Die AfD war mal für ihre ungeordneten Parteitage bekannt. Manches wirkte wie Satire. Für die Versammlungsleitung meldeten sich rüstige Senioren und erklärten in langatmigen Bewerbungsreden, warum weit zurückliegende berufliche Erfolge sie qualifizierten. Die Befürworter der anderen Kandidaten stellten ehrabschneidende Fragen, es gab Tumulte.Irgendwann standen Mitglieder auf, die beide Zeigefinger hochstreckten, um einen Antrag zur Geschäftsordnung anzukündigen. Das war der Gipfel des Querulantentums. Die Redner unterbrachen die Personaldebatte, um eine Nebendebatte über die Länge der Redezeiten zu führen. Manchmal vergingen Stunden, bis sich alle Beteiligten auf eine Versammlungsleitung oder Tagesordnung geeinigt hatten.Trotzdem waren AfD-Politiker stolz darauf, keine Funktionärspartei zu sein, in der Ämter und Mandate unter klüngelnden Interessengruppen verschachert werden. Ganz unabhängig von Ideologie und Radikalität galt: AfD-Parteitage waren chaotisch, aber alles, was geschah, passierte auf offener Bühne. Man wusste, wer mit wem eine Allianz bildete und wer wen verhindern wollte, einfach, weil alle das spontan und ehrlich sagten.
Beim AfD-Parteitag am Wochenende in Erfurt wird das nicht so sein. Der Plan der Parteiführung lautet, Harmonie zu inszenieren, wo keine ist: Die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla sollen sich in zuneigungsvoller Eintracht gegenseitig zur Wiederwahl vorschlagen, zuerst Weidel Chrupalla, dann Chrupalla Weidel. Und dann sollen sie ohne Gegenkandidaten gewählt werden.Anders als bei früheren Parteitagen wird die Frage nicht sein, ob sich Radikale oder Gemäßigte durchsetzen. Manche Kandidaten werden von so gegensätzlichen Figuren wie Björn Höcke und Alice Weidel unterstützt. Oder von Tino Chrupalla und dem liberalen Vorsitzenden von Nordrhein-Westfalen, Martin Vincentz. Wer die AfD in der alten Lagerlogik analysieren will, wird nicht weit kommen. Über Weltanschauung wird in der Partei kaum noch gestritten. Und weil das so ist, könnte man annehmen, in der AfD sei alles friedvoll und harmonisch geworden.Es geht um Intrigen, Drohungen und RachegelüsteZehn Funktionäre der AfD aus verschiedenen Lagern haben der F.A.S. geschildert, warum das ein falscher Eindruck wäre. Sie berichten, was in den zwei Wochen vor dem Parteitag hinter den Kulissen passiert ist, und erzählen von einem Stellvertreterkampf zwischen Alice Weidel und Tino Chrupalla. Es geht um Intrigen, Drohungen und Rachegelüste, aber auch um vertrauliche Netzwerke und Verabredungen in Hinterzimmern. Die Schilderungen der Funktionäre gleichen sich, über die Lagergrenzen hinweg, das macht sie glaubwürdiger. Alle nennen dieselben Namen für Vorstandsposten und Kampfabstimmungen.Alice Weidel bei ihrer Rede auf dem Essener Bundesparteitag im Jahr 2024dpaDie Erkenntnis lautet: Was früher auf offener Bühne geschah, wird heute Tage, manchmal Wochen vorher ausgefochten. Übrig bleiben nur die Konflikte, bei denen keine Mauschelei möglich war. Und auch wenn alle Gesprächspartner betonen, dass bei einem Parteitag ein Rest an chaotischer Ungewissheit bleibt, zeigen ihre Planspiele, wie sehr die AfD sich in genau jene Funktionärspartei verwandelt hat, die sie laut der Gründergeneration nie sein wollte.Schon bei den Vorsitzendenwahlen sind Intrigen und Racheakte nicht verschwunden, man sieht sie nur nicht mehr. Die letzte Wahl war 2024, und damals bekam Chrupalla 83 Prozent und Weidel 80 Prozent. Anhänger von Weidel sind überzeugt, dass Chrupallas Umfeld damals aufgerufen hatte, Weidel nicht zu wählen. Chrupalla bestreitet das, aber Weidels Umfeld glaubt dem nicht.Sie sagen: Chrupalla verdient Rache. Und: Chrupalla habe sich selbst geschwächt. Mit seiner Russlandfreundlichkeit habe er sich in westdeutschen Landesverbänden unmöglich gemacht. Und: Chrupalla fremdele mit dem neurechten Vorfeld der Partei und mit der Jugendorganisation „Generation Deutschland“. Alles Gründe, weshalb er hier und da Unterstützer verloren hat. Ein Spitzenfunktionär sagt schroff: „Chrupalla wird nur 60 Prozent bekommen.“ Die meisten erwarten ein schlechteres Ergebnis als 2024.Weidel war früher eine zurückhaltende BundesvorsitzendeBei Alice Weidel geht die Missgunst weiter. Sie hat Gegner in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Sachsen. Im Bundesvorstand gibt es Beschwerden über einen launigen, giftigen Tonfall und eine schlechte Arbeitsmoral unter ihrer Führung. Weidel war früher eine zurückhaltende Bundesvorsitzende, was ihr den Vorwurf einbrachte, sich zu wenig einzumischen, ein Urteil, zu dem sogar Marine Le Pen gelangte, nachdem sie Weidel getroffen hatte.Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Martin Vincentz mit seinem Schatzmeister Christian Blex und Kay Gottschalk, der wieder stellvertretender Bundesvorsitzender werden will.dpaNeuerdings mischt sich Weidel mehr ein. Fährt nach Bayern und ergreift Partei für den amtierenden Landesvorsitzenden oder umgibt sich mit Leuten, die den Landesvorsitzenden von Nordrhein-Westfalen, Martin Vincentz, bekämpfen – und damit die Hälfte des Landesverbandes, die ihm gegenüber loyal ist. Das tun sie nicht aus Ideologie, sondern weil Weidels Netzwerk mit dem von Vincentz konkurriert.So gibt es zwei Möglichkeiten, den AfD-Parteitag zu interpretieren. Erstens: als Vollzugsmeldung. Zwei Bundesvorsitzende werden wiedergewählt, nichts verändert sich. Zweitens: als Machtprobe. Wer nur knapp gewinnt, also Schwäche zeigt, eröffnet einen Machtkampf. Einer sagt: „Sie können eine Partei wie die AfD nicht mit 55- zu 45-Mehrheiten regieren. Sie brauchen 70 zu 30. Wenn ein Herr Tritschler mit nur 51 Prozent gewinnt, wäre das der Auftakt für die Revanche.“Dieser Sven Tritschler, früher mal Vorsitzender der Parteijugend, ist also ein Exempel. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und wird als stellvertretender Parteivorsitzender kandidieren, vorgeschlagen von Alice Weidel. Gegen ihn wird Kay Gottschalk antreten, ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen, vorgeschlagen von Weidels Gegenspieler Martin Vincentz und unterstützt vom Chrupalla-Lager, das verhindern will, dass Weidel eine Mehrheit des Bundesvorstandes kontrolliert.Bekommt Tritschler als Strafe keinen Listenplatz mehr?An Tritschler zeigt sich die Gespaltenheit der Partei, es streiten aber nicht Ideologen miteinander, sondern Netzwerker und Strippenzieher. Das Weidel-Lager hat die Tritschler-Kandidatur zum Beispiel nicht mit Vincentz abgesprochen, sie ist ein Affront. Anders als auf dem Bundesparteitag hat Vincentz auf dem Landesparteitag eine Mehrheit hinter sich. Also wird Tritschler vom Vincentz-Lager angedroht, im Falle eines Sieges nicht mehr für den Landtag aufgestellt zu werden. Er müsste sich dann einen anderen Job suchen. So wird aus einer Stellvertreterwahl ein Barometer für die Durchsetzungskraft der Bundesvorsitzenden.Der Netzwerker und rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Sebastian Münzenmaier (rechts) mit dem früheren Fraktionsvorsitzenden Jan Bollinger im November 2025.dpaAfD-Funktionäre betonen wieder und wieder, es gehe in solchen Konflikten nicht um Weltanschauung. Gespalten sei die Partei einzig in der Frage einer Annäherung an Russland, also in Ost und West. Wie sehr das alte Lagerdenken der Vergangenheit angehört, belegt die Person Sebastian Münzenmaier.Der Landesvorsitzende von Rheinland-Pfalz und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag ist so etwas wie der Chefdiplomat oder Postenmakler der Partei. Er vermittelt, besänftigt und sucht Kompromisse. Münzenmaier steht Weidel nahe, hat aber über Lagergrenzen hinweg ein Ansehen als Vermittler. Würde in der AfD ein Richtungsstreit toben, gäbe es jemanden wie Münzenmaier nicht. Er ist der personifizierte Interessenausgleich unter Menschen, die keinen Prinzipienstreit führen, sondern einen Verteilungskampf.Münzenmaier steht für das, was Weidels gesamtes Netzwerk in den Beschreibungen der Funktionäre ausmacht: Weidel verlangt Loyalität und belohnt mit Aufstieg. Das ist anders als bei Björn Höcke. In seinem Netzwerk geht es um Weltanschauung: Er ist der Vorbeter, dem alle folgen, weil sie an seine Worte glauben. In Weidels Netzwerk geht es nicht um Glaubensfragen. Dort profitiert ein Gemäßigter wie Sven Tritschler genauso wie Matthias Helferich, der vielen durch die Selbstbezeichnung als „freundliches Gesicht des Nationalsozialismus“ bekannt geworden ist. Einer aus dem Weidel-Lager sagt über die ganzen Mauscheleien: „Wenn man es nicht selber macht, machen es die Falschen. Mir war das auch immer zuwider. Aber in der AfD lässt es sich nicht anders regeln.“Am Ende verhandeln die Landesvorsitzenden miteinanderEs müssen also auch die mauscheln, die sagen, dass sie es eigentlich nicht wollen. Und das geht so: Jeder große Landesverband will einen Posten im Bundesvorstand. Also einigt sich der Landesvorstand auf einen Kandidaten. Den preisen dann die Bundestagsabgeordneten der Landesgruppe in der Hauptstadt an. Sie sondieren, reden am Rande von Plenarsitzungen, hören Zustimmung und Widerspruch. Am Ende verhandeln die Landesvorsitzenden direkt miteinander.Der Kandidat für den stellvertretenden AfD-Vorsitz Sven Tritschler, hier bei einer Rede im nordrhein-westfälischen Landtag im März 2026.dpaAnders als früher können sie das verbindlich tun. Sie haben mittlerweile wirkliche Hausmacht. Die Delegierten ihres Landesverbandes machen nicht mehr, was sie wollen, wie es früher war. Ein Funktionär dazu: „Die Partei wird einfach erwachsen. Leute, die aus der Reihe tanzen, werden dafür nicht belohnt. Wer sich an die Stallorder hält und sich eine blutige Nase holt, hingegen schon.“ Es herrscht neuerdings Disziplin.Bis in welche Feinheiten der Parteitagsablauf mittlerweile ausgeklüngelt wird, zeigt das fertige Personaltableau, mit dem viele anreisen: Peter Boehringer, Sven Tritschler und Stefan Möller als stellvertretende Parteivorsitzende. Jean-Pascal Hohm, der Vorsitzende der Parteijugend, als Beisitzer.Selbst Nuancen sind ausverhandelt. Wenn Hannes Gnauck in einer Kampfabstimmung um das Amt des Bundesschatzmeisters gegen Carsten Hütter gewinnt, bekommt Dennis Hohloch bei seiner Bewerbung um einen Beisitzerposten einen Gegenkandidaten aus Niedersachsen, damit Brandenburg, aus dem Hohm, Gnauck und Hohloch stammen, nicht mit drei Personen im Bundesvorstand vertreten ist. Wenn die Niedersachsen bei den wichtigen Posten gegen das Weidel-Lager stimmen, soll ein noch namenloser niedersächsischer Bundestagsabgeordneter bei seiner Kandidatur für einen Beisitzerposten bitter bestraft werden. Vom Weidel-Lager wurde die Parole ausgegeben: „Wer den Handel bricht, kann auch nicht erwarten, dass sich die andere Seite gebunden fühlt.“Scholz, Jongen und Jungbluth haben gute ChancenBesonders düster könnte der Tag für Nordrhein-Westfalens Landesvorsitzenden Vincentz werden. Mit Kay Gottschalk und Hauke Finger könnten gleich zwei seiner Kandidaten gegen die von Weidel und Münzenmaier unterstützten Kandidaten Tritschler und Maximilian Kneller durchfallen. Sicherer können sich den Absprachen zufolge Heiko Scholz aus Hessen und Marc Jongen aus Baden-Württemberg als Beisitzer fühlen, genauso Rüdiger Jungbluth als stellvertretender Bundesschatzmeister. Ihre Chancen gelten als hoch.Hat den Antrag zur Unvereinbarkeitsliste gestellt: Joachim Paul bei einem Interview im September 2025.dpaNur eine Angelegenheit stört den orchestrierten Ablauf: der Antrag, die Unvereinbarkeitsliste zu überarbeiten. Sie regelt, welche Doppelmitgliedschaften verboten sind, etwa in der „Nationalsozialistischen Kampfgruppe Großdeutschland“ oder bei Scientology. Geschrieben haben den Antrag der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Joachim Paul und der Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Helferich. Sie wollen die Partei gegenüber Extremisten öffnen. Der Antrag wird auch von Björn Höcke unterstützt. Die Sache gilt den Funktionären als Ärgernis, weil sie bei den Wahlkämpfen im Herbst viele Stimmen kosten könnte.Es gibt Landesverbände, die wollen den Antrag schon zu Beginn des Parteitages von der Tagesordnung streichen. Das Argument lautet: Im nächsten Jahr findet ein Programmparteitag statt. Da passe das Thema besser hin. Das wäre ein Gesichtsverlust für Höcke und Konsorten. Also gilt ein Kompromiss als wahrscheinlicher: eine Kommission, die Vorschläge erarbeitet. Dann wäre etwas getan, aber nichts, das die Herbstwahlkämpfe gefährdet. Wieder hätten sich die Hinterzimmer durchgesetzt, wieder wäre der Parteitag nur noch die Bühne für eine Aufführung. Schon im Februar hatte ein AfD-Politiker der F.A.S. gesagt: „Wir werden zu einer Funktionärspartei.“













