PfadnavigationHomePolitikAuslandPolnisch-ukrainisches VerhältnisEin Fehler Selenskyjs, „schlimmer als ein Verbrechen“ – der Streit zwischen Kiew und WarschauVon Adam KrzemińskiStand: 15:10 UhrLesedauer: 7 MinutenSchlechte Stimmung zwischen Partnern: Polens Präsident Nawrocki (r.) mit ukrainischem Amtskollegen SelenskyjQuelle: Pawel Supernak/PAP/dpaZu Beginn des russischen Angriffskriegs standen Polen und die Ukraine eng zusammen. Nun herrscht eine Krise, deren Ursprünge tief in der Vergangenheit liegen. Das hat Auswirkungen auf den Abwehrkampf gegen Russland.Was ist los in den polnisch-ukrainischen Beziehungen? Vor vier Jahren gab es in Polen eine spontane Welle der Solidarität mit etwa zwei Millionen ukrainischen Flüchtlingen. Polen lieferte dem angegriffenen Nachbarland alles an einsatzfähigem Kriegsgerät sowjetischer Bauart und drängte in der Allianz und der EU auf reale Hilfe für die Ukraine. Jetzt aber erkannte der polnische Staatspräsident seinem ukrainischen Pendant jenen Orden des Weißen Adlers ab, den ihm Karol Nawrockis Vorgänger – ebenfalls ein Nationalkonservativer – verliehen hatte.Kleinliche Zänkerei zerstrittener Buben im Sandkasten? Von wegen. Es ist ein Streit um die nationale Vergangenheitspolitik in der Ukraine und um ihr europäisches Selbstverständnis, aber auch um momentane innenpolitische Machtspiele. Der Stein des Anstoßes war die Verleihung des Ehrentitels „Helden der UPA“ an ein Zentrum für Spezialoperationen der ukrainischen Spezialkräfte.Lesen Sie auchDie Ukrainische Aufständische Armee (UPA) entstand 1942 als militärischer Arm der 1929 gegründeten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die im Vorkriegspolen Sabotage- und Terrorakte verübte. Nach der Ermordung des polnischen Innenministers durch die OUN wurde einer ihrer Anführer, Stepan Bandera, zum Tode verurteilt; die Todesstrafe wurde jedoch in lebenslange Haft umgewandelt. Infolge des deutschen und sowjetischen Überfalls auf Polen im September 1939 kam er frei und setzte auf eine Zusammenarbeit der ukrainischen Nationalisten mit den deutschen Besatzern. Im Sommer 1941, nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, beteiligten sich ukrainische Nationalisten an Razzien gegen die polnische Intelligenz sowie an geschürten antijüdischen Pogromen im ehemaligen Ostpolen. Dennoch ging Banderas Hoffnung auf ein ukrainisches Satellitenstaatwesen nicht auf. Er wurde in Sachsenhausen interniert. Die UPA aber begann 1943 mit ethnischen Säuberungen gegen die polnische Bevölkerung in Wolhynien. Erhalten geblieben sind Befehle der Kommandeure, Fotografien ermordeter Frauen und Kinder sowie Berichte von Überlebenden. Die Zahl der polnischen Opfer wird auf bis zu 100.000 geschätzt, die der ukrainischen Opfer infolge polnischer Vergeltungsaktionen auf etwa 20.000. Lesen Sie auchMit dem Vorrücken der Roten Armee 1944 wandte sich die UPA gegen sowjetische Partisanen und die kommunistischen Behörden. Die Kämpfe dauerten bis 1947, in Einzelfällen länger. Im inzwischen kommunistisch regierten Polen wiederum wurde die ukrainische Bevölkerung im Rahmen der „Aktion Weichsel“ über West- und Nordpolen verstreut. Deshalb gibt es heute auch in Stettin orthodoxe und griechisch-katholische Gemeinden.Lesen Sie auchIn der russisch-sowjetischen Geschichtsschreibung galt Polen über Jahrhunderte als Besatzer, der schrittweise blutig zurückgedrängt wurde: durch den Kosakenaufstand 1648, durch eine Bauernrevolte 1768 und nachfolgende Teilungen Polens und schließlich durch den Hitler-Stalin-Pakt. Diese Lesart untermauerte auch das Epos „Die Hajdamaken“ des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko über die blutrünstige Rache an den „Lachy“, deren Kinder in Brunnen geworfen werden. Nun haben sich alle Völker an Gemetzeln berauscht – in Homers „Ilias“ wie im „Nibelungenlied“. Man muss sich nicht über die Klassiker echauffieren. Der Punkt ist jedoch, wie heute die „Helden unserer Zeit“ umrahmt werden.Lesen Sie auchWolhynien ist in Polen eine offene Wunde, in die jedoch auch Salz gestreut wird, wenn etwa die ukrainischen Behörden die Umbettung der verscharrten Überreste der Opfer verschleppen oder wenn in der Ukraine der historische Tatbestand als „Tragödie“ anonymisiert und verwischt wird, während man es in Polen als vorsätzliche ethnische Säuberung betrachtet. Es fehlte allerdings auch nicht an polnisch-ukrainischen Versöhnungsgesten. Im Juni 2005 wurde in Lviv der Friedhof der „Lemberger kleinen Adler“ wiedereröffnet und eingeweiht – jener jungen polnischen Verteidiger der Stadt, die 1918/1919 Lwów gegen ukrainische Verbände gehalten hatten. Im Mai 2006 gedachten in Polen die beiden Staatspräsidenten Lech Kaczyński und Wiktor Juschtschenko gemeinsam der ukrainischen und polnischen Opfer der gegenseitigen Gewalttaten. Es war die Zeit der polnischen Euphorie nach dem EU-Beitritt – eine Phase, in der die Hoffnung auf eine gemeinsame europäische Zukunft auch die Bereitschaft zur historischen Versöhnung stärkte. Allerdings fiel es der polnischen Rechten äußerst schwer, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Dies kündigte sich bereits 2001 an, als der damalige Präsident Kwaśniewski in Jedwabne um Vergebung bat wegen der Beteiligung polnischer Nachbarn an den von den deutschen Besatzern angestoßenen Juden-Pogromen im Sommer 1941. Der Schock der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit verursachte in Teilen der polnischen Öffentlichkeit auch eine Ablehnung der vermeintlich von außen aufoktroyierten „Schuldkultur“ und des „Versöhnungskitsches“. Dieser Umkehrschub nutzte auch 2005 der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS). Dennoch sahen die beiden von der PiS gestellten Präsidenten Lech Kaczyński und Andrzej Duda die Unterstützung der Ukraine als ostpolitische Priorität. Nicht so Karol Nawrocki, der außenpolitisch um eine eigene Hausmacht auf der Rechten ringt, indem er der Regierung Tusk in die Quere kommt. Außenminister Sikorski hält die Aufwertung der UPA durch Präsident Selenskyj für einen Fehler, aber auch die Reaktion Nawrockis für inadäquat, da sie eine Korrektur der ukrainischen Haltung erschwere, für die es in den letzten Tagen durchaus Anzeichen gab. Lesen Sie auchImmerhin gibt es in den EU-Ländern Beispiele für einen kritischen Umgang mit den Schattenseiten der eigenen Geschichte und heftige „Historikerstreite“ um das Selbstverständnis im europäischen Staatenverbund. Es geht dabei nicht nur um „Versöhnungskitsch“ oder die Verklärung zwielichtiger Taten, sondern auch um eine zukunftsweisende Ausrichtung. Es hatte einiges für sich, als die Bundeswehr die Günther-Rüdel-Kaserne in Anton-Schmid-Kaserne umbenannte – der General, der Beisitzer am NS-Volksgerichtshof war, wurde als Namensgeber durch einen Feldwebel ersetzt. Dieser war der 1942 hingerichtet worden, weil er Juden in Wilna zur Flucht verholfen hatte. Die Ukraine, die dem russischen Aggressor verzweifelt Paroli bietet, lässt sich nicht mit der saturierten, friedlichen Bundesrepublik vergleichen. Doch auch in einem existenziellen Abwehrkampf muss sich ein Land, das der EU beitreten will, darüber im Klaren sein, für welche Werte es einsteht. Gerade diese Werte sollten die gemeinsame europäische Zukunft mittragen und nicht durch die Verherrlichung eines furiosen Gemetzels an Zivilisten überschattet werden. Immerhin standen Slobodan Milošević und Ratko Mladić vor dem Haager Tribunal wegen des Völkermords in Srebrenica und ethnischer Säuberungen – wie der seinerzeitigen in Wolhynien. Ein Fehler Selenskyjs, „schlimmer als ein Verbrechen“Im gegenwärtigen polnisch-ukrainischen Knatsch geht es allerdings nicht allein um die Geschichte. Jurij Swets, ein aufmerksamer ukrainisch-amerikanischer Beobachter der internationalen Belange der Ukraine, hält den Streit um die UPA für einen groben Fehler Selenskyjs. Ausgerechnet Polen – für die Ukraine in geografischer Hinsicht von existenzieller Bedeutung – zu verprellen, sei „schlimmer als ein Verbrechen“. Die Ursache sieht Swets in den sinkenden Umfragewerten Selenskyjs, der im Hinblick auf künftige Präsidentschaftswahlen auf die nationale Karte setze. Polen wiederum befindet sich schon jetzt in einem Mammutwahlkampf vor den richtungsweisenden Parlamentswahlen 2027. Und die Ukraine-Politik kann zum Hauptthema werden, nicht nur wegen der UPA, sondern auch wegen der Weigerung Kiews, die Zusammenarbeit mit Polen in der Drohnentechnologie auszuweiten, sowie Polen in die Wiederaufbauprogramme nach dem Krieg stärker einzubinden. Das war der Grund für Warschau, die letzte Lieferung der Abfangjäger MIG 29 vorerst einzustellen. All dies erinnert an eine einst vertane Chance für ein polnisch-ukrainisches Einvernehmen. Der Chmielnicki-Aufstand brach 1648 aus, weil der Sejm der Adelsrepublik die vom König versprochene Erhebung der Kosaken in den Adelsstand verweigerte. Dies war ein Fanal für einen Bauernaufstand und für ein grausames gegenseitiges Gemetzel.Nach der Niederlage der Aufständischen ging das Hetmanat 1654 ein politisch-militärisches Bündnis mit Moskau ein. Der Zar betrachtete es jedoch nur als Eingliederung, mischte sich in die inneren Angelegenheiten des Hetmanats ein und missachtete dessen außenpolitische Interessen. Der enttäuschte Nachfolger Chmielnickis wandte sich daraufhin erneut der Adelsrepublik zu und handelte 1658 im Vertrag von Hadjatsch eine Umwandlung der polnisch-litauischen Union in einen Dreierbund gleichberechtigter Partner aus: Polen-Litauen-Ruthenien. Der Sejm aber beschnitt das Projekt so stark, dass es für das Hetmanat uninteressant wurde. Der polonisierte Adel der res publica wollte keine Konkurrenten neben sich dulden. Vorsicht also vor kurzsichtigem Egoismus auf beiden Seiten.