Konflikt erreicht am Mittwoch seinen Höhepunkt: Bischofsweihen im Wallis werden zur Zerreissprobe für die WeltkircheDie erzkonservativen Piusbrüder brauchen dringend neue Führungskräfte. Doch weil sie ohne den Segen des Papstes handeln, werden sie wohl exkommuniziert. Das dürfte Leos Verhältnis zu Donald Trump weiter verschlechtern.30.06.2026, 16.16 Uhr4 LeseminutenEin Priester erteilt Anhängern der Piusbruderschaft in Ecône den Segen.Olivier Maire / KeystoneEcône ist nur ein kleiner Weiler in der Nähe von Martigny im Unterwallis. Doch an diesem Mittwoch steht der Ort im Fokus der katholischen Weltkirche. Denn hier wollen die Piusbrüder in einer grossen Zeremonie vier neue Bischöfe weihen, einen Schweizer, zwei Franzosen und einen Amerikaner. Damit riskieren sie den völligen Bruch mit dem Vatikan.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus Sicht der Bruderschaft ist die Ernennung neuer Oberhirten überlebensnotwendig. Denn mit dem Schweizer Bernard Fellay und dem Spanier Alfonso de Galarreta hat sie derzeit nur noch zwei Bischöfe, die zudem beide bald siebzig Jahre alt werden. Das reicht nicht aus, um die in der Welt verstreuten Anhänger der Gemeinschaft zu betreuen und neue Priester zu weihen.Es gibt jedoch ein Problem: Bischofsweihen ohne Zustimmung des Papstes führen automatisch zum Ausschluss aller Beteiligten aus der Kirche, zur Exkommunikation. So sieht es der Codex des kanonischen Rechts vor. Die Strafe führte Pius XII. in den 1950er Jahren ein, nachdem das kommunistische Regime in China versucht hatte, eine von Rom weitgehend unabhängige katholische Nationalkirche mit eigenem Personal zu etablieren.Verbrüderung mit «Ungläubigen»Dass die Piusbruderschaft keine Bischöfe weihen darf, hat historische Ursachen. Gegründet wurde die Gemeinschaft 1970 in Ecône von dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre, deshalb ist auch heute noch zuweilen von «Lefebvristen» die Rede. Die Gründung war eine Gegenreaktion auf die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sechzigerjahren, die konservativen Kirchenmännern wie Lefebvre viel zu weit gingen.Marcel Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft, lehnte die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils entschieden ab.François Lochon / Gamma-Rapho / GettyEs hätten sich damals «zahlreiche verworrene, falsche Ideen in die Mitte der katholischen Kirche geschlichen», hält die Bruderschaft fest. Damit meint sie die Anerkennung der Religionsfreiheit oder die Abkehr von der historischen Judenfeindlichkeit («Gottesmörder») der Kirche. Die Ökumene mit anderen christlichen Konfessionen ist aus Sicht der Lefebvristen eine Verbrüderung mit «Ungläubigen».Auch die in den letzten Jahren vom Vatikan forcierte Synodalität widerstrebt den Piusbrüdern völlig. In diesem stärkeren Einbezug der Kirchenbasis sehen sie einen Bruch mit der Tradition, der letztlich auch die Autorität des Papstes infrage stelle. Die Gemeinschaft hält zudem an der «alten» tridentinischen Messe fest. Der Priester betet dabei mit dem Rücken zur Gemeinde, und die Liturgiesprache ist Latein.Zum ersten grossen Eklat kam es 1988, als Lefebvre ebenfalls in Ecône vier Bischöfe weihte, unter ihnen die beiden heute noch verbliebenen. Für Papst Johannes Paul II. handelte es sich um einen schismatischen Akt, er exkommunizierte Lefebvre und die vier Bischöfe. Es dauerte 21 Jahre, bis Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation wieder aufhob – in der Hoffnung, die Spaltung zu überwinden. Einen regulären Status innerhalb der Kirche erhielt die Bruderschaft dadurch jedoch nicht.Auschwitz? «Alles Lügen»Praktisch zeitgleich kam der Skandal um Richard Williamson ans Licht. Der Brite, ebenfalls einer der vier 1988 geweihten Bischöfe, hatte wiederholt den Holocaust geleugnet. In den Gaskammern von Auschwitz sei niemand getötet worden, das seien alles Lügen der Juden. Darüber hinaus behauptete Williamson, Frauen seien von Natur aus weniger zu intellektuellen Leistungen fähig als Männer und sollten deshalb nicht studieren.2012 warf die Piusbruderschaft Williamson raus, doch ihr Ansehen hatte bereits massiven Schaden genommen. Entsprechend kritisch sahen moderate Katholiken den Annäherungskurs von Benedikt XVI. Sein Nachfolger Franziskus tat sich schwer mit einer klaren Haltung gegenüber den aufmüpfigen Klerikern.Er erlaubte den Priestern der Bruderschaft zwar, Katholiken das Busssakrament zu spenden und bei Trauungen zu assistieren. 2019 löste Franziskus indes die Kommission «Ecclesia Dei» auf, die für den Dialog mit traditionalistischen Gemeinschaften zuständig war, die am alten Ritus festhalten. Der Kirchenexperte Jan-Heiner Tück interpretierte das als «Ende der Charmeoffensive» gegenüber den Piusbrüdern.In den folgenden Jahren wurde es etwas ruhiger um die Gemeinschaft. Bis die Zeitung «Le Temps» im Jahr 2024 aufdeckte, dass es bei den Piusbrüdern zu zahlreichen Fällen von Kindesmissbrauch sowie sexueller, physischer und psychischer Gewalt gekommen war. Opferverbände schätzten, dass ein beträchtlicher Teil der Priester übergriffig geworden sei – begünstigt durch eine überhöhte Stellung der Priester und die Tabuisierung der Sexualität.Papst Leo will nach vorn blickenUnd nun also die Bischofsweihen. Einer der Spitzenfunktionäre der Gemeinschaft warnte bereits vor zwei Jahren vor den potenziellen Folgen: «In diesem Moment werden wir mit Widersprüchen, Beleidigungen, Verachtung, Ablehnung und vielleicht sogar mit dem Bruch mit nahestehenden Personen konfrontiert sein.»Der heutige Papst Leo XIV. versuchte in den letzten Monaten, einen Ausweg zu finden, scheiterte dabei aber. Kürzlich appellierte er nochmals an die Piusbrüder, den fatalen Schritt nicht zu machen. «Es ist ihre Entscheidung. Ich bedauere es, aber wir müssen nach vorn blicken.» Leo, der eine Dissertation über das Kirchenrecht verfasst hat, wird sich kaum über das kanonische Recht hinwegsetzen und den Regelbruch der Piusbrüder tolerieren.Die Exkommunikation birgt Risiken. Die Piusbruderschaft selbst hat weltweit 600 000 Mitglieder, allerdings dürfte der Kreis der Sympathisanten weitaus grösser sein. Diese Traditionalisten geraten in einen verschärften Loyalitätskonflikt: Wollen sie sich auf die Seite der Piusbrüder schlagen, mit denen sie die Abneigung gegen «zeitgeistige» Reformen teilen? Oder unterwerfen sie sich der Autorität des Papstes und akzeptieren, dass die Piusbrüder Häretiker sind?Verschärfter Konflikt mit TrumpHeikel ist diese Angelegenheit insbesondere in Leos Herkunftsland: Die USA sind eine der Hochburgen der Piusbrüder. In St. Marys im Bundesstaat Kansas haben sie vor ein paar Jahren eine Megakirche errichtet. Die Gemeinschaft spricht nicht nur Fans der lateinischen Messe an, sondern generell katholisch-konservative Kreise, die den Säkularismus oder den «Genderismus» als Angriff auf die traditionelle Familie ablehnen.Es gibt viele Überschneidungen mit der «Make America great again»-Bewegung. Leo hat sich in den letzten Monaten bereits zum politischen Gegenspieler von Donald Trump und von dessen zum Katholizismus konvertiertem Vizepräsidenten J. D. Vance aufgeschwungen. Entsprechend aggressiv haben die beiden ihren Landsmann im Vatikan bereits attackiert.Der Konflikt könnte sich durch einen Ausschluss der Piusbrüder aus der Kirche noch verschärfen.Passend zum Artikel
Bischofsweihen im Wallis: Piusbrüder riskieren Bruch mit dem Vatikan
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