Der Weg zur Schaffung eines paneuropäischen Panzerchampions schien geebnet: Die in Amsterdam ansässige KNDS-Holding, 2015 entstanden aus der Fusion des Münchner Familienunternehmens Krauss-Maffei Wegmann und des französischen Staatskonzerns Nexter, sollte im Sommer dieses Jahres an die Börse. Mit einer neuen Strategie, Führung und Eigentümerstruktur sollte staatlicher Einfluss gewahrt bleiben, KNDS zugleich aber wie seinerzeit Airbus privatwirtschaftliche Autonomie erhalten. Die bislang weitgehend getrennt voneinander arbeitenden Geschäftseinheiten in Deutschland und Frankreich sollten zu einem schlagkräftigen Konzern verschmolzen werden.Doch schon seit Wochen stockt das Vorhaben, bei dem Hersteller von Leopard-Kampfpanzern, Boxer-Transportpanzern und anderem Wehrgerät ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Börsengang im Sommer ist plötzlich nicht mehr so klar, wie er schien. Die Verhandlungen über die neue Eigentümerstruktur treten auf der Stelle. Der Grund: Unklarheit aufseiten der Bundesregierung, in welcher Form sie bei KNDS deutsche Interessen geltend machen will. Einerseits ist sie entschlossen, nicht nur die Modernisierung und den Börsengang des Konzerns zu unterstützen, sondern auch Anteile an dessen Kapital zu erwerben. Andererseits sind die Ministerien über die Modalitäten uneins.Nach Medienberichten, wonach die Bundesregierung auf einen späteren Zeitpunkt für den Börsengang gedrängt haben soll, ist KNDS-Vorstandsvorsitzender Jean-Paul Alary nun in die mediale Offensive gegangen. Diplomatisch formuliert, lässt sich seine am Freitag verschickte Stellungnahme als Kampfansage an Berlin interpretieren. Demnach teile man „angesichts von Spekulationen in den Medien über eine mögliche Verzögerung des Börsengangs“ mit, dass Vorbereitungen für diesen gemäß dem ursprünglichen Zeitplan fortgesetzt werden. Man prüfe weiterhin, wann der frühestmögliche geeignete Zeitpunkt dafür ist. Dabei werde man von den Anteilseignern und dem Verwaltungsrat voll und ganz unterstützt.Auch dem politischen Umfeld geschuldet„KNDS würde eine mögliche Beteiligung der Bundesregierung am Aktionärskreis natürlich begrüßen“, stellt Alary klar. Der Fokus liege jedoch „weiterhin darauf, den Börsengang sorgfältig und im besten Interesse des Unternehmens, seiner bestehenden Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden vorzubereiten“. Mit anderen Worten: Wenn Berlin nicht in die Gänge kommt, ist die Konzernführung bereit, den wohl größten Rüstungsbörsengang aller Zeiten (zunächst) ohne deutsche Beteiligung im Sommer durchzuführen. Dass sie dabei aufs Tempo drückt, ist auch dem politischen Umfeld in Frankreich geschuldet: Im Frühjahr 2027 finden Präsidentschaftswahlen statt, sodass im Herbst der Wahlkampf Fahrt aufnehmen dürfte. Für die Handlungsfähigkeit der Regierung in Paris gilt das als nicht förderlich.Bislang halten der französische Staat und die deutsche Wegmann-Familienholding jeweils 50 Prozent der Kapitalanteile an KNDS. Die Familie steht seit dem Tod ihres inoffiziellen Oberhaupts Manfred Bode im Jahr 2018 jedoch nicht mehr so geeint hinter dem Panzergeschäft. Zudem gilt die dank des Rüstungsbooms auf rund 20 Milliarden Euro geschätzte Bewertung von KNDS als lukrativer Zeitpunkt zum Ausstieg. Faktisch steht der Beschluss der Wegmann-Holding, sich vollständig von den Anteilen zu trennen. Der französische Staat wiederum will einen substanziellen Anteil behalten, dem Vernehmen nach bis zu 40 Prozent.Friedrich Merz (CDU) hatte Ende März auf einer Veranstaltung der F.A.Z. gesagt, dass die Bundesregierung einen „hohen Anteil in einem wehrtechnischen Betrieb“ erwerben wolle. Ein entsprechender Auftrag sei erteilt worden. Auch wenn er den Namen nicht erwähnte, war klar, dass es um KNDS ging. Doch wie so oft stecken die Tücken im Detail. Kanzleramt und Wirtschaftsministerium ist wichtig, dass der Bund nicht mehr Geld ausgibt als unbedingt nötig. Ein Anteil von 30 Prozent würde nach dem niederländischen Aktienrecht ausreichend Mitspracherechte sichern. Das SPD-geführte Verteidigungsministerium sähe den Anteil dem Vernehmen nach gerne höher. Die Gewerkschaft IG Metall macht Druck, sie will Standortgarantien für die Beschäftigten in Deutschland.Mehr Effizienz durch KonsolidierungKürzlich hat Berlin den Eigentümern eine Spanne von 30 bis 40 Prozent für den Einstieg genannt. Nun laufen die Verhandlungen über die Details – allen voran den Preis, aber auch über Einfluss im Verwaltungsrat, Bedingungen für Auftragsvergaben und Ähnliches. Die Staatsbank KfW, über die das Geschäft abgewickelt wird, hat eine Investmentbank eingeschaltet. Der Einstieg wäre eine sogenannte finanzielle Transaktion, die nicht auf die Schuldenbremse angerechnet wird. Eine Belastung für den Haushalt ist er trotzdem, treibt er doch den ohnehin schon hohen Zinsdienst weiter in die Höhe.„Das Unternehmen KNDS hat für die Sicherheitsinteressen Deutschlands große Bedeutung“, sagte eine Sprecherin von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). „Mit Blick auf den geplanten Börsengang prüft die Bundesregierung daher einen möglichen Bundeseinstieg zum Schutz der verteidigungsindustriellen Schlüsseltechnologien. Derzeit laufen hierzu Gespräche mit den Inhabern des Unternehmens.“ Auf Details ging sie nicht ein. Aus französischer Sicht liegt der Ball in Berlin. Eine Sprecherin des Finanz- und Wirtschaftsministeriums in Paris lehnte einen Kommentar am Freitag ab.Im Grundsatz eint Berlin und Paris das Ziel, Rüstungsausgaben durch die Konsolidierung der europäischen Industrie effizienter zu machen. Die Neuaufstellung von KNDS gilt vor diesem Hintergrund als Prüfstein, inwieweit die Konsolidierung tatsächlich gelingt – aber auch, inwieweit Berlin auf einen strategisch wichtigen Rüstungskonzern Einfluss nehmen will. Durch das konzerninterne Ungleichgewicht gewinnt diese Frage weiter an Brisanz: Die deutsche Geschäftseinheit erwirtschaftet wegen der enormen Nachfrage nach Leopard-2-Panzern aktuell rund 70 Prozent des Umsatzes von KNDS. Ohne deutschen Staatseinstieg bekämen die Franzosen im Panzerbau noch mehr Zugriff auf deutsche Technik, befürchten Kritiker.
Berlin lässt Panzerhersteller zappeln
Der Rüstungskonzern KNDS soll an die Börse – und der deutsche Staat Anteilseigner werden. Doch das Vorhaben stockt. Jetzt geht der Vorstandsvorsitzende in die Offensive.













