Mitte Juni will der Panzerbauer KNDS im Norden von Paris einen Gegenbeweis antreten. Auf der Rüstungsmesse Eurosatory hat der Konzern einen großen Teil des Außenbereichs in Beschlag genommen. Ein überdimensioniertes Logo flankiert den Eingang zu einem Holzsteg, blaue Flaggen wehen über einem Fuhrpark. Dutzende schwer gepanzerte Fahrzeuge parken auf sauber aufgeschüttetem Kies. Inmitten von 185 000 Quadratmetern voller Waffen, Ausrüstung und Ausstellern aus aller Welt steht er dann: der Panzer Capint. Eine Verbindung aus deutschem Fahrgestell, Basis auch für den Leopard 2, und einem französischen Kanonenturm.Die beiden Nachbarn können keine Rüstungskooperation? Können wir sehr wohl, so lautet die Botschaft in Paris. Für KNDS ist der Capint mehr als ein neues Fahrzeug. Er ist ein Symbol. Erstmals verschmelzen die 2015 zusammengeführten Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann aus München und Nexter Systems aus Versailles ihre Produktpaletten unter einem gemeinsamen Dach. „Wir bringen hier deutsche und französische Fähigkeiten zusammen in einer Lösung – entworfen, entwickelt und unterstützt von einem Unternehmen“, schwärmt KNDS-Chef Jean-Paul Alary in Paris.Auch wer sich in Berlin umhört, vernimmt dieser Tage viel Hoffnung in Bezug auf KNDS. Der anstehende Börsengang des Panzerbauers liefere das dringend nötige Signal des Aufbruchs, nachdem das Kampfjetprojekt FCAS nach Jahren der Verzögerungen und des Streits Anfang Juni zwischen Emmanuel Macron und Friedrich Merz scheiterte.Symbole statt Synergien: Der Capint-EffektDiesmal hat die Bundesregierung nach langem internem Ringen nicht den Abbruch, sondern einen Weg nach vorne gewählt: einen Staatseinstieg. Um Parität zu garantieren, soll Deutschland mit 40 Prozent einsteigen, während Frankreich seinen Anteil von derzeit 50 Prozent auf 40 Prozent reduziert. Dazu soll es sogenannte Ein-Euro-Beteiligungen Deutschlands an drei Tochtergesellschaften von KNDS Deutschland geben. Erwartet wird ein Börsenwert von rund 13 bis 15 Milliarden Euro, Deutschland würde sich seinen Einstieg entsprechend rund 7 Milliarden kosten lassen.Rheinmetall-Aktie stürzt ab Warum sich nur TKMS über das Fregatten-Drama freuen kann von Sonja Álvarez und Max BiederbeckAlary bezeichnet den Börsengang als „natürliche Weiterentwicklung einer 60-jährigen Partnerschaft mit der deutschen Regierung“. KNDS habe strategische Bedeutung als zentraler Lieferant für beide Länder. Paris und Berlin würden künftig auf Augenhöhe über die Entwicklung eines Unternehmens entscheiden, verspricht auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Ein führender europäischer und globaler Player soll entstehen, der sowohl Bundeswehr als auch die Armée française beliefert. Und zwar, ohne dass sich eine Seite in ihren Interessen gegen die andere durchsetzen kann.So der Anspruch.Die Geschichte des deutschen Staatseinstiegs zeigt allerdings, wie groß das Potenzial für industriepolitische Konflikte bleibt. Dahinter steckte, anders als von der Bundesregierung behauptet, weniger ein Masterplan als vielmehr ein Notfalleingriff. Denn der Börsengang war unausweichlich. Die Regierung musste verhindern, dass der Élysée-Palast die Kontrolle über KNDS übernimmt. Ihr Aktienkauf: mehr industriepolitische Zwangsverheiratung also als ein Liebesbeweis. Und die Fronten bleiben verhärtet.Börsengang KNDS auf dem Weg zum Panzer-Airbus Damit Staatsbeteiligung und der am Mittwoch angekündigte Börsengang von KNDS zum Erfolg werden, braucht der Konzern Veränderungen. Ein mögliches Vorbild: der Luftfahrtriese Airbus. von Rüdiger Kreß„Der Einstieg war nötig und richtig, um die Versorgungssicherheit für die Bundeswehr und Zugriffsmöglichkeiten Deutschlands auf das nötige Material zu garantieren“, erklärt Rüstungsexperte Christian Mölling von der Denkfabrik EDINA. Die Probleme, die das junge deutsch-französische Vorzeigeunternehmen im Inneren von Beginn an plagen, seien damit aber nicht beseitigt. Im Gegenteil. Die Gefahr bleibt bestehen, dass der neue Patchworkriese seinen Ansprüchen nicht gerecht werden kann.Ungleiche Partner: Warum der deutsche Teil dreimal so wertvoll istDie Route de la Minière im Süden von Versailles wirkt wie ein verwildertes Naherholungsgebiet. Wäre da nicht der Kampfpanzer, der an der Kreuzung zur Allée des Marronniers hinter einem Metallzaun auf seine Besucher zielt. Hier im Südwesten von Paris liegt ein Zentrum der französischen Waffenindustrie, die Frankreichzentrale von KNDS. Doch wer das Testgelände abfährt, erlebt vor allem Ruhe und Stillstand, statt Aufbruch und Aufbau. Aufträge sind in Frankreich schon lange Mangelware, während der deutsche Partner in München seinen Bestellungen kaum hinterherkommt.Dieses Ungleichgewicht prägt KNDS als Unternehmen. Zwar schloss der Konzern das Jahr 2025 mit einem Rekordauftragsbestand von mehr als 33,1 Milliarden Euro ab. Doch rund zwei Drittel des Gewinns erwirtschaftet der deutsche Part – getrieben von der hohen Nachfrage nach dem Leopard 2. Der Anteil hierzulande ist damit dreimal so viel wert wie der französische. Das ist das eine.KNDS-Chef Jean-Paul Alary schwärmt vom neuen gemeinsamen Aufbruch Deutschland und Frankreichs. Foto: IMAGO/ABACAPRESSDas andere ist die unterschiedliche DNA der beiden Konzernhälften. Der deutsche Zweig besitzt weiterhin die Mentalität eines mittelständischen Maschinenbauers und sucht bei Panzerneuentwicklungen traditionell den Schulterschluss mit dem heimischen Konkurrenten Rheinmetall. KNDS France dagegen funktioniert als klassischer Staatsbetrieb – und dient der Wahrung nationaler Souveränitätsinteressen. Dazu arbeiten die beiden Gesellschaften anders. KNDS Deutschland kauft viele Komponenten flexibel bei anderen Herstellern zu und kombiniert sie, sodass die Panzer mehr können, als die Summe der einzelnen Teile nahelegt. Nexter hingegen setzt als staatlich geprägter Konzern auf Eigenproduktionen: teurer, aufwendiger und risikoreicher. In der Praxis agieren die beiden Hauptquartiere nach wie vor weitgehend unabhängig voneinander, echte Synergien sind kaum sichtbar. Was auch an der Kundschaft liegt.Statt gemeinsam dasselbe zu kaufen, leisten sich Bundeswehr und Armée weiterhin konkurrierende Systeme – den Leopard 2 auf deutscher, den Leclerc auf französischer Seite. Gleiches gilt für die Artillerie mit der Panzerhaubitze 2000 und dem Caesar-System. Die Entwicklungslinien der meisten Kernprodukte reichen Jahrzehnte zurück. Standorte und Arbeitsplätze hängen von der Produktion ab. Wer kann, kauft daheim. Gerade nach dem FCAS-Fiasko ist kaum absehbar, dass etwa eine französische Regierung bald auf einen deutschen Panzer umschwenkt, selbst wenn andere Nato-Partner diesen längst favorisieren.Auch der so selbstbewusst präsentierte Capint-Panzer kann in Wahrheit kaum über diese Teilung hinwegtäuschen. In ihm sehen Industriebeobachter vor allem eine vorgeschobene und abgespeckte Brückenlösung für das steckengebliebene deutsch-französische Landkampfprojekt MGCS. Mehr Ausrede als Zukunftsperspektive.Ursprünglich sollte MGCS, der deutsch-französische Kampfpanzer der Zukunft, 2035 verfügbar sein. Inzwischen wird planmäßig mit den 2040er-Jahren gerechnet. Vielleicht sogar erst 2050. „Wir können nicht so lange warten“, erklärte jüngst Frankreichs Verteidigungsministerin Catherine Vautrin. Ihr Land modernisiert derzeit rund 200 Leclerc-Panzer, um die Flotte bis Ende des Jahrzehnts einsatzfähig zu halten. Für die Zeit danach könnte KNDS immerhin den Auftrag für 200 Übergangspanzer Capint erhalten.BörsenTag Das sollten Anleger vor dem Börsengang von KNDS wissen Der Hersteller des Leopard-2-Panzers soll schon bald an die Börse. Lohnt sich der Einstieg für Anleger? von Moritz KudermannDeutschland verfolgt parallel eigene Brückenlösungen. Ende 2025 erlaubte das Bundeskartellamt KNDS Deutschland und Rheinmetall die gemeinsame Entwicklung eines neuen Kampfpanzers. Das Projekt mit dem inoffiziellen Namen Leopard 3 soll die Lücken bis 2045 überbrücken. Der Capint? Uninteressant.Achtung, Abschottung!Damit bleibt das Grundproblem bestehen: Jeder geht seinen eigenen Weg. Gemeinsame deutsch-französische Systeme sind auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Ein Konzerninsider formuliert es so: Es gebe ja auch „funktionierende Patchworkfamilien ohne gemeinsame Kinder“.Sarkasmus allerdings wird langfristig kaum reichen, „um ein europäisches Gegengewicht zu den USA zu bilden und mehr Souveränität zu erreichen“, attestiert Christina Riess, Direktorin Rüstung bei der Managementberatung Atreus. „Wenn für jedes Land eine eigene Konfiguration gefertigt wird, ist eine industrielle Beschleunigung praktisch ausgeschlossen.“Der Konflikt ist und bleibt strukturell: Paris arbeitet zentralisiert. Mit einem einzigen Machtzentrum für Rüstungsprojekte. Berlin setzt dagegen auf den Markt und kann kaum eine Gegenposition auf Augenhöhe aufbauen. Daran ändern auch die jetzt für den Börsengang ausgehandelten Veto-Rechte der Deutschen kaum etwas. Insider in Berlin bestätigen, dass man vor allem das Deutschlandgeschäft absichern wolle, um Schlüsseltechnologien und Standorte zu schützen – das „German ­Eyes Only“-Prinzip. Doch das ­allein könnte zu wenig sein, um die Interessen zu wahren, glaubt IG-Metall-­Vorstand Jürgen Kerner. Der in der ­Rüstungsbranche bestens vernetzte Gewerkschafter empfiehlt besondere Sorgfalt bei der Wahl der deutschen Vertreter. Hier habe die Regierung etwa beim Rüstungselektroniker Hensoldt mit Vorständen aus der Industrie gute ­Erfahrungen gemacht. Zudem müsse Deutschland mit Nachdruck auf die Entwicklung von Führungskräften schauen.Bundeswehr Was braucht die Truppe? Ein Streitgespräch Ökonom Moritz Schularick kritisiert fehlende Investitionen in Drohnen und moderne Technik für die Bundeswehr. Ex-Heeres-Inspekteur Alfons Mais sieht Defizite bei der Umsetzung. von Max Biederbeck und Tobias GürtlerAndere dagegen erwarten einen regelrechten Abwehrkampf gegen Frankreich. KNDS-Verwaltungsratschef Tom Enders, der zuvor jahrelang an der Spitze des Flugzeugbauers Airbus stand, sieht schon jetzt Parallelen zu den dortigen Schwierigkeiten mit nationalen Einmischungen. Er warnt, dass „nationale Sonderwege“ und die gegenseitige Abschottung die europäische Verteidigung eher schwächen würden.In der Sache bleibt das größte Fragezeichen hinter dem neuen deutsch-französischen De-facto-Staatskonzern ein industrielles. „Aus gewisser Sicht käme es einigen etablierten Herstellern entgegen, wenn die Beziehung zwischen den deutschen und französischen Konzernteilen von KNDS nicht zu eng würde“, sagt Rüstungsberater Damien Polis von Oliver Wyman. So könnte etwa Rheinmetall ein Interesse daran haben, die KNDS-Integration zu schwächen, um eigene Ambitionen voranzutreiben – etwa den Leopard 3 mit dem deutschen KNDS-Teil.Das Schicksalsjahr 2027: Warum Frankreichs Wahlen KNDS gefährdenAuf Druck der Politik – und um deutsche Technologieinteressen zu wahren – wurde der Düsseldorfer Konkurrent etwa einst auch in das Projekt MGCS hinein­gedrückt. Dadurch musste erst eine komplexe Arbeitsgemeinschaft zwischen Rheinmetall und den deutschen und französischen Konzernteilen von KNDS gegründet werden. Die Folge: Eine „fremdbestimmte“ Rüstungskooperation, die das Projekt massiv verlangsamt und verkompliziert habe, berichten Rüstungskreise.Am Ende könnte die ganze Zukunft der deutsch-französischen Rüstung an einem Schicksalstermin im April 2027 hängen: den Wahlen in Frankreich. Sollte im Frühjahr der Rassemblement National an die Macht kommen, „können wir diese ganzen europäischen Programme mit französischer Beteiligung ziemlich schnell vergessen“, sagt Rüstungsexperte Polis.