Gefangen in der Geschichte: Der Streit zwischen Polen und der Ukraine bedroht die ukrainische EU-PerspektivePräsident Selenski hat ein Pantheon für die Helden der ukrainischen Geschichte angekündigt. Für Polen ist das eine neuerliche Provokation. Der unterschiedliche Blick auf düstere Zeiten treibt einen Keil zwischen die beiden Staaten.02.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAnhänger nationalistischer ukrainischer Bewegungen begehen am 1. Januar in der westukrainischen Stadt Lwiw den Geburtstag ihres Vordenkers und Vorbildes Stepan Bandera.ReutersMitte Juni waren Teile des Kiewer Höhlenklosters in Flammen. Am Sonntag, dem Tag der Verfassung, nutzte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski die Kulisse dafür, ein länger geplantes geschichtspolitisches Vorhaben auf den Weg zu bringen. Er habe den Gesetzesentwurf für die Schaffung eines nationalen Pantheons zum Gedenken an herausragende Ukrainer ins Parlament eingebracht, gab er bekannt. Wer darin verewigt werden soll, führte er nicht aus. Er betonte aber: «Niemand kann der Ukraine vorschreiben, welche Helden sie verehren soll, niemand hat uns zu sagen, wie wir zu sprechen haben, und niemand wird für uns entscheiden, wem wir dankbar zu sein haben.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Obwohl Selenski weder Namen noch einen Adressaten nannte, fühlten sich sofort Politiker in Polen angesprochen und provoziert. Seit rund einem Monat weitet sich der Streit zwischen Polen und der Ukraine um den Umgang mit der gemeinsamen Geschichte immer mehr aus. Mittlerweile entzweit er nicht nur die beiden Präsidenten, Karol Nawrocki und Selenski, sondern gefährdet die militärische Zusammenarbeit zwischen den zwei Staaten und die EU-Perspektive der Ukraine.Entzug höchster AuszeichnungenAuslöser der Auseinandersetzung war die Entscheidung Selenskis von Ende Mai gewesen, einer Spezialeinheit der ukrainischen Armee auf deren Wunsch hin den Zusatz «Helden der UPA» zu verleihen. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) und die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) der Nationalistenführer Stepan Bandera und Andri Melnik werden in der Ukraine als Helden des Widerstands gegen die sowjetische und polnische Herrschaft gefeiert. Sie dienten sich dafür im Zweiten Weltkrieg den Nationalsozialisten an, stellten Angehörige der Waffen-SS und Bataillone der Wehrmacht und ermordeten Juden und Polen.Die Heroisierung der ukrainischen Nationalisten ist für Polen eine besondere Provokation und für die russische Propaganda der Beleg dafür, dass in Kiew tatsächlich «Nazis» regieren, wie das der russische Präsident Wladimir Putin seit Jahren behauptet. Bandera und seine Mittäter und Anhänger, in Russland abschätzig Banderowzy genannt, sind seit sowjetischen Zeiten das Synonym für Nationalismus und Gewaltherrschaft in der Ukraine.Der nationalkonservative polnische Präsident Karol Nawrocki wollte über Selenskis Entscheidung nicht hinwegsehen und entzog diesem die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weissen Adlers. Daraufhin schickten ukrainische Politiker, auch solche, die Selenski alles andere als wohlgesinnt sind, ihre einst von Polen erhaltenen Orden ebenfalls zurück.Mit Bandera keinen EU-BeitrittEs ist anzunehmen, dass im geplanten nationalen ukrainischen Pantheon für Helden aus den Jahrhunderten ukrainischer Geschichte Bandera, Melnik und andere sehr umstrittene Figuren ihren Platz finden werden. Erst Ende Mai war Melnik aus Luxemburg auf den Armeefriedhof des nationalen Gedenkens bei Kiew umgebettet und von Regierungsvertretern in höchsten Tönen gewürdigt worden.Nicht nur Nawrocki und die nationalkonservative Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sehen in einem solchen Pantheon eine Provokation und die Fixierung einer langfristigen ukrainischen Geschichtspolitik. Auch Vertreter der polnischen Regierungskoalition, die sonst selten mit ihren Gegnern einig sind, äusserten sich in den vergangenen Tagen empört darüber.Besonders auffällig war Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz’ Auftritt in einem polnischen Fernsehsender am Montag. Mit Bandera werde die Ukraine der Europäischen Union nicht beitreten können, sagte er. In der EU sei es nicht erlaubt, Gestalten zu ehren, die die europäische Zusammenarbeit zerstörten. Indem er sich an Selenskis Formulierungen anlehnte, warnte er die Ukraine vor Konsequenzen: «Niemand kann uns vorschreiben, wie wir über ein neues Mitgliedsland der EU abstimmen.» Dafür bekam Kosiniak-Kamysz auch aus der PiS Zustimmung.Der Verteidigungsminister beklagte sich überdies über gebrochene Abmachungen in einem Rüstungsgeschäft mit der Ukraine. Polen habe dem Land ausrangierte Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29 weitergeben wollen. Kiew sei nun aber nicht bereit, im Gegenzug, wie vereinbart, moderne Drohnentechnologie abzugeben. Hrihori Omeltschenko, ein früherer ukrainischer Geheimdienstoffizier und Parlamentarier, wies den Vorwurf scharf zurück. Kein Land im Krieg teile derart heikle Rüstungstechnologie. Polen bezichtigte er der Feigheit. Es verstecke sich hinter dem Rücken der ukrainischen Verteidiger, weil es Angst vor Putin habe.Westorientierte Politiker heroisieren die NationalistenDas geplante Pantheon droht den Streit zu zementieren. Dabei hatte in den vergangenen Jahren die Hoffnung bestanden, Polen und die Ukraine könnten angesichts der Bedrohung durch Russland einen für beide Seiten annehmbaren Weg finden, mit der schwer belasteten gemeinsamen Vergangenheit umzugehen. Polen stand der Ukraine nach dem Beginn des umfassenden russischen Krieges am 24. Februar 2022 vorbehaltlos bei und öffnete die Grenze für ukrainische Flüchtlinge.Das Verhältnis war seit der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 politischen Konjunkturen unterworfen und ein Spiegel der jeweiligen Innenpolitik. Die PiS-Regierungen nutzten die historischen Ressentiments zur Mobilisierung ihrer Anhänger aus. Auf ukrainischer Seite waren es die nach Westen orientierten politischen Kräfte, allen voran der 2004 im Zuge der orangen Revolution ins Amt gekommene Präsident Wiktor Juschtschenko, die sich ganz besonders dem Andenken an Bandera widmeten. Das machte es denjenigen in Polen, die sich für die EU-Annäherung des Nachbarn einsetzten, innenpolitisch schwer.Selenski stand den nationalistischen Kreisen eher fern, als er 2019 zum Präsidenten gewählt wurde; diese hatten seinen Gegner Petro Poroschenko unterstützt. Der Krieg seit 2022 hat aber die Ausgangslage völlig verändert, erst recht seit klar ist, dass sich das Land gegen Russland behauptet. Die Ukraine ist stärker, selbstbewusster, aber auch unerbittlicher und weniger empfänglich für realpolitische Überlegungen geworden. In Polen wiederum werfen die Wahlen des kommenden Jahres ihren Schatten voraus: Die PiS will die ihr verhasste liberale Regierung ablösen. Selenski bietet ihr die perfekte Vorlage, um sich am ukrainischen Geschichtsbild abzuarbeiten.Versöhnung in weiter FerneMöglich ist das nur deshalb, weil die historischen Ereignisse auf beiden Seiten einen so hohen Stellenwert haben. Für die Ukraine steht der Kampf um Unabhängigkeit von Moskau an erster Stelle – auch weil der Kreml hartnäckig leugnet, dass es eine eigene ukrainische Geschichte gibt. Entsprechend heroisieren die Ukrainer ihre historischen Figuren umso mehr, allen Ambivalenzen zum Trotz. Der Widerstand und die Greueltaten Banderas werden in der ukrainischen Geschichtsschreibung als Teil einer grösseren Auseinandersetzung gesehen, in der auch die Polen Täter waren.In Polen steht die Empörung über die UPA und ihre Exponenten für ein mehrfaches Trauma: deren Massaker an Zehntausenden von Polen in Wolhynien und Ostgalizien, deren Widerstand gegen die Polnische Heimatarmee und die Umsiedlung von jeweils mehreren hunderttausend Menschen. Polen spricht von einem Genozid und damit von einer gezielten Tötungsabsicht.Obwohl es in den vergangenen Jahren Anläufe zur gemeinsamen Aufarbeitung gab, trennt die Geschichte die Polen und die Ukrainer. Als Ende März in der ostpolnischen Stadt Chelm die Eröffnung eines Museums über die Geschichte des Wolhynien-Massakers angekündigt wurde, sagte der Bürgermeister, nicht Konfrontation, sondern Versöhnung und Erinnerung sollten in dessen Mittelpunkt stehen. Das scheint wieder in weite Ferne zu rücken.Passend zum Artikel
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