Nationalhelden oder Massenmörder? Ein Streit mit historischem Hintergrund eskaliert zwischen Warschau und KiewPräsident Selenski hat eine Militäreinheit nach einer Partisanenarmee benannt, die im Zweiten Weltkrieg Massaker an der polnischen Bevölkerung verübte. Die Empörung in Polen ist riesig. So angespannt war das bilaterale Verhältnis der beiden Staaten noch nie seit Kriegsbeginn.11.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIm vergangenen Dezember schüttelten sie einander noch die Hand: Der polnische Präsident Karol Nawrocki (links) begrüsst seinen ukrainischen Amtskollegen Wolodimir Selenski in Warschau.Damian Lemanski / Bloomberg / GettyPolen war vom ersten Kriegstag an ein unerschütterlicher Verbündeter der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland. Mit Ausnahme des Baltikums ist in Osteuropa das Bewusstsein für die von Russland ausgehende Gefahr nirgends grösser als im Land an der Weichsel. Zu oft in seiner Geschichte ist Polen selber Opfer des russischen Imperialismus geworden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht aufgearbeitete GeschichteDoch auch mit der Ukraine verbindet Polen eine schmerzvolle Geschichte. Die unterschiedliche Sichtweise darauf hat das Verhältnis zwischen den beiden Staaten nun in die vermutlich schwerste Krise seit Kriegsbeginn gestürzt. Was ist geschehen?Wolodimir Selenski hatte Ende Mai einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte auf deren Bitte den Ehrentitel «Helden der UPA» verliehen. Die Ukrainische Aufständische Armee, so der volle Name der Partisanenarmee, bildete den militärischen Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten mit ihrem berühmten Anführer Stepan Bandera und kämpfte von 1942 bis in die Mitte der fünfziger Jahre für eine unabhängige Ukraine.In der heutigen Ukraine wird der UPA vor allem wegen ihres Kampfes gegen die Sowjetmacht gedacht, als Symbol für den gegenwärtigen Abwehrkampf. Während des Zweiten Weltkriegs tötete die UPA aber auch Zehntausende von polnischen Zivilisten, teilweise im Verbund mit der Wehrmacht. Weite Teile der heutigen Westukraine gehörten vor dem Krieg zu Polen.Die Verbrechen an der polnischen Bevölkerung in der einst multiethnischen Region durch ukrainische Nationalisten wurden in der Sowjetunion und später in der Ukraine nie aufgearbeitet. Wolyn (Wolhynien), der Name einer besonders stark betroffenen Region, gilt in Polen als Chiffre für diese leidvolle Geschichte und deren Verkennung durch die Ukraine.Radikale Forderungen aus der rechten EckeSelenskis Entscheid, eine Militäreinheit nach der UPA zu benennen und dies dazu noch mit der «Wiederherstellung historischer Traditionen» zu begründen, löste in Polen einen Sturm der Empörung aus. Besonders heftig ist dieser im rechten Lager des stark polarisierten Landes.Der nationalkonservative Präsident Karol Nawrocki etwa drohte umgehend damit, seinem ukrainischen Amtskollegen den Orden des Weissen Adlers abzuerkennen. Selenski war 2023 für seine Verdienste um die Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten mit der höchsten Auszeichnung des Landes geehrt worden. Der Orden des Weissen Adlers wird in Polen bereits seit dem 17. Jahrhundert verliehen.Der Rechtsaussenpolitiker und stellvertretende Parlamentsvorsitzende Krzysztof Bosak forderte Konsequenzen bei der Militärhilfe an die Ukraine. Er sprach etwa von dem Entzug der Nutzungsrechte für den ostpolnischen Flughafen Rzeszow oder der Einstellung der Kostenübernahme bei Starlink-Terminals, die von der ukrainischen Armee genutzt werden. Andere Stimmen forderten den Rückruf des polnischen Botschafters in Kiew.Die radikalen Vorstösse sind ein Beleg für die veränderten Machtverhältnisse innerhalb des nationalkonservativen Lagers. Die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) war lange Zeit die tonangebende rechte Kraft im Land. Die Unterstützung der Ukraine stellte die PiS nie ernsthaft infrage. Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda, ein enger Vertrauter des PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski, hatte Selenski seinerzeit den Orden verliehen.Unter dem Einfluss aufstrebender radikaler Parteien ist das nationalkonservative Lager weiter nach rechts gerückt. Nawrocki strebt darin eine Führungsrolle an. Der Präsident war zwar ebenfalls von der PiS als Kandidat aufgestellt worden, betreibt seit seiner Wahl aber eine eigenständige Politik. Mit dem lauten Protest gegen Selenski bedient er die wachsenden Ressentiments gegen die vielen ukrainischen Flüchtlinge im Land.Keine Seite gibt nachDie Empörung über Selenski ist allerdings nicht auf nationalkonservative Kreise beschränkt. Auch das liberale, prowestliche Regierungslager um Ministerpräsident Donald Tusk fordert von Kiew, die Umbenennung rückgängig zu machen.Verteidigungsminister Wladislaw Kosiniak-Kamysz etwa sprach in einem Interview von einer inakzeptablen Entscheidung mit feindseligem Charakter. Die Ukraine habe im Donbass und an anderen Frontabschnitten genügend zeitgenössische Helden, die jede Einheit auszeichnen würden, sagte der Verteidigungsminister sinngemäss.Kosiniak-Kamysz hatte sich am Wochenende mit Selenskis Stabschef Kirilo Budanow getroffen, der nach Warschau gereist war, um die Wogen zu glätten. Die Ukraine habe nie im Sinn gehabt, polnische Gefühle zu verletzen, versicherte Budanow danach. Zu einer Rücknahme der Ehrenbezeichnung ist die Ukraine aber bis jetzt nicht bereit. Auch Kiew scheint der Meinung zu sein, auf die Befindlichkeiten nationalistischer Kreise Rücksicht nehmen zu müssen.Die anhaltende Verstimmung zwischen den beiden Staaten hat sogar Auswirkungen auf Selenskis Reiseroute. Zum Gipfeltreffen mit den Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich und Grossbritannien nach London flog der ukrainische Präsident erstmals von der moldauischen Hauptstadt Chisinau. Bisher war der polnische Flughafen Rzeszow der Standort der ukrainischen Regierungsmaschine.Der Streit schadet beidenTusk rief nach dem ergebnislosen Treffen am Wochenende die beiden Präsidenten auf, die Sache in einem direkten Gespräch zu klären – «bevor die Emotionen die Solidarität zerstören, die angesichts der russischen Bedrohung entstanden ist». Die Zusammenarbeit liege im Interesse beider Staaten. Von einem Konflikt profitiere nur Moskau, schrieb Tusk am Montag auf X.Damit dürfte er recht haben. Polen ist in jeder Hinsicht der mit Abstand wichtigste Nachbar der Ukraine. Aber auch Warschau hat bei einer Zuspitzung des Konflikts viel zu verlieren. Eine weitere Eskalation, etwa durch die tatsächliche Aberkennung von Selenskis Ehrenorden, würde einen grossen Schatten auf die Wiederaufbaukonferenz werfen, die Polen Ende Juni in Danzig ausrichtet. Die Konferenz soll Warschaus Führungsanspruch beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes unterstreichen.Am Montag trat das für den Orden des Weissen Adlers zuständige Gremium zusammen, um über die Aberkennung zu beraten. Das letzte Wort hat dabei Präsident Nawrocki. Er habe die – nicht öffentlichen – Empfehlungen des Gremiums zur Kenntnis genommen, erklärte sein Sprecher danach. Der Präsident werde in nützlicher Frist entscheiden, ob Selenski den Orden behalten dürfe oder nicht.Passend zum Artikel
Schwerste Krise seit Kriegsbeginn: Streit zwischen der Ukraine und Polen über historisches Erbe
Präsident Selenski hat eine Militäreinheit nach einer Partisanenarmee benannt, die im Zweiten Weltkrieg Massaker an der polnischen Bevölkerung verübte. Die Empörung in Polen ist riesig. So angespannt war das bilaterale Verhältnis der beiden Staaten noch nie seit Kriegsbeginn.











