Selbst in Moskau kein Benzin: Die Erdölnation Russland kämpft mit KnappheitDie Angriffe der Ukraine verursachen Schäden an Raffinerien und Schlangen an Tankstellen. Weil die Ölanlagen auf Export ausgelegt sind, kann der Kreml nicht flexibel reagieren.30.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenUkrainische Drohnen treffen inzwischen auch Raffinerien in Moskau (Aufnahme vom 18. Juni 2026).EPAIn Moskau herrscht Benzinmangel. Einige Tankstellen sind geschlossen. An manchen werden nur 20 Liter pro Kunde abgegeben. An anderen sind nicht alle Kraftstoffe verfügbar. Das Abfüllen in Kanister ist mancherorts untersagt – so sollen Hamsterkäufe verhindert werden. Wenn die Tankstellen zusperren müssen, um auf Nachschub zu warten, warten auch Autofahrer. Dann stauen sich die Fahrzeuge zurück auf die Strassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Zustände in der russischen Hauptstadt dokumentiert eine am Sonntag publizierte Fotoreportage von Bereg, einem Netzwerk unabhängiger Journalisten. Solche Aufnahmen sind in Russland verboten, weil Tankstellen als «spezielle Anlagen» gelten. Doch der Mangel ist nicht speziell: Seit Tagen zirkulieren Videos aus vielen Landesteilen in den sozialen Netzwerken, die Schlangen vor Tankstellen zeigen. Dokumentiert werden stundenlange Wartezeiten und die wachsende Frustration der Automobilisten.Putin gesteht Probleme einRusslands Präsident Wladimir Putin räumte am Sonntag erstmals Schwierigkeiten durch ukrainische Drohnenangriffe ein. «Diese Attacken auf unsere Infrastrukturanlagen schaffen Probleme», erklärte der Kremlchef in einem Fernsehinterview. Man beobachte gewisse Knappheiten bei Brennstoffen, «aber das ist nicht kritisch». Dennoch gestand Putin ein, dass es Schlangen an den Tankstellen gebe.Ukrainische Drohnen haben in den vergangenen Wochen russische Öllager, Raffinerien und Pipelines ins Visier genommen – teilweise weit im Landesinneren. Am Wochenende wurden laut ukrainischen Angaben eine Raffinerie im südrussischen Krasnodar und eine in der zentralrussischen Region Jaroslawl getroffen. Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim riefen die Behörden am Freitag wegen Treibstoffmangels und Stromausfällen eine Notlage aus.Doch auch die Hauptstadt wird nicht verschont: Für Aufsehen sorgte Mitte Juni ein Angriff auf einen Ölkomplex im Südosten Moskaus. Mehrere Treibstofflager gingen in Flammen auf. Die Explosion eines Tanks, dessen Dach hoch in die Luft geschleudert wurde, avancierte in den sozialen Netzwerken zum Paradebeispiel für Russlands Probleme beim Schutz seiner Energieinfrastruktur – umso mehr, als die Explosion von einer fehlgeleiteten Flugabwehrrakete ausgelöst worden sein soll.Der Krieg lässt sich in Moskau nicht mehr ausblendenDie Raffinerie wurde Ziel des bisher schwersten ukrainischen Angriffs auf Moskau seit Kriegsbeginn. Sie war der grösste Lieferant für Benzin und Diesel in der Region der Hauptstadt. Die Anlagen würden den Betrieb im laufenden Jahr wohl nicht mehr aufnehmen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf informierte Quellen.Die russische Regierung war seit Kriegsbeginn sehr bemüht, die Normalität in der Hauptstadt aufrechtzuerhalten. Stattdessen spürten die Provinzen die Einschränkungen durch den Waffengang. Das gelingt jetzt nicht mehr, und die Ukraine will ihren Vorteil nutzen: Präsident Wolodimir Selenski ordnete in der vergangenen Woche eine 40-tägige Militäroperation an, unter anderem mit Mittel- und Langstreckenangriffen, um Russland zu einem Ende des Krieges zu drängen.Der Kremlchef Putin forderte am Wochenende Massnahmen, um für die Erntezeit die Versorgung der Landwirtschaftsbetriebe mit Treibstoff sicherzustellen. Russland zapft bereits die Benzinreserven an. Ein Exportstopp für Benzin und Kerosin wurde verhängt, ein Ausfuhrverbot für Diesel wird laut Putin erwogen. Das Land könne auch Treibstoffe importieren, erklärte der stellvertretende Regierungschef Alexander Nowak.Die Leistung der Raffinerien schrumpftDas sind bemerkenswerte Entwicklungen für einen der weltgrössten Erdölproduzenten. Doch nicht Russlands Rohölförderung ist durch die Attacken bedroht, sondern die Verarbeitung zu Erdölprodukten. Zum Beispiel lag Russlands Benzinproduktion im Juni um 15 Prozent unter jener im Vorjahreszeitraum, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf informierte Kreise berichtete.Das erscheint glaubhaft: Die russischen Raffinerien haben im zweiten Quartal 2026 rund 4,7 Millionen Fass Rohöl pro Tag verarbeitet, wie aus einem Bericht der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) hervorgeht. Das waren 11 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Währenddessen ist die Rohölförderung des Landes nur geringfügig gesunken und lag im Mai bei rund 9 Millionen Fass pro Tag.«Die Menge an verfügbarem Benzin wird bestimmt durch ein Wettrennen zwischen ukrainischen Drohnen und russischen Reparaturteams», kommentiert Sergei Wakulenko, Ökonom bei der Denkfabrik Carnegie Russia Eurasia Center. Nach seiner Beobachtung hat die Ukraine ihre Taktik geändert: Im Frühjahr griffen die ukrainischen Drohnen vorrangig Depots russischer Exportterminals an, besonders an der Ostsee nahe St. Petersburg und am Schwarzen Meer. Dadurch wurden die Ölausfuhren stark behindert, aber nur für kurze Zeit.Nun fokussiert sich Kiew auf die Raffinerien, mit einem ähnlichen Vorgehen wie im Sommer 2025. Schon damals war daraufhin Treibstoff im Inland knapp geworden – allerdings erst zum Ende der grossen Reisezeit über die Sommermonate. Diesmal hat Kiew zu Beginn der Ferienperiode zugeschlagen. Fast 30 Prozent der Raffineriekapazität seien nun ausser Betrieb, so Wakulenko.Darf Benzin jetzt teurer werden?Die russischen Unternehmen und Politiker hätten die Probleme vom vergangenen Jahr noch gut in Erinnerung, schreibt Wakulenko in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Analyse. Die Frage sei, ob sie auch zu unpopulären Schritten griffen: Noch werden Treibstoffe in Russland subventioniert, wodurch die Preise und damit die Nachfrage nicht voll auf die neue Knappheit reagieren können. Die Autofahrer «bezahlen» auch durch ihre Wartezeit an den Tankstellen.Stattdessen das Angebot zu erhöhen, ist nicht so einfach. Russland habe seit einigen Jahrzehnten kein Benzin mehr auf dem Seeweg importiert, merkte der Branchendienst Kpler jüngst in einer Erörterung an. Die Infrastruktur an den Häfen sei nicht darauf ausgelegt. Wenn, dann kämen solche Lieferungen wohl aus Ländern, die russisches Rohöl zur Verarbeitung importierten, etwa aus Indien und der Türkei. Einfuhren per Bahn, zum Beispiel aus Weissrussland oder Zentralasien, sind zwar leichter möglich, aber die Frachtkapazität ist ebenfalls begrenzt.Gemein hätten die meisten Importe, dass sie wegen der Transportkosten teurer sein müssten als die ohnehin künstlich tiefen Inlandspreise, welche die Russinnen und Russen bislang gewohnt sind. Wenn der Kreml die vom Krieg strapazierten Staatsfinanzen nicht mit einer weiteren Subvention belasten will, könnten fortgesetzte ukrainische Angriffe für die Bevölkerung teuer werden. Sei es durch offiziell höhere Preise für den Treibstoff – oder durch das Entstehen eines Schwarzmarktes, wenn die Regierung nichts unternimmt.Passend zum Artikel
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Die Angriffe der Ukraine verursachen Schäden an Raffinerien und Schlangen an Tankstellen. Weil die Ölanlagen auf Export ausgelegt sind, kann der Kreml nicht flexibel reagieren.












