsächlich, Messi, Viní Jr. und Mbappé sind andere Spielertypen. Und Kane stellt seine Torrekorde in der Bundesliga auf, während Haaland bei Manchester City in drei seiner vier Jahre Torschützenkönig in der stärksten Liga der Welt war.Der beim TV-Sender Fox als Experte eher wenig begeisterungsfähige Zlatan Ibrahimović erkennt in Haaland mittlerweile sogar einen Artgenossen. Jedenfalls fällt dem Schweden ausnahmsweise eine nette Formulierung ein, um seine Bewunderung für den Norweger zum Ausdruck zu bringen: „Ich muss ihn wohl auf meiner Liste der ‚Könige des Dschungels‘ nach oben setzen. Er kommt Zlatan immer näher.“ Für Haaland ist der ganze Hype um seine Person unterdessen nur zweitrangig. Er will spielen und gegen Brasilien weiterkommen, was diese WM dann endgültig einzigartig machen würde. Im Kreis der acht besten WM-Mannschaften war Norwegen noch nie.
Fußball-WM 2026: Norwegens Hoffnung heißt Erling Haaland
Er schießt WM-Tore, die Erdbeben auslösen: Auf dem norwegischen Ausnahmestürmer Erling Haaland lastet die Hoffnung eines ganzen Landes. Vom Spiel gegen Brasilien verspricht er sich einen besonderen Genuss.















