Bei Fußball-Weltmeisterschaften sind immer auch ein paar Pferde unterwegs – zumindest in der englischsprachigen Blase. Die Frage, welche Nationalteams diesmal für die Rolle des „Dark Horse“ in Frage kommen, ist so relevant wie die ewigen Rätsel um Qualität und Form der WM-Größen Brasilien, Deutschland oder Argentinien. Zwei Teams werden besonders oft genannt, wenn nach den sogenannten Geheimfavoriten gefragt wird: Japan und, weniger geheim, Norwegen, der zweite häufig genannte Außenseitertipp.Die Auswahl von Trainer Stale Solbakken „flog“ mit acht Siegen in acht Partien durch die WM-Qualifikation, auch dank Erling Haaland, dem wahrscheinlich gefährlichsten Torjäger. Auch der als TV-Experte beim US-Sender „Fox“ nicht besonders geistreiche, aber lustige Zlatan Ibrahimović hat das inzwischen gemerkt. Nach zwei Toren Haalands im Auftaktspiel beim 4:1-Sieg über den Irak verkündete er: „Ich muss ihn wohl auf meiner Liste der ‚Könige des Dschungels‘ weiter nach oben setzen. Er kommt Zlatan immer näher.“Norwegens Rückkehr nach 28 JahrenEine satte Portion Selbstherrlichkeit gehört wohl zu einer WM im Great-Again-Land, zumal das „Great-Again“ auf kaum ein Team besser zutrifft als auf Norwegen. Die nach Einwohnern kleine Nation (fünf Millionen Einwohner) lag sowohl 1993 als auch 1995 für einige Wochen auf dem zweiten Platz der Weltrangliste des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA). Damals trat Rosenborg Trondheim als feste Größe in der Champions League an. Aber nach der EM 2000 folgte der Abschwung.Erstmals seit 28 Jahren spielt Norwegens Nationalteam wieder bei einer WM mit. Weshalb Trainer Solbakken gefragt wurde, was hinter dieser Renaissance stecke. „Wir hatten ein wenig Stillstand“, erwiderte der frühere Chefcoach des 1. FC Köln in der vergangenen Woche und holte weit aus: Später als anderswo sei in den Klubs und im Nationalverband erkannt worden, „dass es nötig ist, den Ball in engen Räumen zu kontrollieren“. Trondheims schnörkelloser Stil mit lang geschlagenen Pässen auf große Angreifer funktionierte nicht mehr. Solbakken erwähnte auch Pep Guardiola, dessen stilprägender Ansatz in Norwegen verschlafen wurde.Inzwischen ist das Ausbildungssystem modernisiert worden, genau wie die Infrastruktur. Viele – oft überdachte – Kunstrasenplätze entstanden. Aber vor lauter Freude am Ballbesitz sei „das Verteidigen vergessen worden“, erzählte Solbakken. Die jüngste Spielergeneration beherrscht alle Facetten des modernen Spiels. Und sie hätten „jetzt ein paar mehr Haare auf der Brust“, sagte Solbakken. Im Vordergrund stehen die Stars Haaland (Manchester City), Martin Ödegaard (FC Arsenal), Julian Ryerson (BVB) und Antonio Nusa (RB Leipzig). Aber auch auf den Plätzen hinter diesen Champions-League-Spielern ist viel Substanz zu erkennen.Sport wird als Teil des Bildungssystems ernst genommenDas hat nicht nur mit den Fußballorganisationen zwischen Stavanger im Süden und Bodö nördlich des Polarkreises zu tun, wo Klub Bodö Glimt zu Hause ist. In der vergangenen Saison gelangen dem Verein einige spektakuläre Siege in der Champions League. Ohnehin schaut die Sportwelt interessiert auf Norwegen. Es zählt zu den erfolgreichsten Ländern im Sport. Bei den Olympischen Winterspielen landete es in der inoffiziellen Nationenwertung mit Abstand auf Rang eins. Es gibt sehr erfolgreiche Leichtathleten, Beachvolleyballer, die Handballerinnen stehen an der Weltspitze, Casper Ruud ist ein sehr starker Tennisprofi.Sport hat einen enormen gesellschaftlichen Stellenwert und wird als Teil des Bildungssystems sehr ernst genommen. Während Nationalverbände verschiedener Sportarten in den meisten Ländern ihr eigenes Ding machen, wird in Norwegen möglichst viel miteinander verbunden. Die Sportarten teilen trainingswissenschaftliche Erkenntnisse sowie Innovationen, Analysedaten, das Wissen von Ernährungsexperten oder Psychologen. Davon profitieren auch die Fußballer, obgleich sie nicht ganz so eng an dieses Netzwerk angebunden sind wie Wintersportdisziplinen.„Es geht darum, weiterzumachen und nicht so viel nachzudenken“Was nicht nur diesem Team, sondern dem gesamten Profifußball Norwegens fehlt, lässt sich aber nicht im Labor entwickeln: Erfahrung mit den großen Turniermomenten. Norwegens Fußball-Auswahl trat erst zweimal zu K.-o.-Spielen bei Welt- oder Europameisterschaften an. Beide gingen gegen Italien verloren. 1938 und dann 1998 bei der WM in Frankreich. „Es geht darum, weiterzumachen und nicht so viel nachzudenken, auch, wenn das nicht so einfach ist“, sagt Haaland zu der Frage nach der mentalen Herausforderung.Der Torjäger ist sich der Bedeutung der WM für Norwegens Fußball offensichtlich sehr bewusst. Mit ihm schließt sich übrigens auch der Kreis zu der starken Fußballergeneration vom Ende des vergangenen Jahrtausends. 1994 spielte sein Vater bei der WM in den USA, die Norweger schieden punktgleich mit allen drei anderen Teams der Gruppe als Tabellenletzter aus. Dennoch zählt der Auftritt zu den besten Norwegens bei einer WM seit dem Zweiten Weltkrieg. Diesmal ist mehr drin.
Fußball-WM 2026: Warum Norwegen Geheimfavorit ist
Die Skandinavier verschlafen zunächst die Modernisierung des Fußballs. Nun gelten sie als „Geheim“-Favorit. Das soll auch mit dem Bildungssystem zusammenhängen.














