Eine «Erdbebendoublette»: Die massive Erschütterung von Venezuela und ihre BesonderheitZwei starke Erbeben, am fast gleichen Ort, zur fast gleichen Zeit: Die Schäden in Venezuela sind immens. Noch werden Tausende vermisst.25.06.2026, 14.48 Uhr3 LeseminutenBei dem doppelten Erdbeben in Venezuela sind zahlreiche Häuser eingestürzt, hier in La Guaira.Pedro Mattey / APZwei starke Erdbeben im Abstand von 39 Sekunden und weniger als 10 Kilometer voneinander entfernt: Während das Ausmass der Schäden in Venezuela längst nicht klar ist, lassen sich über die Entstehung und die geologischen Besonderheiten des Ereignisses schon Aussagen treffen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Venezuela liegt an der Nordküste des südamerikanischen Kontinents. Parallel zu dieser Küste verläuft die Grenze zweier tektonischer Platten, der Karibischen und der Südamerikanischen Platte. Messungen zeigen, dass die Karibische Platte sich jedes Jahr etwa 20 Millimeter nach Osten verschiebt.Dadurch entstehen Verwerfungen, also Bruchflächen im Gestein der Erdkruste. In Venezuela verläuft eine solche Verwerfung in ostwestlicher Richtung an Land; eine weitere geht in südwestlicher Richtung von ihr ab. Genau an dieser Kreuzung haben sich die Erdbeben ereignet.Sie haben die Energie freigesetzt, die sich durch die ständige Spannung an den Plattengrenzen angesammelt hat. Entlang der bei Venezuela verlaufenden Plattengrenzen gibt es häufig Erdbeben. Meist sind es Flachbeben, ihr Herd liegt in einer Tiefe von weniger als 70 Kilometern. Auch bei den Beben am Mittwochabend lagen die Herde in 20 beziehungsweise 10 Kilometern Tiefe.Das zweite Erdbeben war kein NachbebenAussergewöhnlich ist, dass zwei so starke Beben in räumlicher und zeitlicher Nähe zueinander passieren. Das erste hatte sein Epizentrum nahe San Felipe, das zweite bei Yumare, nur 5 bis 10 Kilometer entfernt. Ein solches Ereignis bezeichnen Geologen als Erdbebendublette, ein Doppelbeben. Dass es nach einem starken Erdbeben weitere Beben gibt, ist normal. Allerdings sind diese Nachbeben meistens viel weniger stark als das Hauptbeben.In diesem Fall war das zweite Beben mit 7,5 aber stärker als das erste mit 7,2. Das klingt nicht nach viel, doch die heute verwendete Magnitudenskala – gründend auf, aber nicht identisch mit der Richter-Skala – ist logarithmisch aufgebaut, die Energie steigt von Zahl zu Zahl überproportional. Das zweite Beben setzte etwa dreimal so viel Energie frei wie das erste.Geologen etwa bei der staatlichen Geologieanstalt der Vereinigten Staaten, dem United States Geological Survey (USGS), gehen deshalb in ersten Einschätzungen davon aus, dass die beiden Beben seismologisch getrennte Ereignisse waren: Sie entstanden wahrscheinlich aus zwei verschiedenen Verwerfungen, die sehr nah beieinanderliegen.Trotzdem dürften sie kausal verbunden sein: Vermutlich hat das erste Beben das zweite ausgelöst. Die Verschiebung der Erdkruste im ersten Erdbeben könne die Spannung an einer anderen Verwerfung erhöhen und so ein zweites Beben bewirken, schreibt der Geologe Marc Quigley von der Universität Melbourne in Australien in einer ersten Einschätzung.Grosse Erdbeben verlaufen über 150 Kilometer LängeErdbeben können verschiedene Formen annehmen. In diesem Fall handelte es sich um eine sogenannte Blatt- oder Seitenverschiebung: Die Gesteine schieben sich parallel aneinander vorbei. Grosse Erdbeben wie die jetzigen haben keinen punktförmigen Ursprung, sondern verlaufen nach Angaben des USGS typischerweise über eine Länge von 150 Kilometern und eine Breite von 20 Kilometern.Die geologischen Bedingungen der Region könnten die Schäden besonders verheerend machen. Im hügeligen Terrain wird es vermutlich zu Erdrutschen gekommen sein. Ebenfalls fatal ist die sogenannte Bodenverflüssigung: Sie tritt in feuchtem, lockerem, meist sandigem Boden auf, bei dem Grundwasser nahe der Oberfläche steht. Das ist oft in Küstennähe der Fall – und auch in der vom Erdbeben betroffenen Region Venezuelas. Bodenverflüssigung lässt Gebäude seitlich wegrutschen und kann sie zum Einsturz bringen.Das Beben von 1900 war stärker, doch die Schäden geringerAuch wenn Erdbeben in der Region häufig sind: In den vergangenen 100 Jahren hat es laut dem USGS in einem Umkreis von 250 Kilometern nur sieben Beben mit einer Stärke von 6 oder mehr gegeben. Bei einer Erdbebendublette im September 2025 betrug die Stärke 6,2 und 6,3, ein Mensch kam ums Leben.Das letzte Mal, als die Erde in der Region ähnlich stark gebebt hat wie am Mittwochabend, war im Jahr 1900. Mit einer Magnitude von 7,7 war das Beben vor der Küste bei Caracas das stärkste jemals gemessene Erdbeben in Venezuela. Trotzdem waren die Auswirkungen vergleichsweise mild. Etwa 140 Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Nach dem jetzigen Beben befürchten die Behörden 10 000 Tote.Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es zu Nachbeben kommen; Daten dazu sind bis jetzt jedoch noch nicht erhältlich. Das USGS schätzt das Risiko, dass es in den nächsten Tagen zu einem mindestens gleich starken weiteren Erdbeben kommt, derzeit auf 2 Prozent.Doch grössere Nachbeben bleiben möglich – auch mit einer Verspätung von Monaten oder sogar Jahren.Passend zum Artikel
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