Frau Hüller, Sie spielen eine Art Interpretation von Ingeborg Bachmann. Frau Schilling, Sie haben Regie geführt. Zu Beginn des Films beschreiben Sie das Projekt als eine Art Geisterbeschwörung oder Séance. Gab es eine Reaktion aus dem Jenseits?Sandra Hüller: Ob das funktioniert, können die Zuschauerinnen und Zuschauer jetzt selbst entscheiden. Allerdings würde ich nie mit Ihnen darüber sprechen. Das ist mir viel zu intim. Aber Regina sieht das anders, glaube ich.Regina Schilling: Ich hatte abends nach Drehschluss immer das Gefühl, Ingeborg ist irgendwie dabei und sagt: Ja, das war doch alles gut.Es war Teil dieser Séance, in Rom eine Wohnung zu finden, die der von Ingeborg Bachmann ähnlich war. Sie haben die Einrichtung rekonstruiert und damit ihre Welt lebendig werden lassen. Was hat sich bei den Dreharbeiten in diesem Raum materialisiert?Sandra Hüller: Wir haben diese zehn Tage in Rom verbracht, ohne vorher genau zu wissen, wie wir vorgehen werden, in dem Glauben, wir werden dann die richtigen Ideen haben und die richtigen Orte finden. Das war ein Abenteuer, auf das wir uns eingelassen haben, das großes Vertrauen erfordert und das mich und Regina sehr stark verbunden hat. Und ich hatte auch das Gefühl, wir machen das nicht für uns, sondern für Ingeborg Bachmann.Was genau wollten Sie für Ingeborg Bachmann machen?Sandra Hüller: Wir wollten ihr Möglichkeiten geben, die sie unter Umständen nicht hatte. Wir haben uns vorgestellt, dass es ihr in den letzten Tagen ihres Lebens sehr gut ging und sie eine Freiheit genossen hat, die sie vorher nicht empfunden hat.Regina Schilling: Wir wollten das Geröll und Ablagerungen, die sich um diese Figur herum angesammelt haben, ein bisschen beiseiteräumen. Denn alles, was wir aus ihrem Leben wissen, ihr tragischer Tod oder die unglücklichen Beziehungen, haben auch immer ihr Werk überschattet. Wir haben es für Bachmann als Schriftstellerin getan, die Künstlerin. Deshalb war es uns wichtig, die Texte leuchten zu lassen. Wir wollten zeigen, sie war eine hart arbeitende Frau, die gegen ihre psychischen Dispositionen gekämpft hat. Und auch das war für uns in dieser Wohnung spürbar. Dazu hat auch der Soundtrack von Soap&Skin viel beigetragen.Frau Hüller, gab es für Sie eine Art Schlüssel zu Ingeborg Bachmanns Gefühlswelt?Sandra Hüller: Den gab es für mich nicht. Ich würde das eher als annähernde Bewegung beschreiben, die kein Ende hatte. Das geht immer weiter. Wenn ich jetzt den fertigen Film sehe, entdecke ich in ihren Texten immer noch neue Aspekte. Durch die Arbeit an diesem Film ist ihr ganzes Werk noch interessanter für mich.Sie waren schon vor diesem Projekt beide Bachmann-Fans. Womit fing das an?Sandra Hüller: Es gibt keinen genauen Zeitpunkt. Für mich war sie irgendwie immer da und auch immer so eine Art Fixpunkt, an dem ich mich orientiert habe.Regina Schilling: Ich habe mit siebzehn Jahren „Malina“ entdeckt. Bis dahin war mein Literaturkanon, von Camus über Tolstoi bis Balzac, klassisch männlich. Mit Bachmanns „Malina“ war da plötzlich eine Frauenfigur, die komplex und widersprüchlich, so seltsam und rätselhaft war. Gleichzeitig sprach sie alles in mir an. Und da ist mir das erste Mal bewusst geworden, es ist vielleicht doch ein Unterschied, ob Männer oder Frauen schreiben. Und mir wurde auch bewusst, dass ich mich bis dahin immer mit männlichen Hauptfiguren identifiziert hatte, denn das waren in der Regel die komplexeren Figuren.Die Themen in Ingeborg Bachmanns Werk bleiben aktuell. Frau Hüller, wo finden Sie sich darin wieder?Sandra Hüller: Ich bin zwar keine Schriftstellerin. Aber dieses Ringen ums Werk und in meiner Arbeit den klarstmöglichen Ausdruck dessen zu finden, was ich sagen möchte, damit kann ich mich identifizieren. Diese forschende Annäherung an Themen, die immer weiter wirkt, die kenne ich auch.Ingeborg Bachmann hielt sich lieber unter Männern auf, wurde von ihren Kollegen als Schriftstellerin auch anerkannt, erfuhr aber trotzdem den für diese Zeit typischen männlichen Chauvinismus. Existiert der heute in Ihrer Arbeitswelt noch?Regina Schilling: Ich merke mit meinem Älterwerden – und das ist eigentlich auch ein bisschen traurig –, seit ich die 60 überschritten habe, werde ich so viel respektvoller von Männern behandelt als vorher. Das sagt ja schon sehr viel aus. Ich komme ja aus dem Literatur- und Filmgeschäft, und da wurde ich als junge Frau nicht immer auf Augenhöhe behandelt. Dass sich das jetzt geändert hat, ist einerseits schön, aber eigentlich ist es auch bitter.Sandra Hüller: Ich glaube, ich bin immer respektvoll behandelt worden. Wenn es anders war, bin ich gegangen oder habe das angesprochen. Allerdings fällt es mir schwer, das als Narrativ festzulegen, da nicht jeder dieselben Erfahrungen macht. In meinem Bekanntenkreis gibt es Fälle, in denen es anders lief. Es erfordert auf jeden Fall eine gewisse Grundanstrengung und Grundaufmerksamkeit, der Respektlosigkeit von vornherein zu begegnen und sie auszuschließen.Frau Schilling, was macht die besondere Sandra-Hüller-Magie und ihre Starqualitäten aus?Regina Schilling: Also erst einmal hat mir Sandra noch nie das Gefühl vermittelt, sie sei ein Star. Wir kennen uns aber auch schon seit 15 Jahren. Und da war sie noch nicht dieser – in Anführungszeichen – internationale Star. Dazu wird man auch von außen gemacht, und ich kann mir vorstellen, dass das auch unangenehm sein kann, denn man erklärt sich ja nicht selbst zum Star. Sandra hat diese Transparenz, und sie kann Literatur fliegen lassen. Sie denkt und fühlt gleichzeitig. Und für mich ist sie auch eine Art Medium. Das passte natürlich auch zu dieser Geisterbeschwörung oder der Séance.Frau Hüller, das war ja eine sehr intime Arbeit mit viel Raum für Experiment und Improvisation. Das unterscheidet sich völlig von großen Produktionen wie „Der Astronaut – Project Hail Mary“. Wie finden Sie trotzdem immer Ihren Spielrhythmus?Sandra Hüller: Darüber denke ich auch öfter nach und kann Ihnen das nicht so genau sagen. Zurzeit habe ich Besuch von einem zweijährigen Kind und kann beobachten, wie es sich vollständig ins Spiel versenkt. Dann existiert nur noch dieses Auto, womit es gerade spielt. Das Schauspielen ist eigentlich nichts anderes, als was wir schon immer gemacht haben. Es geht in diesem Moment nur darum. Und das ist dann auch egal, in welchem Umfeld es passiert.Sie können sich im übertragenen Sinne immer auf Ihr Auto fokussieren?Sandra Hüller: Wie machen Sie das, wenn Sie schreiben? Sie müssen sich ja auch konzentrieren. Ich glaube, es ist einfach eine Frage der Konzentration. Da ist kein Hokuspokus dabei. Für mich ist es die Lust am Fokus. Ich empfinde das als bereichernd und erfüllend.Sie haben praktisch direkt im Anschluss an die Filmfestspiele in Cannes in Hannover in einer Kirche Theater gespielt. Brauchen Sie diese Kontraste, um sich wieder zu justieren?Sandra Hüller: Es ist ja nicht so, dass ich am Flughafen bin und bekomme einen Anruf aus Hannover. So funktioniert das nicht. Diese Verabredung in Hannover stand seit geraumer Zeit. Da wusste ich noch nicht, dass wir in Cannes sein werden. Das Projekt haben Tom Schneider und Daniel Nerlich, zwei Freunde von mir, gemacht. Ich fand es großartig und wollte unbedingt dabei sein. Zudem hatte ich es versprochen, und dann halte ich das auch.Sie sind jetzt auch Markenbotschafterin für das Modehaus Chanel. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?Sandra Hüller: Wenn Sie das hier wissen wollen. Erst einmal ist es auch deswegen ganz toll, weil ich mir über ganz viele Dinge keine Gedanken mehr machen muss. In diesem Jahr stehen für mich viele Premieren und öffentliche Auftritte an. So haben wir beide etwas davon. Ich mag die Arbeit von Matthieu Blazy und habe schon Sachen von ihm getragen, als er noch nicht Kreativdirektor bei Chanel war, für andere Marken gearbeitet hat, und habe seine Karriere ein bisschen verfolgt. Deswegen freue ich mich darüber, auch weil Chanel sich so viel mit Kino und Kunst beschäftigt. Madame Chanel war ja früher auch in den Künstlerkreisen von Paris unterwegs. Es gibt im Hause eine lange Geschichte, die mit diesen Themen zu tun hat. Auch deswegen finde ich es schön.Was ist Ihr Lese-Tipp, um in Ingeborg Bachmanns Literatur-Universum einzusteigen?Sandra Hüller: Wir sind da unterschiedlich, oder?Regina Schilling: Ja, ich liebe besonders ihre Prosa und empfehle „Simultan“, den letzten Erzählungsband.Sandra Hüller: Für mich sind es sämtliche Gedichte von vorne bis hinten.
Sandra Hüller spricht über ihre Rolle im Ingeborg-Bachmann-Film
Sandra Hüller spielt die Hauptrolle im Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“. Im Interview sprechen sie und Regisseurin Regina Schilling über ihre Verbindung mit der Schriftstellerin.









