PfadnavigationHomeWissenschaftFragen und AntwortenWarum erschütterte das Erdbeben Venezuela so heftig?Stand: 09:16 UhrLesedauer: 4 MinutenNach zwei schweren Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 steht Venezuela im Ausnahmezustand. Die US-Erdbebenwarte USGS befürchtet Zehntausende Opfer. Das Gesundheitssystem ist überfordert, internationale Hilfe dringend nötig. „Diese logistischen Sachen, die wir hier in Deutschland haben, das haben die dort einfach nicht“, berichtet Daniel Koop.In Venezuela bebte die Erde so stark wie seit 125 Jahren nicht mehr. Was löste das Beben aus? Warum sind die Schäden in Caracas so groß? Ist auch Deutschland gefährdet? Die wichtigsten Fragen und Antworten.In kurzen Abständen bebte in Venezuela gleich zweimal die Erde. Nach Angaben des U.S. Geological Survey war es das stärkste Beben seit mehr als 125 Jahren in der Region. Noch ist das ganze Ausmaß der Schäden und die tatsächliche Zahl der Opfer kaum absehbar. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez rief noch am Abend den Notstand aus. WELT beantwortet die wichtigsten Fragen zum Erdbeben.Warum war das Beben so stark?Der Norden Venezuelas liegt an einer tektonischen Nahtstelle: der Karibischen Platte im Norden und der Südamerikanischen Platte im Süden. Sie bewegen sich jedoch nicht aufeinander zu, wo dann in einer klassischen Subduktionszone die eine Platte unter der anderen abtaucht, sondern die beiden Platten rutschen aneinander vorbei. Dabei können sich die Platten verhaken. Es bauen sich Spannungen auf, die sich in Form von Erdbeben entladen.Je länger das letzte große Beben zurückliegt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich erneut Spannungen aufgebaut haben – die das nächste große Beben verursachen werden. Ähnlich ist die Situation an der sogenannten San-Andreas-Verwerfung im US-Bundesstaat Kalifornien. San Francisco und Los Angeles liegen an dieser tektonischen Bruchlinie und sind stark erdbebengefährdet.Wieso bebte die Erde binnen weniger Sekunden zweimal?Nur 40 Sekunden nach dem ersten Beben der Stärke 7,2 folgte das noch stärkere 7,5-Beben. Seismologen sprechen von einem sogenannten Doublet. Das erste Beben veränderte den Druck im Untergrund und erhöhte die Spannung auf eine nahegelegene zweite Bruchlinie so stark, dass diese sofort ebenfalls brach und das zweite Beben auslöste. Das zweite Beben war nur 0,3 Punkte stärker, setzte aber rund zehnmal so viel Energie frei wie das erste Beben. Denn die Erdbebenskala ist nicht linear, sondern logarithmisch aufgebaut. Lesen Sie auchDie Epizentren der Beben lagen in relativ geringer Tiefe – das erste 22 Kilometer und das zweite zehn Kilometer tief. Dadurch war die Zerstörungskraft an der Oberfläche so groß. Liegt ein Epizentrum sehr viel tiefer, können Erdkruste und Erdmantel einen Teil der zerstörerischen Energie abfangen.Lesen Sie auchBesonders betroffen ist der venezolanische Bundesstaat La Guaira, der sich als schmaler Küstenstreifen entlang der zentralen Karibikküste erstreckt. In der gleichnamigen Hauptstadt des Bundesstaates liegt der bedeutendste Seehafen Venezuelas. Er ist die wichtigste maritime Drehscheibe für den Import von Konsumgütern und wegen der Nähe zur Hauptstadt Caracas die zentrale Versorgungsader in der Region. Warum sind die Schäden in Caracas so groß? Das Epizentrum des Bebens lag zwar rund 200 Kilometer von Caracas entfernt. Dennoch sind die Zerstörungen in der Stadt erheblich. Das liegt unter anderem daran, dass viele Häuser in der schnell wachsenden Metropole nicht nach modernen Standards erdbebensicher erbaut wurden.Zudem liegt die Stadt in einem Talkessel, der mit mächtigen Sedimentschichten gefüllt ist. Diese noch relativ lockeren Sedimente leiten die Erdbebenwellen besonders gut und verstärken die Erschütterungen. Zudem sind die oberen zehn Meter der Sedimentschicht sehr wassergesättigt. Durch das Beben wird das Wasser herausgepresst, was für zusätzliche Instabilität sorgt und Gebäude zum Einsturz bringt. Ähnlich ist die geologische Situation in Mexiko-Stadt, die 1985 und 2017 von schweren Erdbeben erschüttert wurde.Wie geht es weiter?Das aktuelle Beben ruft in Erinnerung, dass Venezuela ein Erdbebenland ist. In den kommenden Tagen und Wochen werden weitere Nachbeben erwartet. „Typischerweise hat man relativ viele Nachbeben“, sagt Torsten Dahm, Leiter der Sektion Erdbeben- und Vulkanphysik am Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) in Potsdam.Aus der Ferne sei in den ersten acht Stunden ein Nachbeben der Stärke 4,6 gemessen worden. Die venezolanische Regierung hat die Bevölkerung in der betroffenen Region bereits aufgefordert, sich nicht in der Nähe von beschädigten Gebäuden aufzuhalten.Kündigt sich ein Erdbeben an?Es gibt Beben, die sich durch Vorbeben ankündigen, wie Klaus Reicherter erklärt. Er ist Professor für Neotektonik und Georisiken an der Technischen Universität Aachen. Das aber sei selten und Ort und Stärke eines Erdbebens könnten bislang nicht vorhergesagt werden. „Vor einem Erdbeben kann es beispielsweise Mikrobrüche geben, die zu messbaren, akustischen Signalen führen“, erklärt Reicherter. „Aber die Welt rauscht und rumpelt so stark, dass es noch nicht möglich ist, diese Signale vernünftig zu filtern und eindeutig zu interpretieren.“ Möglicherweise könnten mithilfe der KI eindeutige Indikatoren gefunden werden: „Das wäre der Durchbruch.“Drohen in Deutschland Erdbeben?Deutschland liegt auf der eurasischen Kontinentalplatte in sicherer Entfernung von erdbebengefährdeten Plattenrändern. Allerdings können tektonische Spannungen im Untergrund zu schwächeren Beben führen. Risikogebiete liegen nach Angaben des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in der Kölner Bucht, südlich von Tübingen in der Schwäbischen Alb, im südlichen Rheingraben sowie in der Umgebung von Gera.dia
Erdbeben in Venezuela: Warum das Beben derart verheerend war - WELT
In Venezuela bebte die Erde so stark wie seit 125 Jahren nicht mehr. Was löste das Beben aus? Warum sind die Schäden in Caracas so groß? Ist auch Deutschland gefährdet? Die wichtigsten Fragen und Antworten.












