KommentarBöses Blut um historische Symbole: Polen und die Ukraine kämpfen an der falschen FrontDer Streit um die leidvollen Ereignisse im Zweiten Weltkrieg läuft immer mehr aus dem Ruder. Präsident Selenski hat deswegen sogar seinen Besuch in Polen abgesagt. Nun sollten kühlere Köpfe obsiegen, denn die beiden Nachbarn sind existenziell aufeinander angewiesen.25.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski und sein polnischer Amtskollege Karol Nawrocki (im Hintergrund) tragen eine bittere Fehde aus.Kacper Pempel / ReutersDie Ukraine steckt in einem Überlebenskampf gegen Russland, und Polen befürchtet, eines der nächsten Opfer des Moskauer Imperialismus zu werden. Vor diesem Hintergrund ist es paradox, dass die tödliche Gefahr der Gegenwart die beiden Nachbarländer nicht eint, sondern ein Streit um die Vergangenheit sie immer stärker entzweit. Im Zentrum steht der Umgang mit einem düsteren Kapitel des Zweiten Weltkrieges, den Massakern an Zehntausenden von ethnischen Polen in der heutigen Westukraine in den Jahren 1943 bis 1945.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Verübt wurden sie von der nationalistischen ukrainischen Untergrundarmee UPA, die deswegen in Polen als Terrorgruppe betrachtet wird. In der Ukraine hingegen geniesst die UPA Verehrung dafür, dass sie für eine unabhängige Ukraine kämpfte und dabei einen Guerillakrieg sowohl gegen die nationalsozialistischen Besetzer als auch später gegen die Sowjetherrschaft führte.Krise zwischen zwei ehemals engen VerbündetenDiese beiden Sichtweisen sind unvereinbar und voller Zündstoff. Mit etwas gutem Willen und Weitblick wäre es möglich gewesen, das heikle Thema aus der politischen Arena herauszuhalten. Geschehen ist jedoch das Gegenteil. Eine Mischung aus politischer Gedankenlosigkeit und zynischem Kalkül hat dazu geführt, dass das noch vor kurzem enge Bündnis zwischen Polen und der Ukraine zu zerbrechen droht.Dies geht so weit, dass Präsident Wolodimir Selenski seine Teilnahme an der heute beginnenden internationalen Ukraine-Konferenz in Polen abgesagt hat. Lieber verzichtet er darauf, persönlich für Wiederaufbaugelder zu werben, als dass er seinen Fuss auf polnischen Boden setzt und dort mit dem Geschichtsstreit konfrontiert wird.Begonnen hatte die Eskalation am 26. Mai, als Selenski einer militärischen Sondereinheit in Anerkennung ihrer Leistungen den Zusatznamen «Helden der UPA» verlieh. Heute stellt er sich auf den Standpunkt, es habe sich um einen Wunsch dieser Einheit gehandelt, den er nicht habe abschlagen können. Aber zweifellos wusste Selenski, dass dieser Akt in Polen Unmut auslösen würde. Es war ihm offenbar egal, wohl auch deshalb, weil der Unabhängigkeitskampf der UPA seit Jahren im ganzen Land auf vielfältige Weise geehrt wird.Doch für den nationalkonservativen polnischen Präsidenten Karol Nawrocki war dies eine Steilvorlage. Noch vor drei Jahren hatte Nawrocki als damaliger Leiter des Instituts für nationales Gedenken erklärt, dass die Ukraine ihre Helden selber auswählen dürfe – selbst wenn es sich um Stepan Bandera handle, den geistigen Vater der UPA. Nun jedoch witterte Nawrocki die Chance, die in seiner politischen Basis verbreiteten Ressentiments gegen die «undankbaren Ukrainer» anzuheizen. Zugleich verschafft ihm die Kontroverse Munition im Kampf gegen seinen Rivalen, den liberalen Ministerpräsidenten Donald Tusk, der für ein enges Bündnis mit der Ukraine eintritt.Nawrocki entzog Selenski die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weissen Adlers. Dies wiederum entfachte in der Ukraine einen Sturm der Entrüstung. Aus Solidarität haben drei frühere ukrainische Präsidenten den Orden ebenfalls zurückgegeben – ein Zeichen, dass die Empörung über Nawrocki parteiübergreifend ist.Letztlich profitiert nur eine SeiteDie beiden Länder stehen nun vor der Wahl, die Kontroverse weiter hochzukochen oder sich auf ihre übergeordneten Interessen zu besinnen. Diese sollten klar sein: Polen und die Ukraine brauchen einander. Die ukrainischen Truppen sind Europas stärkster Schild gegen Russland und beschützen auch Polen. Zugleich leistet Polen wertvolle Militärhilfe, beherbergt fast eine Million ukrainische Flüchtlinge und kann als Fürsprecher für einen ukrainischen EU-Beitritt dienen.Gewiss wäre es wünschbar, dass sich die Ukraine den düsteren Seiten ihrer Geschichte stellt – aber eine solche Aufarbeitung mitten in einem Existenzkampf einzufordern, ist unrealistisch. Wie schwierig ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist, zeigt ausgerechnet Polen selber. Das Land tut sich schwer mit den eigenen dunklen Flecken im Zweiten Weltkrieg, darunter die Gleichgültigkeit oder gar aktive Mitwirkung bei der Judenvernichtung. Es mag für Politiker verführerisch sein, mit emotionalen Geschichtsdebatten zu punkten. Aber davon profitiert derzeit nur ein einziges Land: Es ist weder Polen noch die Ukraine, sondern Russland.Passend zum Artikel