PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungWM-DebakelWas wäre passiert, wenn Deutschland auf Frankreich getroffen wäre? Es wäre böse gewordenStand: 15:34 UhrLesedauer: 5 MinutenFrankreich ist unter Trainer Deschamps souverän ins WM-Achtelfinale eingezogen. Jetzt wartet Deutschland-Besieger Paraguay auf das Starensemble um Mbappé. „Man qualifiziert sich nicht für ein Achtelfinale durch Zufall“, warnt der Trainer.Das frühe WM-Aus ist schmerzhaft. Aber hätte es sich nicht noch viel bitterer angefühlt, diese deutsche Elf im Achtelfinale gegen Frankreich zu sehen? Nur eine Formation wäre erfolgsversprechend gewesen. Doch von der wollte der Bundestrainer nichts wissen.Nein, überraschend war diese Aussage von Kylian Mbappé nicht. „Paraguay hat gezeigt, dass es eine Mannschaft ist, die man ernst nehmen muss, schließlich hat sie gegen Deutschland gewonnen“, sagte der französische Superstar, als er um eine Einschätzung zum bevorstehenden Achtelfinale gebeten wurde. Deutschland geschlagen? Kann das überhaupt noch ein Kriterium sein?Mbappé war schon immer Diplomat. Und es ist ja auch vernünftig, die Frage nach dem kommenden Gegner bescheiden zu beantworten – selbst wenn der im Vergleich zum eigenen Leistungsvermögen noch so limitiert ist. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Doch natürlich wird Paraguay für den WM-Favoriten keine Hürde sein – genauso wenig, wie Deutschland eine ernsthafte Herausforderung für die Équipe Tricolore gewesen wäre.Nur mal angenommen, das Tor von Jonathan Tah hätte gezählt oder Julian Nagelsmann hätte sein Team auch nur ansatzweise auf ein Elfmeterschießen vorbereitet – wäre es dann für die Franzosen wesentlich schwerer geworden, ins Viertelfinale einzuziehen? Wer weiß: Vielleicht wäre es ja sogar leichter geworden.Haarsträubende Defizite im Abwehrverhalten Zugegeben, das ist eine provokante These. Doch seien wir ehrlich: Paraguay kann wenigstens verteidigen. Und daran liegt die einzige Minimalchance, wenn man auf diese gut geölte französische Maschine trifft: im Versuch, Mbappé, Olise, Dembélé, Barcola oder Doué ihre Spielfreude zu nehmen, ihnen keine Räume zu geben und sie, ja, auch eine gewisse Härte spüren zu lassen. Paraguay wird sich kaum der Illusion hingeben, fußballerisch auch nur das Geringste ausrichten zu können.Diese Erkenntnis ist Voraussetzung, um als Underdog eine Perspektive entwickeln zu können – und an genau dieser fehlte es der deutschen Mannschaft. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht darum, uns noch kleiner zu machen, als wir uns nach dem WM-Aus ohnehin schon fühlen.Lesen Sie auchNatürlich ist Deutschland fußballerisch besser als Paraguay. Wir haben einen Florian Wirtz, einen Jamal Musiala, einen Kai Havertz – wenn auch nicht gerade in Bestform. Doch was wir nicht hatten, war entscheidend: Stabilität. Jedes einzelne unserer sechs Gegentore war auf teils haarsträubende Defizite im Abwehrverhalten zurückzuführen. Es gab keinerlei Kompaktheit. Um die zu erlangen, hätte es allerdings der Einsicht in die Notwendigkeit bedurft.Wer auf den deutschen Kader blickt, stellt schnell fest: Das reicht nicht für die Weltspitze. Frankreich, Spanien und wohl auch Argentinien und England sind weit enteilt. Interessant wird es, wenn man Vergleiche mit Brasilien, Norwegen, Marokko und Mexiko anstellt, die es ja bereits ins Achtelfinale geschafft haben.Was unterscheidet diese Teams von Deutschland? Natürlich gibt es hier und da auch Qualitätsunterschiede. Wir haben keinen Vinicius Jr., keinen Erling Haaland. Doch der entscheidende Unterschied ist ein anderer: Diese Mannschaften – und andere auch – haben einen klaren Plan, basierend auf einer realistischen Selbsteinschätzung. Sie setzen, je nach zur Verfügung stehenden Spielerfähigkeiten, auf taktische Disziplin, Risikovermeidung, Laufbereitschaft und körperliche Robustheit.Die Norweger stehen oft tief und verlassen sich in der Offensive auf ihre Ausnahmekönner Haaland und Nusa. Die Marokkaner laufen sämtliche Räume zu und kontern nach Ballgewinn blitzartig. Die Brasilianer kompensieren ihr Schnelligkeitsdefizit, indem sie lange den Ball halten – und gehen erst ins Risiko, wenn die Gefahr eines Ballverlustes gering und die Chance auf einen Torabschluss hoch ist. Und wenn die Seleção in Rückstand gerät und die Zeit wegläuft, presst sie den Gegner. Da macht selbst Vini Jr. mit. „Jogo bonito“, das schöne Spiel, sieht anders aus. Doch Trainer Carlo Ancelotti weiß genau, was er mit dieser Mannschaft spielen lassen kann – und was nicht.Wir haben geglaubt, dass wir fußballerische Maßstäbe setzen könnenZurück zur Ausgangsfrage: Was wäre passiert, wenn Deutschland auf Frankreich getroffen wäre? Es wäre böse geworden. Barcola oder Doué hätten mit Kimmich gemacht, was sie wollen. Olise, den Didier Deschamps meist hinter Mbappé spielen lässt, hätte unser zentrales Mittelfeldduo Pavlovic/Nmecha schwindelig gespielt. Es hätte eine klare Niederlage gegeben.Was aber wäre gewesen, wenn Deutschland mit drei Innenverteidigern gespielt hätte? Mit Anton, Tah und Rüdiger. Und wenn die Seiten mit zwei Schienenspielern abgedichtet worden wären? Brown links und Ridle Baku rechts. Wenn in der Mittelfeldzentrale das eingespielte Bayern-Tandem Kimmich/Pavlovic agiert hätte? Dann hätte es auch ein wenig anders aussehen können. Dies wäre, in Anbetracht unserer Defizite, sicher eine erfolgversprechendere Ausrichtung gewesen – vorausgesetzt, eine solche Formation hätte die Gelegenheit bekommen, sich einzuspielen. Doch davon wollte der Bundestrainer nichts wissen.Das Problem ist, und dies betrifft nicht nur Nagelsmann: Wir haben geglaubt, dass wir fußballerische Maßstäbe setzen können. Das war nach zwei Knock-outs in der Vorrunde sowie einem EM-Achtel- und einem Viertelfinale vermessen. Überhaupt: Die Heim-EM als Erfolg anzusehen, anstatt zu konstatieren, wie groß die Probleme nach wie vor sind – das war ein fataler Fehler.Unsere Defizite werden sich auch nicht über Nacht beheben lassen – auch nicht mit einem neuen Bundestrainer. Was wir aber tun können – und schon bei dieser WM hätten tun können – wäre eine Rückbesinnung auf frühere Turniere, bei denen wir ebenfalls weit von der Weltspitze entfernt waren. 1986 und 2002 schaffte es Deutschland ins Finale: mit mittelmäßig besetzten Mannschaften, die taktisch extrem diszipliniert waren und in erster Linie verteidigten. Irgendwann damals muss Gary Lineker auf seine berühmten Sätze gekommen sein: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten lang dem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“Der gleiche Lineker sprach schon vor dem Paraguay-Spiel von einer „der schwächsten“ deutschen Nationalmannschaften, die er je gesehen habe. Und dass Frankreich, sollte es zu einem Achtelfinalduell mit Deutschland kommen, „problemlos ins Viertelfinale einzieht“. Wahrscheinlich hat er recht – aber es wäre trotzdem schön gewesen, wir hätten zumindest die Chance bekommen, ihn zu widerlegen.
WM 2026: Wir Deutschen weigern uns sehr hartnäckig, die Realitäten anzuerkennen - WELT
Das frühe WM-Aus ist schmerzhaft. Aber hätte es sich nicht noch viel bitterer angefühlt, diese deutsche Elf im Achtelfinale gegen Frankreich zu sehen? Nur eine Formation wäre erfolgsversprechend gewesen. Doch von der wollte der Bundestrainer nichts wissen.















