Im Fussballfrust hilft nur noch CurrywurstDeutschlands Fussballnationalteam blamiert sich an der WM, aber seine Küche spendet Trost. Zum Beispiel im Zürcher «Oder Wat».Urs Bühler02.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarAuf dem Fussballrasen sinkt Deutschland in die Bedeutungslosigkeit, für seine kulinarische Zukunft besteht noch Hoffnung, dank Currywurst und Bier. Also besuchen wir am Tag nach dem Scheitern seiner Nationalmannschaft an der WM spontan ein einfaches Lokal, das trotz helvetischem Namen auf der Fassade dezidiert deutsche Küche bietet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die ehemalige «Schweizer Weinstube» im Zürcher Langstrassenquartier wird seit einigen Wochen als «Oder Wat» geführt. Was wie eine Kombination aus kambodschanischer Tempelanlage und Fluss mit Destination Ostsee klingt, ist im Ruhrpott eine inflationär verwendete Floskel am Satzende. Im Gärtchen sitzt auf Alu-Hockern ein bunt gemischtes Publikum, an einem üppig tätowierten Frauenarm hängt eine Leine mit Bulldogge, ein Neugeborenes döst im Kinderwagen. Man spricht viel Deutsch. Bestellt wird an der Theke, das Besteck wird selbst geholt und das Geschirr am Ende zurückgebracht.Ein Plakat verspricht «alle Spiele der Schweizer und deutschen Nationalmannschaft live bei uns im Garten». Das klingt, als wären die zwei Teams zusammengelegt worden, was zum Glück nie geschehen wird. Damit nach dem Ausscheiden von einem der beiden das Fernsehgerät auf dem Fenstersims nicht unterbeschäftigt ist, dient es als Monitor für Songtexte: Es ist Dienstagabend, und dann ist hier stets «Kollektiv-Karaoke» angesagt, wie der Chef verkündet.Alle sollen danach gemeinsam aus voller Kehle mitsingen, wenn es nach seinem Willen geht. «Ich bin Pukki», stellt er, ein Quereinsteiger aus der Werbebranche, sich am Tisch vor. Mit bürgerlichem Namen heisst er Alessandro Reintges, und sein Lokal, das er «Imbiss» nennt, soll seine Heimat nach Zürich bringen: den Ruhrpott. Nach einem ermutigenden Pop-up-Versuch in einem benachbarten Quartier hat er sich im April in einer der heruntergekommensten Ecken der Stadt eingerichtet, gleich bei der Bäckeranlage mit ihrer Drogenszene. «The Ghetto» verkündet ein Graffito bei der Skateranlage auf der stillgelegten Strasse.Herbert Grönemeyers Ode an seine Heimatstadt soll das Eis brechen: «Bochum». Das Publikum singt weder mit, noch schunkelt es, dafür schaufelt es kräftig rein. Der kleine Teller mit dem Namen «Leichte Kost» (Fr. 19.–) paart herzhaft die luftige «Frikadelle von Oma Uschi», also ein deutsches Hacktätschli, mit einem saftig-süssen Kraut- und einem Gurkensalat. Es gibt auch eine richtig gute Currywurst (Fr. 10.–) oder deftigen «Kartoffelsalat à la Tante Linda» mit Gurken und gehacktem Ei (Fr. 8.–). Das grösste Gericht ist der «Taxi Teller» (Fr. 31.–), dieser Ruhrpott-Schmelztiegel mit Gyros, Currywurst und Tsatsiki, das kleinste ein gekochtes Ei mit Aromat (Fr. 1.–). Für 8 Franken gibt’s dazu ein Glas Sekt, doch wir bevorzugen ein grosses König Pilsener (Fr. 9.–).Nena träumt in «99 Luftballons» vom Frieden, Nirvana rotzt «Smells Like Teen Spirit». Mitsingen mag weiterhin niemand. Also macht Pukki die Runde mit einem Tablett voller offerierter Shots, die schmecken wie Bloody Mary auf Speed. «Mexikanisch und hausgemacht», sagt er, und wir denken uns: Mexiko oder Paraguay, Hauptsache Afrika, frei nach dem Alt-Nationalspieler Andreas Möller («Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien»).Der Musikstil wechselt zu Canzone. Das Belpaese ist seit Goethe der Sehnsuchtsort der Deutschen, und geteiltes Leid ist halbes Leid: Die Azzurri sind schon in der Qualifikation für diese WM-Endrunde hängengeblieben. Und siehe da, einige singen tatsächlich mit, als Eros Ramazzotti «Più bella cosa» schmachtet. Dazu passen die Palmen, die das Gärtchen säumen, und das Dessert, eine eigentümliche Spezialität, mit der deutsche Eisdielen dem Süden huldigen: Spaghetti-Eis (Fr. 12.–). Über die Vanilleglace in Vermicelle-Form ist weisse Schokolade geraspelt und eine Fruchtsosse gegossen. Dazu gibt’s weder Espresso noch eine Schale, sondern Filterkaffee (Fr. 4.–).Ein Wolkenbruch sondergleichen treibt uns hinein in die Chnelle mit ihren abgenutzten Holztischen. Die gutgelaunte Berlinerin, die vorher in der Küche am Herd stand, hilft inzwischen im Service mit. Und der Chef lässt die Band Geier Sturzflug auf die Gehörgänge los, sie katapultiert uns zurück in die Neue Deutsche Welle: «Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!» Vielleicht könnte man einmal bei der Torproduktion beginnen, liebe Freunde vom grossen Kanton. Wir fühlen mit euch in der grossen Krise. Aber nun gebt euch einen Ruck und feuert unsere Nati (Achtung, Aussprache!) an.Oder WatHohlstrasse 49, 8004 Zürich Telefon 044 223 94 27Montags geschlossen.Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel