Pünktlich um neun Uhr beginnt der schismatische Akt. Ort der vom Vatikan ausdrücklich untersagten, kirchenspalterischen Handlung ist ein großes Festzelt auf einer leicht abschüssigen Wiese. Es steht auf dem Gelände des Priesterseminars der traditionalistischen Piusbruderschaft am Rande des Dörfchens Écône im Schweizer Kanton Wallis. Priester und Ordensbrüder, manche von ihnen mit Tonsur, sind vor Beginn der heiligen Messe in einer feierlichen Prozession vom Hügel herabgeschritten.Auf dem Hügel steht die Kirche des Unbefleckten Herzens Mariens, daneben das wuchtige Lehr- und das funktionale Wohngebäude. In einer kleinen Kapelle neben der Kirche ist der 1991 verstorbene Erzbischof Marcel Lefebvre begraben, der von den Mitgliedern und Anhängern der Piusbrüder mit Inbrunst verehrte Gründer der erzkatholischen Bruderschaft. In seinen Marmorsarkophag ist ein lateinischer Spruch eingraviert, der den ultrakonservativen Glaubensfuror der Piusbrüder treffend zusammenfasst:„Tradidi quod et accepi“. Er stammt aus dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs des Apostels Paulus und lautet in der deutschen Einheitsübersetzung: „Ich habe überliefert, was ich auch empfangen habe.“Die Piusbrüder lehnen Aufweichungen der Überlieferung abDie Piusbrüder sind in der Nachfolge des exkommunizierten Erzbischofs Lefebvre der Überzeugung, dass (nur) sie überliefern, was die Apostel von Jesus Christus selbst empfangen und zur unverfälschten Bewahrung den ersten Gliedern der Christengemeinde weitergegeben haben. Lefebvre und seine Gefolgsleute lehnten und lehnen namentlich die beim Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 beschlossenen Reformen der Glaubenslehre und ihrer Praxis ab. Sie betrachten sie als verfehlte Anpassungen an die Gegenwart und modernistische Aufweichungen der Überlieferung Christi.Die Piusbrüder halten deshalb strikt an der lateinischen Liturgie der Alten Messe nach dem Missale Romanum von 1962 fest. Sie lehnen zudem die ökumenische Annäherung an andere Konfessionen und Religionen ab und beharren gegen die Idee einer Freiheit der Religionen auf dem universalen Missionsauftrag der allein seligmachenden katholischen Kirche.Sie halten sich für päpstlicher als der PapstIn Écône hatte Lefebvre 1970 für seine nach Papst St. Pius X. auf Lateinisch „Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X“ (FSSPX) getaufte Priesterbruderschaft das erste Seminar errichtet. Bis heute ist das kleine Écône so etwas wie das Gegen-Rom der ultrakonservativen Katholiken, obschon auf dem Dach des Lehrgebäudes neben der Schweizer Flagge auch das weiß-gelbe Banner des Vatikans weht. Denn es gehört zur paradoxen Beziehung der rebellischen Piusbrüder zu ihrer Mutterkirche und zur Vaterfigur Papst, dass sie sich selbst als deren gehorsamste Kinder betrachten. Sie glauben buchstäblich, sie seien päpstlicher als der Papst.Zu diesem Selbstbild passt auch der eher bescheidene Sitz in dem Walliser Tal, inmitten von Aprikosen- und Apfelhainen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Gebrauchtwagenhändlern und Logistikzentren, Baumärkten sowie einem Wasserkraftwerk. Das Surren der Hochspannungsleitungen über dem reich mit Blumen geschmückten Festzelt ist sogleich wieder vernehmbar, wenn die Schola verstummt, die Orgel für Augenblicke verklingt und der Bischof mit seinem schier unendlichen lateinischen Sermon eine Pause einlegt.Rund 15.000 Gläubige und Anhänger der Piusbrüder aus vielen Ländern sind an diesem Mittwochmorgen zur heiligen Messe mit Bischofsweihe in das Dorf im Wallis gekommen. Sie erleben die Wiederholung einer Geschichte, die sich an gleicher Stelle vor fast genau 38 Jahren zugetragen hat. Am 30. Juni 1988 hatte Erzbischof Lefebvre in Écône vier Bischöfe geweiht, obschon ihm das von Papst Johannes Paul II. unter Drohung der Exkommunikation verboten worden war. Es folgte noch gleichentags der automatische Ausschluss Lefebvres und seiner Bischöfe aus der Kirche.Lefebvre kehrte erst postum in den Schoß der Kirche zurück, denn die Beugestrafe der Exkommunikation erlischt mit dem Tod. Benedikt XVI. hob in einem Versuch, die verlorenen Hirten und deren Herde in die Weltkirche zurückzuholen, im Jahr 2009 die schwere Kirchenstrafe gegen die vier Bischöfe auf. Darunter war der britische Holocaustleugner Richard Williamson, der erst spät vom Vatikan wegen seines notorischen Antisemitismus gemaßregelt und 2012 aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde. Williamson starb 2025, uneinsichtig und isoliert. Ein weiterer 1988 geweihter Bischof war im Jahr zuvor verstorben, sodass die Piusbruderschaft bis Mittwochmorgen nur noch über zwei Bischöfe verfügte.Nach der vom Vatikan untersagten Bischofsweihe von vier Priestern dürfte die Gemeinschaft FSSPX nun gar keine Bischöfe mehr haben. Denn die Tatstrafe der Exkommunikation trifft neben den vier Nachrückern – einem Schweizer, einem US-Amerikaner und zwei Franzosen – auch die zuletzt verbliebenen beiden Bischöfe, den spanischen Hauptkonsekrator Alfonso de Galarreta sowie den Mitkonsekrator Bernard Fellay aus der Schweiz. Auch den seit 2018 amtierenden Generaloberen der Piusbrüder, den italienischen Pater Davide Pagliarani, trifft der Bannstrahl des Vatikans.Im 11. Kapitel des Briefes des Apostels Paulus an die Römer heißt es in der Einheitsübersetzung: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Ob es nach der zweiten Exkommunikation der FSSPX-Führung wieder eine Annäherung zwischen Rom und Écône geben kann, steht dahin.
Piusbruderschaft: Bischofsweihe in Écône trotz Verbot
Papst Leo XIV. hatte den Piusbrüdern die Bischofsweihe von vier Anwärtern verboten. Die widersetzen sich – und werden prompt exkommuniziert.












