«Das schiesst uns Deutschland als Wirtschaftsstandort kaputt»Deutschland arbeite zu wenig, reguliere zu viel und verdränge die wahren Kosten seines Sozialstaats, sagt Rainer Dulger, der Präsident der deutschen Arbeitgebervereinigung. Er fordert mehr Mut bei Rente, Arbeitszeit und Bürokratieabbau – sonst verliere Deutschland weiter Talente an Länder wie die Schweiz.01.07.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenRainer Dulger nach dem Sozialpartnerdialog im Kanzleramt im Juni: Das Treffen habe vielen Beteiligten die Dringlichkeit von Reformen noch einmal vor Augen geführt, sagt er.ImagoWenn Sie dem Bundeskanzler eine Schulnote für das Reformtempo seiner Regierung geben müssten: Welche wäre das?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Bundeskanzler ist kein Schüler, und ich bin kein Lehrer. Aber ich gebe Ihnen gern ein Zeugnis in Worten statt in Ziffern. Aussen- und europapolitisch hat Friedrich Merz Deutschland wieder mehr Geltung verschafft. Das gefällt mir gut. Wirtschaftspolitisch aber gibt es erheblichen Verbesserungsbedarf.Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?Wirtschaftspolitik ist mehr als Industriepolitik, sie entscheidet sich auch bei der Arbeit und dem Sozialen. Dort drückt sich die Politik schon viel zu lange vor Reformen, weil sie kompliziert sind und niemandem Applaus bringen. Die Sozialbeiträge liegen bereits bei mehr als 40 Prozent. Setzen wir die derzeit diskutierten Vorschläge um, stehen wir Anfang der 2030er Jahre bei 46 oder 47 Prozent. Das schiesst uns Deutschland als Wirtschaftsstandort kaputt.Wo ist der Punkt, an dem es kippt?Diesen Punkt haben wir längst hinter uns – jeder Monat über 40 Prozent ist einer zu viel. Wir müssen uns im europäischen und internationalen Vergleich messen. Wir sehen: In Deutschland wird Arbeit immer teurer, und gleichzeitig kommt von den steigenden Löhnen bei unseren Beschäftigten immer weniger an. Das ist ein doppelter Schaden. Schon jetzt packen viele gut ausgebildete, ehrgeizige junge Deutsche lieber die Koffer Richtung Grossbritannien oder Schweiz. Deutschland muss wieder attraktiver werden und gute, hungrige Arbeitskräfte anziehen, statt sie zu verlieren.Das gängige Narrativ ist ja: Das deutsche Geschäftsmodell bricht weg, China exportiert selbst, wir haben uns zu lange auf billige Energie verlassen. Haben Sie den Eindruck, dass der Effekt, von dem Sie sprechen, in der Politik präsent ist?Angekommen ist es, glaube ich, durchaus. Nur beim Ausweg gehen die Vorstellungen meilenweit auseinander. In der Union höre ich häufiger: Wir müssen unsere Sozialsysteme reformieren, wir müssen die nicht enden wollende Geldgier des Staates einbremsen. Von Gewerkschaftsvertretern höre ich vor allem die drei S: Subventionen, Schulden und Steuern.Letztgenanntes ist kurzfristig bequemer.Bequem, aber falsch. Die richtige Antwort heisst: Freiheit – unternehmerische Freiheit, gute Rahmenbedingungen durch den Staat, möglichst geringe Belastung für Unternehmen und Beschäftigte. Im Moment erleben wir genau das Gegenteil: Der staatliche Konsum frisst das Wachstum von morgen schon heute auf.Die Regierung spricht derzeit viel über ihren Reformwillen. Spüren Sie diesen – oder ist das eher der Wunsch, reformorientiert zu wirken?Absichtserklärungen sind noch kein Regierungshandeln. Wir brauchen eine Regierung, die entschlossen handelt und nicht nur entschlossen formuliert. Ein Beispiel sind die Vorschläge der Rentenkommission. Was die Kommission vorgelegt hat, zeigt immerhin Entschlossenheit. Vieles davon reicht uns Arbeitgebern noch nicht. Jetzt bin ich gespannt, was die Bundesregierung daraus macht.Sie haben die Vorschläge der Kommission verhalten kritisiert, für einzelne Bausteine. Unterm Strich: Ist das mehr, als Sie erwartet hatten?Es sind Schritte in die richtige Richtung, aber noch kein grosser Wurf – und schon gar kein Turnaround. Positiv sind die Einschränkung der Frühverrentung und die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Das fordern wir seit langem. Wenn wir das Rentensystem stabilisieren wollen, brauchen wir eine kapitalgedeckte Komponente. Falsch ist dagegen, die gesetzlichen Rentenbeiträge dafür um 2 Prozent zu erhöhen. Das schlägt direkt auf die Lohnzusatzkosten durch. Auch die Abschaffung der Minijobs wäre ein Fehler: Gerade im Dienstleistungsbereich sind viele Betriebe auf dieses flexible Instrument angewiesen wie Menschen auf Sauerstoff.Sie waren ja beim Sozialpartnerdialog. Ein hilfreiches Format?Ja. Der Dialog zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ist eine tragende Säule unserer Sozialen Marktwirtschaft – auch dann, wenn wir uns inhaltlich nicht einig sind. Bei zentralen Reformfragen finden wir derzeit keinen gemeinsamen Lösungskorridor. Aber das Gespräch im Kanzleramt war kein verlorener Abend. Der Ernst der Lage ist dort noch einmal deutlich geworden.Hatten Sie den Eindruck, Sie waren dort als Berater oder als Mitverantwortlicher eingeladen?Klar als Mitverantwortlicher. Aber handeln müssen am Ende die Koalitionäre. Unser Signal an die Politik ist eindeutig: Ihr müsst jetzt liefern. Nicht wir. Und bitte keine Angst vor Veränderungen. Die Welt um uns herum verändert sich im Sprint, wir dürfen uns dabei nicht im Schongang bewegen. Nur wer sich verändert, spielt morgen noch eine Rolle.Die Debatte über die flexiblere Aufteilung der täglichen Arbeitszeit auf die Woche ist eine der anstehenden Reformfragen. Die Arbeitsministerin hat mitgeteilt, dass sie keine grosse Lust auf dieses Thema verspüre. Warum fällt es Deutschland so schwer, darüber nüchtern zu sprechen?Es geht nicht darum, worauf jemand Lust hat. Es geht darum, was dieses Land braucht. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie notwendige Reformen anpackt – mit oder ohne Lust. Und ich erwarte von den Spitzen der Koalition auch eine positive Erzählung vom Wandel, nicht nur Abwehrhaltung gegenüber jedem, der etwas verändern will. Der Wirtschaftsstandort Deutschland muss endlich wieder wettbewerbsfähig werden, und der wartet nicht auf bessere Laune im Ministerium.Warum traut Deutschland Arbeitnehmern so wenig Selbststeuerung zu?Da fragen Sie den Falschen, ich halte das für hochgradig übergriffig. Die Menschen wollen Freiheit, keine Bevormundung. Unser aller Alltag zeigt doch längst, dass starre Arbeitszeitmodelle oft an der Realität vorbeigehen. Im Handwerk schaut niemand auf die Uhr, sondern darauf, ob die Arbeit fertig wird. Und wenn ich abends von zu Hause noch mit einem amerikanischen Kunden telefoniere, müsste ich danach elf Stunden Ruhezeit einhalten und dürfte am nächsten Morgen gar nicht ins Büro. Das ist kein Arbeitsschutz, das ist Lebensfremdheit mit Gesetzeskraft. Der Staat sollte einen Rahmen setzen, mehr nicht. Den Rest regeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer.Wenn Sie so etwas öffentlich sagen, wird Ihnen gern vorgeworfen, Sie würden Arbeitnehmer ausnutzen wollen.Sind in der Schweiz alle Ausbeuter und Verbrecher? Nein. Trotzdem arbeiten die Menschen dort deutlich mehr als wir. Viele unserer Wettbewerber arbeiten länger, mit weniger Feiertagen und weniger Ferien. Die Konsequenz ist doch klar: Wir werden mehr und länger arbeiten müssen. Ich gehe davon aus, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit künftig in Deutschland wieder Richtung 40 Stunden wandert. Geben wir nicht mehr Gas, fahren die anderen einfach an uns vorbei. Der Staat muss dabei seinen Teil leisten – mit mehr Netto vom Brutto macht man Arbeit wieder attraktiv, statt sie zu bestrafen.Können wir den Sozialstaat so halten, wie wir ihn kennen, ohne länger zu arbeiten?Sicher nicht. Wir werden alle länger arbeiten müssen – und wir müssen diesen Sozialstaat selbst reformieren. Was mir die grösste Sorge macht: Der Staat wächst deutlich schneller als unsere Wirtschaftsleistung. Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor wächst, die Beschäftigung in der Industrie schrumpft – diese Schere können wir uns nicht leisten. Treiben wir das weiter, rutschen wir Richtung Planwirtschaft, nur mit Aktenordner statt Fünfjahresplan. Der Staat ist zu gierig, und wir haben bereits eine Staatsquote von etwa 50 Prozent. Helmut Kohl hat einmal gesagt: Ab da beginnt der Sozialismus. Der Staat braucht eine nachhaltige Diät, zur Not eben mit einer Obergrenze bei der Staatsquote.Zur PersonRainer Dulger, ArbeitgeberpräsidentDer 62-Jährige ist seit 2020 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und einer der einflussreichsten Wirtschaftsvertreter des Landes. Der Maschinenbauingenieur stammt aus Heidelberg und ist Gesellschafter des Familienunternehmens Prominent, eines weltweit tätigen Herstellers von Dosier- und Wasseraufbereitungstechnik. Dulger, ein Verfechter der Marktwirtschaft, fordert seit Jahren tiefere Lohnnebenkosten, mehr Arbeitsmarktflexibilität und weniger Bürokratie.Was macht Sie zuversichtlich, wenn Sie über Effizienzgewinne und Staatsmodernisierung sprechen?Digitalminister Karsten Wildberger macht hier einen guten Job. Er versucht, staatliche Prozesse endlich einfacher und effizienter zu organisieren. Mich würde wirklich interessieren: Warum muss ich bei jedem Behördengang wieder neu angeben, wer ich bin, wann ich geboren wurde und wie ich heisse – sogar bei der Behörde, die meinen Ausweis selbst ausgestellt hat? Das ist längst keine Bürokratie mehr, eher ein Treppenwitz mit Aktenzeichen.Reden wir uns in Deutschland manchmal ein, dass wir alles gleichzeitig haben könnten – hohe Sozialleistungen, frühe Rente und trotzdem international wettbewerbsfähige Arbeitskosten?Es wäre schon ein grosser Fortschritt, wenn die Bundesregierung dem Bundestag einmal im Jahr verpflichtend Bericht erstatten müsste über die Zukunftsfähigkeit unserer Sozialversicherungen. Dann hätten wir wenigstens regelmässig eine ehrliche Debatte. Im Moment weiss jeder: Das Thema ist vermint. Macht jemand einen überzogenen Vorschlag, beginnt sofort das politische Bashing. Davor haben viele Abgeordnete Angst, aber die sollten sie nicht haben. Wir müssen jeden Stein umdrehen, wenn wir besser werden wollen.Mein Eindruck ist, dass in Deutschland oft gar nicht mehr darüber gesprochen wird, was man reformieren könnte, weil vieles als unverrückbar gilt.Ich werbe in Berlin in jedem Gespräch für den grossen Wurf, nicht für das kleine Reförmchen. Ich werde nicht müde, Vorschläge zu machen, wie man reformieren kann – ohne dass jemand grundsätzlich schlechter versorgt wird. Ein Beispiel: Früher gab es den Wehr- und Zivildienst. Ich persönlich plädiere für ein verpflichtendes soziales Jahr für Männer und Frauen – ob bei der Bundeswehr, in der Pflege, im Krankenhaus, bei der Feuerwehr, beim Technischen Hilfswerk oder im Katastrophenschutz: Jeder sollte einmal im Leben etwas für die Gesellschaft leisten, denn diese Gesellschaft gibt uns Bildung, Sicherheit und Gesundheitsversorgung. Da ist es nicht zu viel verlangt, einmal im Leben etwas zurückzugeben.Glauben Sie, dass wir wieder bei einer Dienstpflicht landen?In meiner Generation war das normal. So etwas entlastet soziale Systeme – und es hält Pflege, Katastrophenschutz und Streitkräfte in der Mitte der Gesellschaft, statt sie an den Rand zu drängen. Ich persönlich bin überzeugt: Ein verpflichtendes soziales Jahr würde diesem Land guttun und unsere sozialen Dienste sichtbar entlasten.Wir sprechen einige Tage vor dem Koalitionsausschuss am 1. Juli. Womit rechnen Sie?Jetzt zählt nur noch eins: ins Handeln kommen. Vom 1. Juli muss ein Signal ausgehen, das Lust auf Wachstum macht statt Angst vor der nächsten Reform. Deutschland braucht Rahmenbedingungen, in denen sich Unternehmertum wieder lohnt. Ich erwarte mehr Entlastung, weniger Bürokratie und weniger Regulierung. Bürokratierückbau ist die seltene Reform, die sofort wirkt – und fast nichts kostet.Viele gesetzliche Vorgaben aus Brüssel scheinen an der deutschen Realität vorbeizugehen. Liegt das auch daran, dass unsere Sozialpartnerschaft in Europa eher die Ausnahme ist?Die Entgelttransparenzrichtlinie ist dafür ein Paradebeispiel. Schweden hat gesagt: Das setzen wir so nicht um. Andere europäische Länder ebenso. Selbst in Deutschland stockt die Umsetzung, weil die Probleme längst erkannt sind. Diese Richtlinie schafft keine Gerechtigkeit, sie schafft Papier. Es gibt bei uns trotzdem noch zu viele, die sie ohne Rücksicht auf Verluste eins zu eins durchziehen wollen – und das ist brandgefährlich für unsere Tarifautonomie. Dabei haben wir eine seit mehr als hundert Jahren gewachsene Sozialpartnerschaft. Unsere Tarifverträge garantieren schon lange den Grundsatz: gleiche Arbeit, gleicher Lohn – unabhängig vom Geschlecht. Und ausgerechnet wir glauben, jetzt noch zusätzlich staatlich Gerechtigkeit verordnen zu müssen – mit dem Ergebnis, dass am Ende mehr Gleichmacherei steht, nicht Gerechtigkeit. Wer das mitträgt, sollte in Sonntagsreden nicht mehr von Tarifbindung schwärmen.Deutschland gibt sich oft besonders eifrig bei der Umsetzung.Deutschland ist Weltmeister, nur leider in der falschen Disziplin. Wir wollen es oft noch besser machen, als es ursprünglich gemeint war – der berühmte deutsche Übereifer. Ich glaube, das sollten wir überdenken.Welche Lüge erzählen wir uns wirtschaftspolitisch seit Jahren?Dass die Menschen nicht zu Reformen bereit seien. Ich erlebe das Gegenteil: Viele Menschen sind zu weitreichenden Veränderungen viel eher bereit, als Teile der Politik ihnen zutrauen. Die Leute wissen sehr genau, wie es um das Land steht. Das eigentliche Problem ist: Diese Realität ist in Teilen der Bundesregierung noch nicht vollständig angekommen.Wenn Sie dem Kanzler einen Rat geben dürften: welchen?Mut zur Entschlossenheit. Die Zukunft unseres Landes hängt davon ab. Wenn er will, kann er Deutschland modernisieren und als Wachstumskanzler in die Geschichtsbücher eingehen. Und noch etwas, das mir wichtig ist: Ich werde diese Regierung weiter kritisieren, wo Kritik nötig ist – auch hart, auch öffentlich. Aber ich werde nicht dabei helfen, sie sturmreif zu schiessen. Denn was nach dieser Regierung käme, wäre mit Sicherheit kein sicheres Ufer.Passend zum Artikel