Steuer für Grenzgänger: Tessiner Regierung brüskiert Bundesrätin Keller-Sutter, während sie in Rom weiltDie Schweizer Finanzministerin hat ihren italienischen Amtskollegen zu Gesprächen über das Grenzgängerabkommen getroffen. Gleichzeitig hat das Tessin entschieden, Italien zustehende Gelder aus der Besteuerung der Grenzgänger nicht auszuzahlen.Peter Jankovsky, Bellinzona01.07.2026, 05.29 Uhr3 LeseminutenBundesrätin Karin Keller-Sutter trifft den italienischen Finanzminister Giancarlo Giorgetti am Dienstag, 30. Juni 2026, in Rom.EFDDer Tessiner Regierungspräsident Claudio Zali (Lega) hat am frühen Dienstagmorgen etwas Ungewöhnliches getan: Er berief in Windeseile eine Medienkonferenz ein. Seine Botschaft war etwas, was er schon vor Wochen angedroht hatte. Der Staatsrat behält die Hälfte der italienischen Einnahmenbeteiligung aus der Tessiner Grenzgänger-Quellensteuer zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese besondere Besteuerung beschert dem Tessin jährliche Einnahmen von etwa einer Milliarde Franken. Davon führt der Südkanton jährlich über 100 Millionen Franken an Italien ab. Die teilweise Blockierung der Auszahlung ist brisant. Sie steht im klaren Widerspruch zum Grenzgängerabkommen zwischen der Schweiz und Italien.Auch der Zeitpunkt der Mitteilung ist taktisch heikel. Denn just am Dienstagvormittag weilte Finanzministerin Karin Keller-Sutter in Rom zu Gesprächen mit ihrem Amtskollegen Giancarlo Giorgetti. Es ging um internationale Finanz- und Steuerfragen sowie um Möglichkeiten, das Grenzgängerabkommen zwischen der Schweiz und Italien zu modernisieren. Offenbar entsprechen die Rahmenbedingungen des 1974 getroffenen und 2023 erneuerten Abkommens nicht mehr den heutigen Bedürfnissen.Keller-Sutter und Giorgetti sprechen über die laufenden Arbeiten zu den bilateralen Steuerdossiers sowie über internationale Finanzfragen.EFDSteuer oder Gebühr? Tessin und Bund sind uneinigDas derzeitige Verhalten Italiens verletze das Grenzgängerabkommen, sagte Zali. Daher halte die Tessiner Regierung 46 Prozent der Summe zurück, welche der Region Lombardei zustehe. Zali spielt auf Folgendes an: Die Lombardei will spätestens ab nächstem Jahr von Frontalieri, die vor 2023 im Tessin eine Stelle fanden, eine Abgabe von 3 bis 6 Prozent des Nettolohns verlangen. Dank dieser «Gesundheitsgebühr» will die lombardische Regionalregierung höhere Löhne in grenznahen Spitälern einführen. Man hofft so, dass weniger Pflegepersonal und Ärzte in den Südkanton abwandern.Die italienische «Gesundheitsgebühr» sei aber in Wirklichkeit eine Steuer, so das Ergebnis einer juristischen Abklärung der Tessiner Regierung. Eine Besteuerung sehe das Grenzgängerabkommen für Italien nicht vor, nur für das Tessin. Ein vom Bundesrat bestelltes Gutachten kommt allerdings zum gegenteiligen Schluss: Es handle sich tatsächlich nur um eine Gebühr, sie sei also mit dem Abkommen vereinbar.Vermutlich gibt es noch einen zweiten Beweggrund für das Manöver des Tessiner Staatsrates. Die Kantonsregierung fühlt sich beim nationalen Finanzausgleich benachteiligt. In der Berechnung des Ressourcenpotenzials würden die Einkommen der etwa 78 000 Grenzgänger mitgezählt, obwohl diese Personen keine Einwohner seien. Dadurch erscheine der Südkanton wohlhabender und erhalte weniger Geld, obwohl er die Infrastruktur-, Verkehrs- und Sicherheitskosten für die Grenzgänger tragen müsse.Claudio Zali.KeystoneBundesrat plant runden Tisch mit den BetroffenenDas Tessin fordert vom Bundesrat für all dies dringlich eine Lösung – und hat dem auf etwas brüskierende Weise Nachdruck verliehen. Keller-Sutters Sprecher Pascal Hollenstein sagt: Für die Bundesrätin sei klar, dass zwischen der Gesundheitsabgabe, die noch nicht einmal in Kraft sei, und dem Verhältnis zwischen Bern und Bellinzona kein Zusammenhang bestehe.Den jüngsten Entscheid der Tessiner Regierung nehme man mit Bedauern zur Kenntnis. Dennoch sei man mit Italien im Gespräch über eine mögliche Modernisierung des schweizerisch-italienischen Doppelbesteuerungsabkommens. Laut dem Sprecher planen Keller-Sutter und ihr italienischer Amtskollege Giorgetti, die betroffenen italienischen Regionen und den Kanton Tessin an einen Tisch zu bringen.Zahlungen an Italien blockieren: Mit diesem Druckmittel hatte das Tessin schon zweimal Erfolg. 2011 erreichte der Südkanton neue Verhandlungen mit Italien über das Doppelbesteuerungsabkommen. Bestandteil davon waren auch das Grenzgängerabkommen und die Forderung, die Schweiz von der italienischen «Blacklist» der Steuerparadiese zu streichen. 2019 bewirkte die Tessiner Regierung sogar eine Art Rückzahlung: Der italienische Staat beglich für die bankrotte Spielkasino-Exklave Campione d’Italia deren Schulden beim Südkanton – für Dienstleistungen wie Abfallentsorgung und Abwässerreinigung.Passend zum Artikel
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Die Schweizer Finanzministerin hat ihren italienischen Amtskollegen zu Gesprächen über das Grenzgängerabkommen getroffen. Gleichzeitig hat das Tessin entschieden, Italien zustehende Gelder aus der Besteuerung der Grenzgänger nicht auszuzahlen.












