Es war keine Überraschung, dass nach dem blamablen Ausscheiden der deutschen Herrenfußballnationalmannschaft bei der WM die Zeit der 80 Millionen Bundestrainer kommen würde. Doch diesmal klang es eher so, als handle es sich um 80 Millionen Bundeskanzler: Der Mannschaft habe es an Einsatz und Leidenschaft gefehlt, an Führungsstärke und an der richtigen Mentalität – und damit, so der Tenor in den sozialen und weniger sozialen Medien, sei sie auch ein „Spiegelbild des Landes“. „Die sind alle so satt.Ein Abbild unserer Gesellschaft“, schimpfte „Bild“-Chefin Marion Horn, denn auch „wir“ seien „höchstens noch zweitklassig“: „Unsere Wirtschaft erlebt eine in jeder Hinsicht beispiellose Abwärtsspirale, täglich Pleiten, Deindustrialisierung.“ Und deshalb trat Horn beherzt zum rhetorischen Elfmeter an: „DER KAISER IST NACKT! Das ist die brutale Wahrheit“, zimmerte sie energisch in die Tasten, denn: „Wenn wir von BILD das nicht sagen, tut es keiner“.Mit dieser Meinung jedoch war sie ziemlich allein, schließlich konnte man sich kaum retten vor haupt- und nebenberuflichen Diagnostikern der deutschen Seele, die an Seitenlinie ihre Kommentare einwarfen. Wobei sich für die meisten die Parallele zur Konkurrenzfähigkeit des Landes so sehr von selbst zu verstehen schien, dass sie sich gar nicht erst die Mühe machten, den genauen Zusammenhang zwischen der sportlichen Niederlage und der allgemeinen Unterdurchschnittlichkeit zu erklären.Hätte die Mannschaft Paraguay geschlagen, wenn „wir“ unsere Work-Life-Balance weniger wichtig nehmen würden? Lag es auch an der übertriebenen Bürokratie, dass die Pässe so schlecht ankamen? War die Belegschaft zu faul, in der Verlängerung Überstunden zu machen? Oder fehlte die Bereitschaft von Rudi Völler, bis 67 auf dem Platz zu stehen? Oder mangelte es vielleicht doch eher an solchen Tugenden, die man eher selten als deutsche bezeichnet: Kreativität, Witz, Eleganz und dem Willen, weite und beschwerliche Wege zu gehen?Was sagt der Kapitän des Kanzlers?Dass ausgerechnet der sonst so leistungsorientierte Bundeskanzler nicht in das allgemeine Gejammer einstimmte, trug ihm viel Spott und Kritik ein: Mit seinem Stolz auf den „Einsatz und Teamgeist“ der Mannschaft habe Friedrich Merz vor allem demonstriert, dass er kein Gespür für die Stimmung im Land hat, warf man ihm vor – als hätte er die gerade noch vermissten Führungsqualitäten damit beweisen können, dem Volk nach dem Maul zu reden. Sein Post auf X zog so viel Unmut nach sich, dass irgendwann sogar der Bundeskanzler selbst wütend wurde: Er soll nicht „amused“ über das Eigentor gewesen sein, das seine Mannschaft da in der Nacht nach dem Spiel geschossen hatte, berichtete die „Bild“.Das kann man schon verstehen: Als Trainer kann Merz ja nur die Bedingungen für den Erfolg schaffen, ihn auch noch für seine eigenen Worte verantwortlich zu machen, wäre wirklich übertrieben. Und eine Diskussion über seine Nachfolge hat er ja gerade erst überstanden. Regierungssprecher Sebastian Hille erklärte den Beitrag demnach am Mittwoch auch etwas verdruckst zur „Kommunikationspanne“. Nun warten wir darauf, dass Stefan Kornelius, der Kapitän des Sprecherteams des Kanzlers, sich ein Beispiel an Joshua Kimmich nimmt und verkündet: „Wir Spieler, die auf dem Platz standen, haben das verbockt.“
Team Merz und die WM: Pleiten, Pannen, Eigentore
Viele halten das Scheitern der Nationalmannschaft bei der Fußball-WM für ein Sinnbild des Landes. Aber würden deutsche Tugenden der Wirtschaft weiterhelfen? Oder ist der Trainer schuld?











