PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaftDer bedenkliche AuftrittStand: 05:07 UhrLesedauer: 8 MinutenDie deutsche Nationalmannschaft kassiert im letzten Gruppenspiel eine verdiente Pleite gegen Ecuador. Die TV-Experten Mats Hummels, Jürgen Klopp und Thomas Müller analysieren, was schiefgelaufen ist.Vor dem ersten K.o.-Spiel bei der WM weckt die deutsche Mannschaft böse Erinnerungen statt Hoffnung auf bessere Zeiten. Sie offenbart Schwächen, wirkt in sich nicht stabil. Nicht nur Experten finden deutliche Worte.In der Nacht zum Freitag kehrten die deutschen Fußball-Nationalspieler nach Winston-Salem in ihr WM-Quartier zurück. So gut gelaunt, wie sie nach den Erfolgen gegen Curaçao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) die Gangway auf dem nahegelegenen Flughafen Smith Reynolds in North Carolina herunterliefen, waren sie dieses Mal nicht. Im Beisein der ein oder anderen Ehefrau wirkte der Großteil der Spieler sehr nachdenklich. Verständlich, hatte die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann doch Stunden zuvor in New York 1:2 (1:1) gegen Ecuador verloren.Nun war Deutschland zwar vor dem letzten Vorrundenspiel bereits für das erstmals bei einer WM ausgetragene Sechzehntelfinale qualifiziert, doch auf zwei teilweise sehr überzeugende Spiele war am Donnerstag ein bedenklicher Auftritt gefolgt – und das ausgerechnet vor der K.o.-Runde, in der eine Niederlage das Aus bedeuten würde.Lesen Sie auchDas 1:2 gegen Ecuador hatte keine großen Folgen, lediglich die Statistiker hielten nach zuvor elf gewonnenen Spielen fest, dass der Rekord des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) von zwölf Siegen verpasst worden ist. Dies ist zwar schade, aber zu verkraften. Zu denken hingegen sollte das: Deutschland schaffte es nun schon im neunten WM-Spiel in Folge nicht „zu Null“ zu spielen. In New York agierte das Nagelsmann-Team viel zu schwach. Es gab zu viele einfache Fehler, insbesondere im Spielaufbau. Mal gingen Bälle leichtfertig verloren, mal war der Gegner viel handlungsschneller – und vor allem robuster.7:4 Torschüsse für EcuadorDeutschlang hatte nur wenige Torchancen, darunter einen zu unplatzierten Kopfball von Kai Havertz und einen Schuss Leroy Sané – und der Treffer, der zum 1:0 nach nur zwei Minuten von Sané führte, hätte eigentlich gar nicht zählen dürfen. Zuvor hatte Aleksandar Pavlović ein Foul begangen, das die Schiedsrichterin aber nicht ahndete. Ecuador kam nach dem Seitenwechsel auf 7:4 Torschüsse – und lag beim xGoal-Wert mit 1,6 zu 1,0 vorn. Dieser Wert gibt an, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Torchance zu einem Tor führt.Nun wird der Gegner in der Runde der letzten 32 Mannschaften zwar erst in der Nacht zum Sonntag feststehen. Aber selbst wenn die Nationalspieler schon wüssten, gegen wen sie am Montagabend (22.30 Uhr MEZ/ZDF und MagentaTV sowie im Liveticker bei WELT) in Boston spielen, würde das nichts an der Tatsache ändern, dass das gute Gefühl mit Blick auf das Nagelsmann-Team dahin ist. Vielmehr stellt sich die Frage: Wie stark ist Deutschland wirklich, wie titelreif – und wie gut, wenn es ab jetzt in einem Spiel um etwas geht?Lesen Sie auchDie internationalen Medien üben berechtigte Kritik an der deutschen Mannschaft. „Ein ‚Golden Goal‘ von Plata bringt Ecuador in die Runde der letzten 32. (...) La Tri gelang die Wende gegen eine deutsche Mannschaft, die bei dieser WM zusehends abbaut – ein Team, für das das Etikett ‚potenzieller Titelanwärter‘ schlichtweg eine Nummer zu groß ist“, schrieb die spanische „Marca“.Deutliche ExpertenkritikVier K.-o.-Spiele musste Mats Hummels 2014 in Brasilien mit Deutschland auf dem Weg zum WM-Titel bestreiten. Nach einem wackligen Achtelfinal-Auftritt gegen Algerien folgten vor zwölf Jahren drei souveräne Spiele gegen Frankreich, Brasilien und Argentinien. In seiner Funktion als Experte bei MagentaTV sagte der frühere Verteidiger nach dem 1:2 gegen Ecuador in New Jersey: „Was mir Sorge bereitet: Wir haben hier ein Spiel, in dem es erst mal um nichts geht. Und dass du in so einem Spiel nicht die Selbstverständlichkeit hinkriegst, am Ball ruhig zu bleiben, Entscheidungen zu treffen, sondern auch da unruhig wirst, Ballverluste hast – wie soll das dann werden, wenn es um alles geht?“ Thomas Müller, der zusammen mit Hummels den WM-Titel gewann, resümierte nach dem dritten WM-Spiel der deutschen Mannschaft, dass er diese noch nie so naiv habe spielen sehen. Hummels und Müller legten den Finger in die Wunde einer deutschen Mannschaft, der Jürgen Klopp den Rat gab, dass sie ihre Qualitäten mit einer herausragenden Einstellung mixen müsse. „Wir können besser spielen, aber wir müssen auch besser spielen“, sagte der langjährige Trainer des BVB und des FC Liverpool. Julian Nagelsmann, dem bis zum Spiel am Montag nicht viel Zeit bleibt, Dinge anzusprechen und zu verändern, reagierte leicht gereizt, als er nach der Niederlage gefragt wurde, ob seiner Mannschaft das letzte Engagement gefehlt habe. „Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben?“, entgegnete er Moderator Johannes B. Kerner, der daraufhin insistierte, dass es der Gegner in dieser Partie etwas mehr wollte. Auch das wollte Nagelsmann so nicht stehen lassen: „Nee, die wollten es nicht mehr“, sagte der 38-Jährige: „Die haben halt ein bisschen mehr Risiko genommen in vielen Aktionen.“ Durch den Sieg steht Ecuador als Gruppendritter ebenso wie Nagelsmanns Mannschaft und der Tabellenzweite Elfenbeinküste im Sechzehntelfinale.Als Joshua Kimmich, der Kapitän, im Nachgang auf Gründe für die Niederlage angesprochen wurde, sagte er: „Die Analyse ist, dass wir auf jeden Fall verdient verloren haben. Ich glaube, wir sind ganz gut ins Spiel gekommen. In der Mitte der ersten Halbzeit haben wir ein bisschen die Kontrolle verloren, weil wir zu viele Ballverluste hatten und zu viele direkte Duelle verloren haben.“ Nach dem Seitenwechsel habe die Mannschaft gefühlt nicht mehr so ganz auf Sieg gespielt. „Was mich am meisten ärgert, ist, dass man das Gefühl hatte, dass der Gegner mehr gewinnen wollte als wir und mehr auf Sieg gespielt hat, als wir das getan haben.“ Auch Deniz Undav, der nach bislang drei Toren und zwei Vorlagen gegen Ecuador keine Akzente setzen konnte, bemängelte das. „Die waren griffiger.“ Klare Worte, mit denen sie ihrem Trainer widersprachen. Kimmich, der Kapitän, wirkte auf dem Rasen aufgrund seiner Rolle als Rechtsverteidiger wie ein Teil des Problems im deutschen Spiel. Gegen Curaçao fiel es noch nicht so auf, gegen die Elfenbeinküste schon ein wenig – gegen Ecuador umso mehr. Kimmich fehlt in der Zentrale als Anker. Das ist er beim FC Bayern, wo er im defensiven Mittelfeld gesetzt ist. Der Bundestrainer aber sieht ihn rechts. Lesen Sie auchAls er am vergangenen Donnerstagabend auf den fehlenden Zugriff des deutschen Mittelfeldes angesprochen und gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, nicht dort auch in der deutschen Auswahl zu spielen, sagte er: „Das ist einzig und allein die Entscheidung des Trainers. Und da, wo er das Gefühl hat, wo ich am besten weiterhelfen kann, da wird er mich aufstellen, und da spiele ich dann.“Nagelsmann erteilte einer Positionsänderung Kimmichs noch vor dem Rückflug eine Absage. „Ich will auf Felix (Nmecha – d. R.) und Pavlo (Pavlovic – d. R.) nicht verzichten. Ich finde, dass sie es gut machen“, sagte der Bundestrainer, der sich schützend vor seine Spieler stellte. Es habe mit zunehmender Spieldauer „ein bisschen zu viel Freestyle gegeben“. Auch habe die Mannschaft nicht so souverän gespielt, wie er sich das erhofft hatte. Er habe einige Erkenntnisse gewonnen, sagte der Bundestrainer, die man aber „intern besprechen“ müsse.Um „im Flow“ zu bleiben, wie es der Bundestrainer formulierte, gab es gegen Ecuador nur zwei Wechsel in der Startelf: Antonio Rüdiger spielte für Nico Schlotterbeck, für den die WM nach einer Innenbandverletzung beendet ist, und David Raum ersetzte den angeschlagenen Nathaniel Brown. Statt sich noch besser einzuspielen, offenbarte Deutschland Schwächen: Florian Wirtz und Jamal Musiala, die so guten Offensivkräfte, haben noch immer nicht ins Turnier gefunden. Sie sind willens, das ist zu sehen, aber der große Impuls fehlt noch. Gut durchdachte Spielzüge gab es bislang kaum. Hinten im Tor strahlt der im Nationalteam reaktivierte Manuel Neuer zwar Ruhe aus, doch er kommt bei der WM auf mehr Gegentore (vier) als Paraden.Am Freitag haben die deutschen Nationalspieler frei. Durchaus möglich, dass mancher sich im beschaulichen Winston-Salem in eines der vielen guten Cafés setzt, um abzuschalten, um auf andere Gedanken zu kommen. Vielleicht hängen sie auch nur am Pool ab oder spielen Golf. Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.In New York würden sich mit Blick auf die Freizeitgestaltung zwar viel mehr Möglichkeiten anbieten, aber was hätten Bilder oder Videos von deutschen Nationalspielern am Times Square oder an der Brooklyn Bridge im Nachgang für eine Außenwirkung, sollte das erste K.o.-Spiel am Montag verloren gehen – und ein vorzeitiges WM-Aus besiegelt sein. Keine gute, was sich die Verantwortlichen beim DFB wohl auch nochmal gedacht haben dürften, als es um die Planung für die kommenden Tage ging. Es soll intern die Überlegung gegeben haben, nicht nach Winston-Salem zurückzukehren, sondern von New York direkt an den Spielort Boston zu reisen, um Reisestress zu vermeiden – und sich vielleicht doch ein wenig mehr auf das Wesentliche zu besinnen: die Fußball-WM.Auch wenn nach der WM 2018 in Russland und der WM 2022 in Katar das Vorrunden-Aus vermieden worden ist. Der bedenkliche Auftritt gegen Ecuador stimmt nicht zuversichtlich.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit über drei Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.
Fußball-WM: Der bedenkliche Auftritt der deutschen Nationalmannschaft - WELT
Vor dem ersten K.o.-Spiel bei der WM weckt die deutsche Mannschaft böse Erinnerungen statt Hoffnung auf bessere Zeiten. Sie offenbart Schwächen, wirkt in sich nicht stabil. Nicht nur Experten finden deutliche Worte.














