Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM ließen sie nicht lange auf sich warten: die Vergleiche zwischen der Lage im Fußball und der Lage in Deutschland insgesamt. Von der Spitzengruppe zurückgefallen ins Mittelmaß. Unfähig, aus dem Defensivspiel in die Offensive zu schalten. Ein Land, das auf der Stelle tritt, während andere nach vorne stürmen.Man hätte all diese Kommentare vorbeirauschen lassen können. Sie wären keinen Kommentar wert gewesen, wenn nicht der Kanzler eine Steilvorlage dazu geliefert hätte. Mit seinem Lob für den Einsatz der Nationalelf, „Wir sind stolz auf euch“, entstand etwas, das im Journalismus Text-Bild-Schere genannt wird. Friedrich Merz hat offenbar eine andere WM gesehen als die meisten Zuschauer.Die anderen sind einfach besser gewordenHoffentlich hat der Kanzler auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland einen realistischeren Blick. Zur Erinnerung: Dort, wo Deutschland im Fußball steht, irgendwo zwischen Platz 17 und 32, steht es auch in den einschlägigen Ranglisten zur Wettbewerbsfähigkeit. Die Innovationskraft ist gesunken, die Investitionstätigkeit auch. In Zukunftsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz, der Robotik und der Elektromobilität sind die Vereinigten Staaten und China Deutschland weit enteilt.Spitzenreiter ist Deutschland im internationalen Vergleich nur noch, wenn es um die Steuer- und Abgabenlast geht. Einige Weichen, um besser zu werden, hat die schwarz-rote Koalition schon gestellt, etwa mit der Gesundheitsreform. Auch die Vorschläge der Rentenkommission sind richtig. Das große Manko bleibt, dass sich der Anstieg der Sozialabgaben fortsetzt. Agiler wird Deutschland aber nur mit spürbaren Entlastungen.Beim Koalitionsausschuss an diesem Mittwoch muss deshalb mehr kommen. Eine Steuerreform, die Unternehmen und Fachkräften finanziell Luft verschafft und die durch einen beherzten Abbau von Staatsausgaben finanziert werden sollte. Auch ein flexibleres Arbeitsrecht ist dringend nötig. Der von Merz zuletzt oft beschworene Teamgeist ist wichtig, reicht aber nicht. Am Ende muss ein Ergebnis stehen, das Deutschland voranbringt. Bei der Fußball-WM hat das nicht geklappt. Union und SPD haben noch die Chance, es besser zu machen.