Die Piusbrüder brauchen mehr hochrangiges Personal. Die erzkonservative Gruppe am Rand der katholischen Kirche hat Zulauf. Auch aus der Gen Z. Im Wallis weihen sie vier neue Bischöfe, obwohl es der Vatikan verboten hat. Der Papst droht mit Exkommunizierung.02.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAndächtig schreiten sie den Hügel hoch zur «Kirche des Unbefleckten Herzens Mariens» in Ecône im Unterwallis. Die Frauen sind züchtig gekleidet, sie tragen wadenlange Röcke und hochgeschlossene Blusen. Die Männer in Anzug und Hemd haben Hüte aufgesetzt. Hie und da reflektiert das Licht in einem Siegelring, die Finger umklammern Gebetbücher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Frauen und Männer sind Anhänger der erzkonservativen Priesterbruderschaft St. Pius X., die 1970 von Marcel Lefebvre gegründet wurde. Die Gemeinschaft ist konservativer als die katholische Kirche. «Demokratie, Religionsfreiheit, Menschenrechte – all das lehnt die Piusbruderschaft ab», sagt der Theologe und Historiker Urban Fink. Er bezeichnet die Gruppe als katholische Sekte.16 000 Gläubige aus der ganzen Welt sind angereist. Es ist ein historischer Tag. Die Bischöfe Alfonso de Galarreta und Bernard Fellay holen sich Verstärkung und weihen vier neue Bischöfe: einen Schweizer, einen Amerikaner und zwei Franzosen.Eine Gläubige mit Kindern macht sich auf den Weg Richtung Festgelände in Ecône.Die vier neu geweihten Bischöfe (v. l. n. r.): Marc Hanappier und Michel Poinsinet de Sivry aus Frankreich, Michael Goldade aus den USA, Pascal Schreiber aus der Schweiz.Doch einer blickt zutiefst besorgt auf die Feierlichkeiten in Ecône: der Papst. Er hatte den Piusbrüdern ausdrücklich verboten, neue Bischöfe zu weihen. Weil sie sich diesem Befehl widersetzen, exkommunizieren sich die Bischöfe mit der Zeremonie im Prinzip automatisch selbst.So sieht es das Kirchenrecht vor: Wer Bischofsweihen ohne Zustimmung des Papstes durchführt, wird aus der katholischen Kirche ausgeschlossen. So war es auch, als die Piusbrüder das letzte Mal im Jahr 1988 Bischöfe geweiht hatten.Festivalstimmung und mobile BeichtstühleVon diesem Drama innerhalb der katholischen Kirche ist auf dem Gelände nichts zu spüren. Die Menschen freuen sich auf die Zeremonie. Ecône ist für sie ein wichtiger spiritueller Ort. Hier hat Marcel Lefebvre das erste Priesterseminar inmitten von Aprikosenplantagen und Rebbergen erbauen lassen. Hinter dem Seminarhaus ragen die Berge aus dem Rhonetal empor.Viele Hotels in der Region waren bereits Wochen im Voraus ausgebucht. Wer keine Unterkunft mehr gefunden hat, zeltet auf der Wiese neben dem Gelände. Es herrscht Festivalstimmung.Die Gläubigen haben Campingstühle mitgebracht, Picknickdecken und Sonnenschirme. Auf einer Wiese machen sie es sich vor dem grossen Zelt bequem, in dem die Weihe stattfindet. Auf einer Anhöhe stehen Zelte mit Essen und Getränken. Bezahlt wird mit Cashless-Armbändern.Eine Ordensfrau winkt einem Bekannten zu unterhalb der «Kirche des Unbefleckten Herzens Mariens».Festivalstimmung in Ecône: Drei junge Frauen sichern sich mit ihren Campingstühlen einen Platz vor dem Zelt, in dem die Bischofsweihen stattfinden.An Infoständen verteilen Helfer Begleithefte zu den Bischofsweihen an die Gläubigen. Vor den mobilen Beichtstühlen, die auf einer Wiese stehen, bilden sich lange Schlangen. Sünden werden hier im Akkord vergeben.Nur dass der Papst den Piusbrüdern vergeben wird, ist so gut wie ausgeschlossen. Einen Tag vor den Weihen erreichte der Schlagabtausch zwischen Rom und Ecône seinen Höhepunkt. In einem Brief forderte Papst Leo XIV. die Piusbrüder ein letztes Mal eindringlich dazu auf, von den Bischofsweihen abzusehen.Der Papst schrieb: «Kehren Sie bitte um!»Und weiter: «Ich bete für Sie, denn das nahtlose Gewand Christi zu zerreissen, ist eine Sünde von äusserster Schwere.»Die Piusbrüder antworteten: Sie sähen es als ihre Pflicht, eben genau dieses «Gewand Christi» wieder zusammenzufügen. Es werde von «Kräften und Strömungen» zerrissen, «die mit einem wahrhaft katholischen Geist unvereinbar» seien.Der Konflikt zwischen dem Vatikan und den Piusbrüdern reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Damals fand das Zweite Vatikanische Konzil statt, mit dem sich die katholische Kirche der modernen Welt öffnete. Seither anerkennt sie die Religionsfreiheit, arbeitet mit anderen christlichen Konfessionen zusammen und versöhnte sich mit dem Judentum.Das ging den Piusbrüdern zu weit. Für sie ist das eine Verbrüderung mit «Ungläubigen». Zudem zelebrieren die Piusbrüder die Messen weiterhin in lateinischer Sprache, der Gemeinde wenden sie den Rücken zu.Eine Familie mit ihren sechs Kindern wartet auf der Wiese, bis die Zeremonie beginnt.Dass Frauen ihren Kopf während der Messe mit einem Tuch aus Spitze bedecken, kommt ebenfalls aus der alten Liturgie.Tridentinische Messe fasziniertObwohl heute praktisch niemand mehr Latein versteht, bleibt gerade die alte «tridentinische» Messe ein Faszinosum. Die lateinische Sprache hat etwas Mystisches. Das zieht gewisse Menschen an. Auch junge.Dennis und Isaak aus den USA suchen einen guten Platz, um die Prozession zu filmen. Beide sind Anfang 20, beide sind katholisch aufgewachsen, aber mit der «modernen» Messe. Seine erste tridentinische Messe besuchte Dennis, als er 12 Jahre alt war, nachdem er im Internet ein Video davon gesehen hatte. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt er.Isaak besucht die «alte» Messe erst seit einem Jahr. Ein Freund von der Universität, der nicht einmal katholisch sei, habe ihn an eine solche Messe mitgenommen.Die tridentinische Messe ist das sichtbarste Element der Andersartigkeit der Piusbruderschaft. Sie ist ein wichtiges Marketinginstrument, um neue Anhänger zu gewinnen. Aber was denken Dennis und Isaak über Religionsfreiheit und Demokratie? Beides sind Werte, mit denen sich die Piusbrüder schwer tun.«Der Glaube muss im Leben an höchster Stelle stehen», sagt Isaak. Sein Freund Dennis druckst ein wenig herum. Dann sagt er: «Ich verstehe, dass die Piusbrüder die Religion in ihrer ursprünglichen Form leben wollen. Aber ich möchte mich auch nicht von Rom abspalten», sagt Dennis.Schismatischer AktHunderte Priester und Ordensmänner schreiten nun mit ernster Miene von der Kirche zum Zelt. Orgelklänge ertönen von der Bühne. Die Kleriker nehmen ihre Plätze unter dem Zelt ein. Die Gläubigen sitzen im Freien. Während der vier Stunden der Zeremonie regnet es zuerst, dann scheint die Sonne, es wird brütend heiss, danach verdüstert sich der Himmel wieder.Die Zeremonie ist üppig inszeniert. Für einen Laien sind Ablauf und Bedeutung schwer nachzuvollziehen. Auf der Bühne stehen viele Kleriker, manche sitzen auf Thronen, andere dienen zu. Die vier Bischofskandidaten stehen in einer Reihe, knien sich hin, stehen wieder auf. Auf der Seite liegen die Krummstäbe für die vier künftigen Bischöfe bereit, Mitren, Gewänder und Bücher.Letzte Arbeiten, bevor es losgeht mit der Zeremonie: Junge Kleriker bringen eine Dekoration am Zeltdach an.Die Zeremonie wurde in sechs Sprachen per Livestream übertragen.Schliesslich legen die Bischöfe ihr Weiheversprechen ab. Der schismatische Akt ist vollzogen. Die Piusbrüder haben sich der katholischen Kirche widersetzt, die Autorität des Papsts untergraben und die Kirchengemeinschaft gespalten.In seiner Predigt sagt der Generalobere Davide Pagliarani: «Wir sind bereit, jeden Preis zu zahlen, um die Kirche zu retten.» Die kirchlichen Autoritäten legten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine dem Glauben entgegenstehende Haltung an den Tag und handelten gegen die heilige Tradition.Eine Frau aus dem Greyerzerland, die ihren Namen nicht nennen will, sieht es gleich. Die Piusbrüder betrieben die Religion so, wie sie 2000 Jahre lang betrieben worden sei, sagt sie. Das sei doch ganz logisch. Der Gründer Marcel Lefebvre habe dafür gekämpft, dass es so bleibe. Man sei es ihm jetzt schuldig, weiterzukämpfen.Wachsende AnhängerschaftDie Greyerzerin ist mit einigen ihrer acht Kinder angereist. Bereits ihre Eltern seien Anhänger der Piusbruderschaft gewesen. Sie habe aber die öffentliche Schule besucht, damals habe es in der Deutschschweiz noch keine Schulen der Piusbrüder gegeben. Alle ihre Kinder hätten aber die Oberstufe in den Internaten der Piusbruderschaft verbracht, die Mädchen in Wil (SG), die Buben in Wangs (SG).Tatsächlich hat die Piusbruderschaft seit den 1990er Jahren immer mehr Schulen in der Deutschschweiz eröffnet. Dass die Anhängerschaft wächst, sagen die Piusbrüder oft und gerne. In Fachkreisen bezweifelt man aber, dass der Zuwachs wirklich so gross ist, wie die Piusbrüder propagieren. Laut eigenen Angaben verfügte die Gemeinschaft im Jahr 1988 über 209 Priester, heute sind es 751.Ranghohes Personal ist für die rund 600 000 Gläubigen der Piusbruderschaft daher überlebensnotwendig. De Galarreta und Bernard Fellay waren bis anhin die beiden einzigen Bischöfe der Gemeinschaft. Beide sind fast 70 Jahre alt. Ein Alter, in dem Reisen eine Strapaze sind. Und trotzdem sind sie nötig. Auf der ganzen Welt warten Priesterkandidaten auf ihre Weihe, Kinder auf die Firmung.Auch der Konfrontationskurs der Piusbrüder mit Rom gehört zur Überlebensstrategie. Würden sie einlenken, wären sie schnell überflüssig. Alle Augen sind nun nach Rom gerichtet. Gläubige wie Priester der Piusbruderschaft gehen davon aus, dass sich der Vatikan bald dazu äussern und die Exkommunikation bestätigen wird.Ein Priester nimmt einem Gläubigen die Beichte ab. Die Nachfrage ist hoch.Passend zum Artikel