AP / Matias DelacroixNach dem stärksten Erdbeben in Venezuela seit einem Jahrhundert laufen die Rettungsarbeiten weiter. Eine Analyse von Satellitenbildern, Karten und Videos zeigt, welche Regionen besonders schwer getroffen wurden – und warum die Gegend vor drei Jahrzehnten schon einmal verwüstet wurde.30.06.2026, 12.48 Uhr4 LeseminutenRund eine Woche ist seit dem zweifachen Erdbeben in Venezuela vergangen. Mit jeder Stunde sinkt die Wahrscheinlichkeit, Menschen aus den Ruinen zu bergen. Lokale Rettungsteams und Anwohner gruben anfangs teils mit Schaufeln, teils mit blossen Händen nach Überlebenden, immer in Angst vor Nachbeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In offiziellen Quellen ist von mehr als 1700 Toten die Rede. Doch die Zahl wird gemäss Schätzungen noch stark steigen. Experten halten viele tausend Opfer für möglich, wenn nicht sogar mehrere zehntausend. 69 000 Menschen werden laut offiziellen Angaben noch vermisst.Eine Analyse von Forschern der Oregon State University verdeutlicht nun, welcher Bereich des Landes am stärksten betroffen ist. Die Forscher werteten dafür Radarsatellitenbilder aus der Zeit vor und nach dem Beben aus. Besonders schwer ist die Zerstörung in den Küstenstädten, wo Hotels und Ferienwohnungen die Strandpromenade säumen.Fast 60 000 Gebäude könnten beschädigt oder zerstört sein. Auf der Karte sind Häuser, die wahrscheinlich zerstört oder beschädigt sind, violett markiert.Die Schätzungen der amerikanischen Forscher wirken hoch, zumal dann, wenn man sie mit offiziellen Angaben aus Venezuela vergleicht. Dort ist meist von einigen hundert eingestürzten oder beschädigten Gebäuden die Rede.Eine Analyse des Uno-Nothilfebüros ergibt hingegen eine Zahl in einer ähnlichen Grössenordnung wie die der US-Forscher. Allein für die Küstenregion kommt das Uno-Nothilfebüro mit einer KI-gestützten Schätzung auf mehr als 9000 beschädigte oder zerstörte Gebäude. Regionen im Landesinneren, darunter die Hauptstadt Caracas, flossen nicht in ihre Berechnungen ein. Auch in Caracas stürzten allerdings Hochhäuser in sich zusammen, wie in diesem Video zu sehen ist.X /NikitaS__LiveDie Verheerung ist in den Städten so gross, dass auch die Helfer zum Teil nicht mehr agieren können: Zwei von drei staatlichen Krankenhäusern in dem Gliedstaat La Guaira sind seit dem Beben ausser Betrieb.Die Beben am Dienstagabend (Ortszeit) zerstörten zudem nicht nur Gebäude, sondern auch eine der Landebahnen des wichtigen Simón-Bolívar-Flughafens. Er liegt genau im Katastrophengebiet, weniger als einen Kilometer vom Strand entfernt. Auf Satellitenbildern ist ein Riss in der Landebahn zu erkennen, der sich über rund 150 Meter Länge erstreckt. Wegen der Schäden ist der Flughafen derzeit für den regulären Betrieb geschlossen.Wo das Bugrad der Flugzeuge rollen würde, zieht sich ein Riss mitten durch die Oberfläche. Die Landebahn ist an dieser Stelle 60 Meter breit.VantorInternationale Helfer fliegen deshalb oft mit militärischen Transportmaschinen ein, denn die können auch auf kurzen und weniger befestigten Pisten landen. Nach Uno-Angaben sandten 27 Länder bis Samstag mehr als 2200 Helfer nach Venezuela, darunter mehr als 500 Hilfskräfte aus EU-Ländern und der Schweiz. Auch Länder wie der Vatikan, Katar, China, Israel oder Mexiko beteiligten sich, mindestens mit Geld, oft auch mit Rettungskräften. In ihrem Gepäck: Feldspitäler, Medikamente – und 140 Suchhunde.Die ersten Mitglieder des Schweizer Teams kamen schon etwa dreissig Stunden nach dem Erdbeben im Katastrophengebiet an. Wie viele andere Einsatzkräfte campieren auch die Schweizer in einem Sportstadion der Stadt Maiquetía. Auf den Trümmerwüsten der Küstenregion begannen sie in der Nacht auf Samstag ihre Arbeit. Je näher sie dem Wasser kommen, desto grossflächiger sind die Zerstörungen.Im Touristenort Macuto filmte ein Augenzeuge die Ruinen mehrerer Gebäude. Auf dem Satellitenbild sind die lamellenartigen Muster, die einst Stockwerke waren, gut erkennbar.Vom Hotel «Eduard’s» in Macuto steht nur noch der auffällige Eingangsbereich, wie ein Vergleich mit Aufnahmen von Google-Street-View belegt.Google Street ViewX / FaytuksNetworkAuch in Maiquetía, wo früher Strandtouristen ihre Ferien verbrachten, sind jetzt im Kameraschwenk Trümmerhaufen zu erkennen. Die Hotels, die nicht eingestürzt sind, zeigen schwere Schäden an ihrer Fassade.Dem blau-weissen Nachbarhotel fehlen nur Teile der Seitenfassade. Das Hotel «Residencia Nautilus» jedoch ist vollständig eingestürzt.Juan Pablo ArraezZweite Naturkatastrophe in dreissig JahrenDie Katastrophe trifft damit eine Region, die schon vor einer Generation schwer verwüstet wurde. Im Dezember 1999 führte Starkregen über Venezuela zu tödlichen Erdrutschen. Zehntausende Menschen starben, weil sie von den Erdmassen erdrückt oder ihre Häuser ins Meer gespült wurden. Zu den am stärksten betroffenen Orten gehörte damals wie heute die Küstenstadt Caraballeda. Die Lage der Stadt – zwischen den steil aufragenden Bergen und dem Meer – erwies sich als fatal.Eine Drohnenaufnahme aus Caraballeda zeigt eine Häuserzeile, die den schweren Erschütterungen nicht standhielt.HandoutDieses Mal wurde den Bewohnern von Caraballeda nicht die Nähe zu den Bergen zum Verhängnis, sondern die Beschaffenheit des Bodens. Der Untergrund am Küstenstreifen ist relativ sandig. Die Wellenbewegungen des Erdbebens versetzten den sandigen Boden in Schwingungen. Die Sandkörner verloren durch die Bewegung ihren Halt untereinander. Diese sogenannte Bodenverflüssigung machte den Untergrund weich – zu weich. Viele mehrstöckige Häuser an der Küste kippten binnen Sekunden um.Mit Blick von der Drohne aus lässt sich nur erahnen, wie diese zwei – und nicht sechs – Hochhäuser in Caraballeda vorher aussahen. Das Gebäude rechts am Bildrand hielt zwar stand, die Fassade ist jedoch schwer beschädigt.Miguel Medina / PoolSo sah das vordere der beiden Hochhäuser vor dem Einsturz aus. Selbst das Gebäude rechts ist kaum wiederzuerkennen.Google Street ViewPassend zum Artikel
Erdbeben in Venezuela: wo das Ausmass der Zerstörung am grössten ist
Nach dem stärksten Beben in Venezuela seit einem Jahrhundert dauern die Rettungsarbeiten an. Das Ausmass der Zerstörung wird immer klarer – und ruft Erinnerungen wach. Vor 27 Jahren wurde der Landstrich schon einmal verwüstet, allerdings nicht durch ein Erdbeben.













