Berlin. Lange Schlangen vor Tankstellen, ein Ausnahmezustand in mehreren Regionen, die Nationalgarde an den Zapfsäulen: In Russland wird der Treibstoff knapp.Die Krise hat laut dem russischen Investigativmedium „iStories“ inzwischen mehr als 70 russische Regionen sowie die besetzten Gebiete der Ukraine erfasst. Mehr als 40 Regionen haben die Abgabe von Kraftstoff eingeschränkt.Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim haben die eingesetzten Behörden Ende vergangener Woche wegen des Mangels an Treibstoff und Lebensmitteln den Ausnahmezustand ausgerufen.Am 30. Juni bestätigte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax, Russland führe Gespräche mit anderen Ländern über mögliche Importe von Mineralölprodukten.Dass es Warteschlangen gibt und bestimmte Benzinsorten nicht überall verfügbar sind, musste Präsident Wladimir Putin bereits am Wochenende zugeben. Beim Treffen mit den Chefs führender Energiekonzerne sagte er, die Produktion solle im Juli über dem Niveau des Vormonats liegen.+++ Ukraine-Krieg +++ Ukraine attackiert Satellitenkommunikation nahe Moskau Live-BlogWie der Staat das erreichen will, wurde tags darauf deutlicher: Die Regierung erwäge, vorübergehend Kraftstoff mit niedrigeren Qualitätsstandards zuzulassen – bis hinunter zur Euro-2-Norm. Das ist ein Standard, der moderne Autos schädigen kann und 2013 verboten wurde, schrieb die russische Zeitung „Kommersant“.Videos und Berichte in sozialen NetzwerkenBei Google Trends und Yandex Wordstat stiegen die Suchanfragen nach „Wie zapfe ich Benzin ab?“ in den vergangenen Wochen deutlich an. In einigen Regionen blieben Taxifahrer häufiger zu Hause, weil sie nicht genügend Kraftstoff bekämen, berichtete „Kommersant“ am Dienstag.In sozialen Netzwerken häufen sich zudem Berichte und Videos aus den Regionen. Sie zeigen, wie aus geparkten Autos Sprit gestohlen wird. „Der Alte hat die 90er zurückgebracht“, kommentierte ein Instagram-Nutzer – und meinte damit offenbar Putin. Der Präsident rechtfertigt seine lange Amtszeit seit Jahren auch damit, Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion aus dem wirtschaftlichen und politischen Chaos der 1990er-Jahre geführt zu haben.Ukrainische Drohnen greifen russische Raffinerien zwar schon länger an. Doch inzwischen erreichen mehr Flugkörper ihre Ziele als noch vor einigen Monaten. Darauf deuten Satellitendaten der US-Raumfahrtbehörde NASA zu Bränden in russischen Raffinerien hin, sagt Sergej Wakulenko, bis Februar 2022 Strategie- und Innovationschef des russischen Ölkonzerns Gazprom Neft, heute Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin.Mehr Drohnen erreichen ihr ZielDie Ukraine fokussiere sich vor allem auf das wirtschaftliche Herz des Landes, sagt Wakulenko. Angegriffen worden seien alle Raffinerien, die Moskau über Pipelines versorgen – Jaroslawl, Rjasan und Kstowo.Damit treffe die Krise die Region, über die ein erheblicher Teil des Güter- und Flugverkehrs läuft. Insgesamt zielten die Angriffe auf das dicht besiedelte Zentrum und die Wolga-Region – dorthin, wo sich Bevölkerung und Nachfrage konzentrieren.Trotz der massiven Angriffe hält Wakulenko die Folgen für die Produktion bislang für begrenzt. Im Vergleich zu den Vorkriegsjahren sei die Rohölverarbeitung um etwa 25 bis 30 Prozent gesunken. Die Benzinproduktion sei jedoch weniger stark zurückgegangen, das Defizit betrage laut Wakulenko derzeit etwa 15 Prozent: spürbar, aber noch nicht dramatisch.Eine flächendeckende Versorgungskrise bei Lebensmitteln – wie sie die Krim als Sonderfall erlebt – erwartet Wakulenko für Russland insgesamt nicht. Die Knappheit treffe vor allem Privatleute, die im Alltag auf Benzin angewiesen seien.Autos an einer Moskauer Tankstelle: Die Knappheit trifft Privatleute. Foto: Pavel Bednyakov/AP/dpaPutins Versprechen, die Produktion schon im Juli zu steigern, hänge laut Wakulenko „vor allem davon ab, ob die Ukraine das Tempo und den Umfang ihrer Angriffe aufrechterhält – und was die russische Luftabwehr dem entgegensetzen kann“.Entscheidend sei zudem, wie schnell Russland beschädigte Raffinerien reparieren könne, und das bei wiederholten Angriffen. Die Raffinerie in Rjasan sei beispielsweise bereits mehrmals attackiert worden.Was die Krise mit der Stimmung machtPolitische Folgen des Treibstoffmangels sollten laut Journalist Wladislaw Gorin vom unabhängigen russischen Medium „Medusa“ weder unter- noch überschätzt werden. „Schlangen an den Tankstellen, abgesagte Schwarzmeer-Urlaube und schwarze Rauchschwaden über Städten: All das kann die Stimmung in Russland verändern – und tut es bereits“, sagt Gorin, gegen den Russland ein Strafverfahren eingeleitet hat. Er berichtet aus Berlin. Erst kürzlich habe die Einschränkung des mobilen Internets für wachsenden Unmut gesorgt. Verwandte Themen RusslandWladimir PutinUkraineBerlin