Wir sehen derzeit viele Begegnungen mit Mannschaften, die wir kaum kennen. Wie Niederländer spielen, scheint uns vertraut: 4-3-3. Schotten schlagen gern hohe Bälle nach vorne, und Spanier trennen sich ungern vom Ball, weswegen sie manchmal den Eindruck erwecken, ihn über die Torlinie tragen zu wollen. Argentinier steigen oft hart ein. Belgier sind das ewige Erfolgsversprechen.F.A.Z.Solche Vorurteile mögen stimmen, oder sie mögen sich im Wandel der Zeit längst aufgelöst haben. Manche Beobachter des Fußballs finden, es werde inzwischen überall ein ähnlicher Stil praktiziert. Die Trainer wechseln häufig, und also kommt es zu einer weltweiten Diffusion ihres Wissens.Das ändert nichts an Gefühlen, die sich aus der Vorgeschichte von Begegnungen ergeben. Wir knüpfen ans Vergangene an. Wie oft haben wir nicht Brasilien, Spanien oder England spielen sehen? Wie oft nicht Erling Haaland und Virgil van Dijk? Wenn Cucurella am Ball ist oder Ritsu Doan, denken wir, leidgeprüft, an bestimmte Szenen.Es hilft allein die ästhetische HaltungDoch wer erinnert eine Aktion von Almoez Abdulla, dem Torjäger Qatars, oder von Fidel Escobar, dem Abwehrchef von Panama? Die FIFA hat viele Mannschaften zur WM zugelassen, über die allenfalls noch Fachleute etwas wissen. Wenn solche Teams aufeinandertreffen, sind wir vollends orientierungslos. Wir spüren, dass wir Weltfußball-Provinzler sind.Denn wer kannte bis gestern einen Spieler der Kapverden? Wo genau liegt Curaçao? Wer wüsste etwas über die iranische Liga? Aus Neuseeland hat es bislang ein einziger Name ins Gedächtnis der deutschen Fußballfans geschafft. Jordanien nimmt zum allerersten Mal an einer WM teil und ist in der Qualifikation zuvor immer fernab gescheitert: an Usbekistan, Nordkorea und Australien.Eine mögliche Reaktion auf diese Orientierungslosigkeit liegt im Verzicht, etwa darauf, sich heute Morgen die Begegnung Iran gegen Neuseeland anzuschauen. War ja auch früh. Doch hätte man da ein sehr munteres Spiel verpasst, interessanter als Belgien gegen Ägypten mit den vielen Stars. Wer den Auftritt der Kapverden – im Kader 26 Spieler aus 26 Vereinen – verschmähte, hat sogar einen großen Fehler gemacht. Der Rest der Welt kennt jetzt Vozinha.Verzicht ist also, je nach Schlafbedürfnis, keine sinnvolle Option. Wer mitfiebern wollte, mochte sich darum an allgemeine Vorurteile halten. Die gaben aber ebenfalls nichts her. Je nachdem vertritt die Mannschaft Irans ein Terrorregime, eine unterdrückte Bevölkerung, ein Land, das völkerrechtswidrig überfallen wurde, oder eines, dessen Machthaber Antisemiten sind. Was davon hätte irgendeine Parteinahme im Spiel gegen Neuseeland begründet? Die Kiwis waren überdies der Außenseiter, dem im Zweifel die Sympathien zufliegen. Zugleich kommen sie aus einem reichen Land und nicht aus einem armen.Was uns allein hilft, ist die ästhetische Haltung. Denn was übrig bleibt, wenn weder Kenntnis noch Vergangenheit und Vorurteile helfen, ist das interesselose Wohlgefallen. Wir hätten vergangene Nacht noch stundenlang dabei zuschauen können, wie es zwischen Iran und Neuseeland hin- und herging, und tagelang Spanien dabei, Vozinha nicht überwinden zu können.In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.