Wir müssen unsere AHV dem Einfluss der Tagespolitik entziehenSeit fast fünfzig Jahren gibt es eine klare Regel, die festlegt, wie stark die AHV-Renten steigen. Aber Bundesbern setzt sie regelmässig ausser Kraft.Melanie Häner-Müller05.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWenn wir länger leben, dürfen wir auch länger arbeiten.dpaDie politische Debatte zur AHV ist derzeit stark geprägt von der Finanzierung der 13. AHV-Rente. Gleichzeitig steht mit der Reform «AHV 2030» bereits die nächste Runde zur Stabilisierung der AHV an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die zentralen Fragen bleiben dabei erstaunlich konstant: Wer zahlt – und wann wird wie gehandelt? Ganz so offen müsste diese Frage nicht sein. Für einen zentralen Teil der AHV – die Rentenentwicklung – existiert seit Jahrzehnten ein klarer Mechanismus. Er betrifft allerdings nur die Ausgabenseite, wo er seit der 9. AHV-Revision Ende der 1970er Jahre greift.Der Mischindex: stille Bremse der RentenausgabenDamals suchte der Bundesrat nach einem System, das die Renten regelmässig an die wirtschaftliche Entwicklung anpasst, ohne dass das Parlament ständig neue Beschlüsse fassen muss. Das Resultat war der Mischindex: ein Durchschnitt aus Preis- und Lohnentwicklung, angewendet in zweijährigem Zeitabstand.Ein Blick in die Botschaft vom 7. Juli 1976 zeigt, wie klar die Zielsetzung formuliert war: Der Anpassungsmechanismus sollte verfassungskonform und wirtschaftlich tragbar sein, eine rechtzeitige und angemessene Angleichung der Renten an die Wirtschaftslage sichern, das Parlament von Routinegeschäften entlasten sowie übersichtlich und leicht zu handhaben sein.Dieser Mechanismus war ein bewusster Kompromiss. Er sollte die Kaufkraft sichern und gleichzeitig eine Beteiligung an der Lohnentwicklung ermöglichen – ohne die Renten vollständig an die Löhne zu koppeln. Mit anderen Worten: Die Renten sollten nicht im Gleichschritt mit den Löhnen wachsen, weil neben der wirtschaftlichen Situation auch die finanzielle Lage der AHV zu berücksichtigen ist. Genau darin liegt die finanzpolitische Bedeutung des Mischindexes.Die Versuchungen der TagespolitikDoch Papier ist geduldig. In der politischen Praxis zeigt sich ein anderes Bild. Zwar impliziert der Mischindex, dass Renten langfristig nur halb so stark wachsen wie die Löhne. Doch tatsächlich sind die Durchschnittsrenten seit der Einführung des Mischindexes bis heute weitgehend im Gleichschritt mit den Löhnen gestiegen.Der Grund liegt in der politischen Dynamik. In Phasen hoher Inflation werden rasch Forderungen nach einem vollständigen Teuerungsausgleich laut. In wirtschaftlich guten Zeiten wiederum wächst der Druck, auch stärker an den Reallohnzuwächsen teilzuhaben. Der Mischindex wird so regelmässig politisch «korrigiert», indem die Renten stärker erhöht werden als vorgesehen.Diese Versuchung der Tagespolitik untergräbt jedoch die Logik des Systems. Was als automatischer Stabilisator gedacht war, wird schrittweise ausgehöhlt. Die Folge: Die Ausgaben wachsen stärker, als es der gesetzliche Mechanismus eigentlich vorsieht.Automatismus wagenDer Grund dafür ist politökonomischer Natur. Reformen in der Altersvorsorge haben es systematisch schwer: Die Vorteile einer nachhaltigen Finanzierung liegen in der Zukunft, die Kosten fallen heute an. Entsprechend gross ist die Versuchung, notwendige Anpassungen aufzuschieben.Damit die AHV nicht von kurzfristigen politischen Interessen gesteuert wird, braucht es ein umfassendes regelgebundenes System. Ein solches System erkennt finanzielle Ungleichgewichte frühzeitig und steuert automatisch gegen – etwa nach dem Vorbild einer Schuldenbremse. Sobald Einnahmen und Ausgaben auseinanderlaufen, werden Anpassungen ausgelöst, statt jahrelang politisch vertagt zu werden.Solche Regeln wirken wie eine Selbstbindung der Politik. Sie entziehen zentrale Stellschrauben der kurzfristigen politischen Logik, ohne die demokratische Kontrolle auszuschalten. Im Vorfeld wird festgelegt, welche Anpassungen greifen, sobald die Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Entscheidend ist, dass der Mechanismus sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite ansetzt.Ein in der Praxis bewährter Ansatz ist die automatische Erhöhung des Rentenalters. In einem Viertel der OECD-Länder wird das Rentenalter bereits automatisch an die Lebenserwartung angepasst, etwa in Dänemark, Italien oder den Niederlanden. Diese Logik trägt einer simplen Realität Rechnung: Wenn wir länger leben, dürfen wir auch länger arbeiten.Der Mischindex war ein Versuch, die Politik an Regeln zu binden. Doch Regeln, die sich jederzeit durch die Tagespolitik übersteuern lassen, verlieren ihre Wirkung. Eine nachhaltige Altersvorsorge braucht Institutionen, die auch dann greifen, wenn der politische Druck am grössten ist.Melanie Häner-Müller leitet den Bereich Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel