KommentarZu wenig, zu spät: Deutschland braucht eine Rosskur, keine mittelprächtige ReformZehntausend verlorene Industriejobs pro Monat: Das Fundament der deutschen Wirtschaft bricht weg, und die vorgeschlagenen Reformen der Regierung werden wenig daran ändern. Das ist auch für die Schweiz gefährlich.05.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenHätte er den Penalty versenkt? Bundeskanzler Friedrich Merz will Donald Trump im Team Deutschland haben.Dominique Jacovides / Abaca / ImagoDeutschland ist der kranke Mann Europas. Sinnbild für die tiefe Krise, in der unser Nachbarland steckt, ist nicht länger nur die Deutsche «Pleite, Pech und Pannen»-Bahn. Nun kommt auch noch das blamable WM-Aus gegen Paraguay dazu.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Früher war klar: Egal wie hoffnungslos die Situation auf dem Rasen, am Ende triumphierte immer die deutsche Mannschaft mit ihrem unbändigen Siegeswillen.Diese Gewissheit ist dahin, und andere schwinden ebenfalls rasch: etwa dass der innovative Mittelstand wirtschaftlich die Kohlen aus dem Feuer holt – egal, wie schlecht Berlin gerade regiert.Denn nun macht China diese mittelständischen Firmen platt, die als Rückgrat der Wirtschaft gelten. Laut einem Bericht des Beratungsunternehmens EY gehen in der deutschen Industrie jeden Monat mehr als 10 000 Arbeitsplätze verloren. Wäre es nicht so teuer, Mitarbeiter zu entlassen, läge diese Zahl wohl noch höher.Nach Jahren dogmatischer, weltfremder Wirtschaftspolitik, die sich etwa in exorbitanten Stromrechnungen und einer kafkaesken Bürokratie manifestiert, stehen viele Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Und Friedrich Merz ebenfalls.Der deutsche Bundeskanzler schneidet in Umfragen mittlerweile schlechter ab als sein glückloser Vorgänger Olaf Scholz. Er spürt den Atem der rechtspopulistischen AfD im Nacken, die ihn beerben könnte.Dieser Merz will nun «Deutschland wieder flottkriegen». Seine Regierung hat diese Woche ein Reformprogramm mit über dreissig Punkten vorgestellt. Das klingt gross.Merz, dessen Partei CDU mit der SPD eine unproduktive Koalition bildet, schränkte allerdings gleich selbst ein, dass es sich nicht um einen «Big Bang» handle.Trotzdem zeigt sich der Bundeskanzler überzeugt: «Wir brechen auf in die Zukunft, wir machen uns stark, damit wir in der neuen Zeit gut leben können.» Was soll er denn sonst sagen?Ein wirtschaftlich starkes Deutschland wäre das Wunschszenario für ganz Europa und speziell für die eng mit ihrem Nachbarn verzahnte Schweiz. Leider ist es kein wahrscheinliches Szenario.Das merzsche Paket geht zwar in die richtige Richtung. Doch Deutschland braucht eine Rosskur, vergleichbar mit der, die Margaret Thatcher in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts dem Vereinigten Königreich verordnet hatte. Der politische Reformkompromiss der CDU mit der Besitzstandwahrer-Partei SPD in Deutschland ist hingegen too little, too late.Und im Vergleich zu Thatchers Zeiten ist die Grosswetterlage heute düster: Die Regierung Trump zieht Handelsbarrieren hoch und bricht transatlantische Brücken ab. China, das einst der beste Kunde der deutschen Exportwirtschaft war, ist zu deren härtestem Konkurrenten geworden. Auch demografisch sieht es schwarz aus: Die deutsche Erwerbsbevölkerung schrumpft dieses Jahr erstmals. Reiche und gut Gebildete kehren dem Land den Rücken. Und beim Thema KI, der Technologie der Stunde, spielt die Musik ohnehin anderswo.Nun liegt es in der Natur von Strukturreformen, dass sie nur langsam greifen. Das sieht man exemplarisch an der maroden Infrastruktur: Es dauert Jahrzehnte, bis Deutschland alle bröckelnden Autobahnbrücken, veralteten Gleise und Stellwerke sanieren kann.Auch die geplante Erhöhung des Rentenalters wird erst nach Jahren Wirkung zeigen. Doch Deutschland verwendet – oder verschwendet – bereits ein Viertel des Bundeshaushalts, um Löcher im Rentensystem zu stopfen.Die vorgeschlagenen Massnahmen zum Bürokratieabbau sind klug. Doch wenn Beamte in Bürgern und Firmen Weisungsempfänger sehen und nicht Kunden, braucht es wohl viel drastischere Massnahmen. Der Unternehmer Elon Musk würde mit der Kettensäge aufkreuzen.Schnell Wirkung entfalten könnten hingegen Steuererleichterungen, doch ausgerechnet hier sind die Vorschläge der Regierung besonders mutlos. Dabei schätzt sie selbst das Wirtschaftswachstum dieses Jahr auf magere 0,5 Prozent.Die Stagnation in Deutschland dauert schon fast vier Jahre, und das stellt auch für die Schweiz eine tickende Zeitbombe dar. Deutschland ist ihr wichtigster Exportmarkt. Die Schweiz kann zwar Kapital, Forscher, Fachkräfte und manchmal ganze Firmen aus dem Nachbarland anziehen. Und vielleicht geht es ja so weiter.Doch die Entwicklung verläuft nicht immer linear. Sollte es im Nachbarland zu grösseren Umbrüchen kommen, etwa wenn die AfD an die Macht kommt, wird es auch für die Schweiz ungemütlich.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel