PfadnavigationHomeSportFußballWMSchlappe gegen EcuadorEin Achsenbruch führt zum Negativrekord für die NationalelfStand: 11:10 UhrLesedauer: 6 MinutenNach der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Ecuador analysieren Jürgen Klopp und Mats Hummels, woran die DFB-Elf gescheitert ist. „Wenn wir jetzt wirklich die Lehren ziehen, dann sehen wir im nächsten Spiel völlig anders aus“, sagt Klopp.Die Niederlage gegen Ecuador legt deutliche Schwachstellen in der Nationalmannschaft offen. Was Deutschland 2014 zum Titel trug, funktioniert in diesem Turnier noch nicht. Es gibt Probleme in allen Mannschaftsteilen, nun drängt die Zeit.In der 126-jährigen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind viele besondere Dinge passiert. Dem glatzköpfigen Schiedsrichter Pierluigi Collina aus Italien übergab der Verband als Gastgeschenk einst einen Föhn. Bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA zeigte Stefan Effenberg den Fans den Mittelfinger – es gibt kein Video davon. Und bei der WM in Brasilien, zwanzig Jahre später, sang Christoph Kramer auf einer Fährfahrt ins legendäre Teamquartier Campo Bahia vor der Mannschaft „When you say nothing at all“ von Ronan Keating – der Spieler hatte wenige Wochen zuvor für Deutschland debütiert.Sonntag kommt es wieder zu einem besonderen Moment. Die Nationalmannschaft fliegt zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu einem WM-Sechzehntelfinale. Diese Runde hat es noch nie gegeben. Der Weltverband Fifa sorgt für diese Premiere, indem er an dem Turnier 48 statt bislang 32 Mannschaften teilnehmen lässt. Wer Weltmeister werden will, muss nun acht Spiele bestreiten. In Foxborough bei Boston spielt die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann am Montag (22.30 Uhr, MagentaTV und im Liveticker der WELT) um den Einzug in das Achtelfinale. An diesem Wochenende bereitet sie sich in ihrem WM-Quartier in Winston-Salem in North Carolina auf die Aufgabe vor. Auch die Frauen, Freundinnen und Familien der Spieler durften in den vergangenen Tagen in das Hotel „Graylyn Estate“ einchecken. Lesen Sie auchIm DFB war man mit Blick auf dieses Spiel in dieser Woche zunächst sehr zuversichtlich. Dann kam Donnerstagabend das dritte Gruppenspiel gegen Ecuador (1:2). Deutschland war bereits vor Anpfiff für die K.-o.-Runde qualifiziert. Dennoch war die Niederlage enttäuschend und ernüchternd. Und sorgt für Zweifel an der Mannschaft. „Die wollten das mehr als wir“, gesteht UndavNach elf Siegen in Folge war es das erste verlorene Spiel. Deutschland war vor allem in der zweiten Halbzeit in mehreren Aspekten unterlegen – obwohl die Mannschaft bereits nach zwei Minuten durch Leroy Sané in Führung gegangen war. „In der Knock-out-Phase brauchen wir eine bessere Leistung“, so Torwart Manuel Neuer. Der eingewechselte Stürmer Deniz Undav sagte über Ecuador: „Die wollten das mehr als wir.“ Eine Analyse, die Nagelsmann und der Mannschaft zu denken geben muss, wenngleich der Trainer sie nicht teilt. Dass Nagelsmann nach Abpfiff von „Harakiri in der Positionierung“ und „zu viel Freestyle“ spricht, sagt jedoch einiges aus. „Der Spiegel“ erinnert an die vergangenen Blamagen bei den vergangenen Weltturnieren und schreibt: „Es sieht schon wieder aus wie 2018 und 2022.“Lesen Sie auchDas Problem an dem Abend in New Jersey war: Es war nicht der eine Aussetzer eines Spielers, der für die Niederlage sorgte. Nicht die schwache Tagesform von zwei oder drei Profis. Die gesamte Achse der deutschen Auswahl funktionierte nicht. Das deutsche Spiel war mitunter von Fehlpässen geprägt. Nagelsmanns Team spielte sich nur wenige Chancen heraus. Die spanische Zeitung „Marca“ bezeichnet Deutschland als Mannschaft, „die bei dieser WM zusehends abbaut – ein Team, für das das Etikett ,potenzieller Titelanwärter‘ schlichtweg eine Nummer zu groß ist.“2014 führte eine funktionierende Achse Deutschland zum Weltmeistertitel: Neuer im Tor, Mats Hummels in der Innenverteidigung, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira im zentralen Mittelfeld, Mesut Özil als Spielgestalter, Miroslav Klose in der Spitze. Dazu Thomas Müller und Toni Kroos. Gegen Ecuador funktionierte die Schaltzentrale, der Maschinenraum der Mannschaft, zu wenig – die „Doppel-Sechs“, bestehend aus Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović. Bei anderen Nationen spielen hier mitunter sehr erfahrene Spieler. Nagelsmann vertraut in dieser Rolle einem 22-Jährigen (Pavlović) und einem 25-Jährigen (Nmecha). Sie sind nicht nur die Gegenwart – sie sind die Zukunft dieser Mannschaft. Weil sie (noch) längst nicht auf der Spitze ihres Könnens sind, hofft der Bundestrainer.Doch in der Gegenwart haben die beiden Probleme. Von den Achsen-Spielern war Abwehrchef Jonathan Tah gegen Ecuador der beste. Er strahlte lange Sicherheit aus und rettete mehrfach, war allerdings entscheidend am Siegtreffer des Gegners beteiligt. So blieb Deutschland im neunten WM-Spiel in Folge nicht ohne Gegentor und egalisierte damit einen negativen Verbandsrekord (1934 bis 1954). Diesmal hatten Nagelsmanns Wechsel keinen EffektIn der zentralen Offensive geben Jamal Musiala und Florian Wirtz alles. Doch Musiala wird oft gefoult und sehr früh attackiert. Wirtz ist enorm aktiv, doch der Ertrag ist manchmal ausbaufähig. Es soll das Turnier der beiden Jungstars vom FC Bayern und FC Liverpool werden. Wirtz verpasste die WM 2022 in Katar verletzt und spielt erstmals auf der größten Fußballbühne der Welt. Es ist bislang nicht das überragende Turnier der beiden.Die deutsche Mannschaft hat eine Mischung im Kader, die es weit bringen kann bei dieser WM. Doch sie braucht mehr Überzeugung und mehr Robustheit als im Spiel gegen Ecuador. Auch Nagelsmanns Wechsel brachten – anders als beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste in der Partie davor – nicht den entscheidenden Effekt. „Wir dürfen nicht in jedem Spiel ein, zwei Gegentore bekommen“, betonte Kapitän Joshua Kimmich. „Wir müssen die Ballverlustquote minimieren. Dann können wir auch jeden schlagen.“Der 2014er-Achsenspieler Mats Hummels ist bei dieser WM als Experte für MagentaTV im Einsatz. Er sagte: „Wenn du auch in so einem Spiel nicht die Selbstverständlichkeit hinkriegst, einfach am Ball ruhig zu bleiben und die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern auch da unruhig wirst, Ballverluste hast und den Gegner einlädst: Wie soll es dann werden, wenn es richtig um alles geht? Wenn da Frankreich steht und du weißt: Der Fehler kann das Ausscheiden bedeuten.“ Sein einstiger Mitspieler Bastian Schweinsteiger betonte in der ARD: „Mit dem Ball erwarte ich mehr Klarheit und Dominanz. Wir sind nicht Weltspitze, wir sind aber auch nicht schlecht. Wir sind da, aber gegen so robuste Gegner wie Ecuador tun wir uns extrem schwer. Wenn du dich körperlich unterlegen fühlst, musst du den Ball gut spielen. Da haben wir deutlich Luft nach oben.“„Ich will auf Felix und Pavlo nicht verzichten“Nagelsmann holte Torwart Neuer kurz vor der WM nach zwei Jahren in die Nationalelf zurück. Experten wie Lothar Matthäus sehen den Torwart verantwortlich für das zweite Gegentor gegen Ecuador. Neuer selbst kann kein Fehlverhalten bei sich erkennen. In der K.-o.-Runde braucht Deutschland formstarke Führungsspieler, an denen sich die Jüngeren orientieren können. Der Bundestrainer sieht kein Mentalitätsproblem bei seiner Mannschaft. Das sei ihm zu plakativ, sagte er.Der 38-Jährige plant keine radikalen Umbauten in der Startelf und schließt eine Versetzung von Kimmich ins Mittelfeld für das erste K.-o.-Spiel aus. Pavlović und Nmecha haben weiterhin sein Vertrauen. „Ich will auf Felix und Pavlo nicht verzichten. Ich finde, dass sie es gut machen. Im Fußball kann man nichts ausschließen, aber ein Wechsel ist akut nicht geplant“, sagte Nagelsmann. Bei der EM 2024 in Deutschland sei Kimmich ein Top-Rechtsverteidiger gewesen. Und er spiele in Ballbesitz praktisch im Mittelfeld. Die Auswechslung des Kapitäns nach einer Stunde Spielzeit gegen Ecuador sei abgesprochen und geplant gewesen: „Jo hatte eine sehr anstrengende Saison bei Bayern.“ Es gehe jetzt allein darum, „am Montag alles reinzulegen, um die nächste Runde zu erreichen“. Im Achtelfinale könnte danach Frankreich der Gegner sein. Experten und Fans erwarten eine Leistungssteigerung. „Wir können besser spielen“, sagte Jürgen Klopp, der immer wieder als Bundestrainer der Zukunft gehandelt wird. „Aber wir müssen auch besser spielen. Die Qualität müssen wir mixen mit einer herausragenden Einstellung und Mentalität.“Sonst wird es nichts mit der ersten deutschen Achtelfinal-Teilnahme bei einer WM seit zwölf Jahren. Sonst gibt es Montagabend direkt wieder eine Premiere – das erste Ausscheiden einer DFB-Auswahl in einem WM-Sechzehntelfinale.