PfadnavigationHomeSportFußballWMNeues WM-FormatDie Wahrheit über die vielen kleinen FußballwunderStand: 11:46 UhrLesedauer: 6 MinutenKap Verde feiert bei seiner ersten WM-Teilnahme einen historischen Erfolg. Trotz torlosem Remis gegen den Favoriten sorgt das Team für eine der größten Sensationen des Turniers. Sehen Sie die Jubelszenen nach Abpfiff hier im Video.Erstmals wird die WM mit 48 Mannschaften gespielt. Die Erweiterung wurde massiv kritisiert. Nach einer Woche hat sich die Wahrnehmung verändert. Vermeintliche Außenseiter sorgten für Überraschungen. Doch ist es dadurch ein besseres Turnier?Haben Sie ihn schon erlebt, Ihren besonderen WM-Moment? Vielleicht ein besonders schönes Tor gesehen – wie das von Vinicius jr. zum 1:1-Ausgleich für Brasilien gegen Marokko, als er den Verteidiger ausspielte und den Ball ins lange Eck schlenzte? Oder den ersten der beiden Treffer von Kylian Mbappé beim 3:1 der Franzosen, als er instinktiv dahin lief, wohin der Ball kam, ihn dann überraschenderweise an sich vorbeilaufen ließ, sich blitzschnell drehte und ihn genau durch den Raum, den ihm der senegalesische Abwehrspieler und der Torwart noch ließen, hindurch schoss?Vielleicht geht es Ihnen auch wie Erling Haaland. „Messi is madman“ postete der Norweger, der selbst bereits zweimal getroffen hat. Doch die drei Tore des argentinischen Megastars beim 3:0 gegen Algerien – viel besser geht es doch fast gar nicht.Lesen Sie auchDie WM 2026, über die im Vorfeld so viel geredet worden ist, das meiste davon in einem negativen Kontext, ist einen Spieltag alt. Jedes der 48 Teams hat einmal gespielt. Es ist noch nichts passiert, was nicht umkehrbar gemacht werden könnte. Doch ihre fußballerischen Momente hat sie bereits gehabt. Und so langsam hat uns der Fußball wieder gepackt, hat das Spiel wieder die Oberhand gewonnen über all die anderen Themen: den Kommerz-Wahnsinn der Fifa, die unverschämten Ticketpreise, die verächtliche Behandlung von Fans und selbst WM-Teilnehmern durch die US-Behörden. Und vor allem auch die Debatte über das aufgeblähte Format mit 104 Spielen, davon 72 (!) Gruppenspielen, das gerade uns Europäer schäumen ließ. Zur Erinnerung: Noch vor dreieinhalb Jahren in Katar kam man mit 64 Spielen aus – für die komplette WM.WM: bunte Bilder, neue Helden – aber besserer Fußball?Trotzdem: Das, was bei uns in der ersten Woche dieses Mammutturniers die größten Gefühle freigesetzt hat, waren nicht die Geniestreiche von Vini jr., Messi und Mbappé – es war das 0:0 von Kap Verde gegen Spanien. Vielleicht eine der größten Sensationen der Fußballgeschichte. Wir haben uns in diesen krakenartigen Torhüter namens Vozinha verliebt, der den Europameister zur Verzweiflung brachte. Wer, wenn nicht er, hat es verdient, dass er seit diesem Spiel auf Instagram mehr Follower hat als Joshua Kimmich und viele andere Stars? Lesen Sie auchVozinha, knapp 40, muss, wenn er nicht unbedingt will, bei keinem unterklassigen Verein in Angola, Moldawien und auf Zypern mehr anheuern. Er ist über Nacht eine weltweite Berühmtheit geworden – und wird es deutlich länger bleiben als die von Andy Warhol prophezeiten 15 Minuten.Diese Heldengeschichte hätten wir nie erlebt, wenn sich die Entscheidungsträger im europäischen Fußball durchgesetzt hätten und die Änderung des WM-Formats abgeschmettert worden wäre. Auch die Blue Wave aus Curaçao mit den begeisterungsfähigen, originellen Fans aus der Karibik hätten dann gefehlt – selbst wenn ihre Mannschaft beim 1:7 gegen Deutschland ziemlich unter die Räder kam.Doch so schlecht haben sich viele der vermeintlichen Fußballzwerge bislang gar nicht geschlagen: Katar (Platz 47 der Weltrangliste) trotzte der Schweiz ein 1:1 ab. Haiti (85) spielte sogar frech offensiv beim 0:1 gegen Schottland. Saudi-Arabien (60) holte ein verdientes 1:1 gegen den zweimaligen Weltmeister Uruguay. Neuseeland (82) spielte 2:2 gegen den Iran. Die Kongolesen (45) kamen zu einem bemerkenswerten 1:1 gegen Portugal. Hat Berti Vogts am Ende doch recht, als er schon vor Jahrzehnten sagte: „Es gibt keine Kleinen mehr.“Das wäre eine (zu) frühe Schlussfolgerung. „Die Frage wird sein, ob der Kongo in der Lage sein wird, auch Spiele zu gewinnen – oder ob es dabei bleibt, dass sie für den Gegner nur sehr unangenehm sein können“, sagte Thomas Müller am Mittwoch bei Magenta TV. Da hat er einen Punkt.Denn dass es nach wie vor ein Gefälle gibt, legen viele – wenn auch nicht alle – Spielverläufe zwischen den etablierten Fußballnationen und den Ländern nahe, die früher als Exoten bezeichnet worden wären. Von technisch-taktischer Augenhöhe konnte eher selten die Rede sein. Viele der Teams aus der unteren Hälfte der Weltrangliste stehen extrem tief, überzeugen vor allem durch Sekundärtugenden wie Laufbereitschaft und Positionsdisziplin. Sie sind nicht mehr naiv, aber noch lange nicht gut.Lesen Sie auchDas weltweite Niveau hat sich angenähert – doch es gibt immer noch große Unterschiede. Der X-Goals-Wert von Katar gegen die Schweiz lag beispielsweise bei 0,6, von Curaçao bei 0,31 – trotz des zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleichs. Die Südafrikaner blieben im Eröffnungsspiel gegen Mexiko (0:2) sogar komplett ohne Torschuss.Das neue WM-Format hat seinen PreisAlles andere als ein Augenschmaus war auch das Husarenstück der kapverdischen Piraten: 26 Prozent Ballbesitz, nur drei Flanken, von denen keine einzige zum Mitspieler kam. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen: Denn eine auch nur minimal offensivere Herangehensweise wäre tödlich gewesen. Wahrscheinlich hätte es auch so nicht gereicht, wenn Spaniens Trainer Luis de la Fuente gegen den sich einmauernden Gegner nicht auf die Geschwindigkeit und die Finesse von Lamine Yamal und Nico Williams verzichtet hätte. Damit, so die spanische Presse, habe er ein fatales Signal an seine Mannschaft gesetzt: Das schaffen wir locker. Eben nicht.Lesen Sie auchWar das postkoloniale Überheblichkeit? Quatsch. Denn die Maßnahme hatte einen ernsten Hintergrund: Yamal, der wie Williams erst spät eingewechselt wurde, hatte wegen einer Muskelverletzung seit April kein Spiel mehr bestritten. Bereits während der vergangenen Saison hatte es Anzeichen gegeben, dass der Körper des gerade mal 18-jährigen Überfliegers rebelliert. Seit der EM in Deutschland hat Yamal durchgepowert – zwei Saisons, immer wenn er konnte, durchgespielt: in der Meisterschaft, der Copa del Rey und der Champions League mit dem FC Barcelona – in der Nations League mit der Nationalelf. Bereits im Herbst, als er an einer Leistenverletzung laborierte, hatte sein Klub darum gebeten, ihn nicht mehr so oft in der Nationalelf spielen zu lassen. Auch Williams war angeschlagen zur WM gereist.Dies ist tatsächlich auch die Schattenseite der Ausweitung des WM-Formats: Die Belastung für die Spitzenspieler, die ohnehin am Anschlag ist, ist abermals erhöht worden. Viele Profis, die bei europäischen Spitzenvereinen spielen, erleben nach der EM 2026 und der Klub-WM 2025 ihren dritten Turniersommer in Folge und sind mit 60 bis 70 Pflichtspielen in den Knochen angereist. Ist es da ungewöhnlich, wenn ein Trainer wie de la Fuente an Belastungssteuerung denkt? Und ja – natürlich kann darunter das Niveau leiden.Die Erweiterung der WM sei „die schlechteste Idee, die jemals umgesetzt worden ist“, hatte Jürgen Klopp vor nicht allzu langer Zeit gesagt – als er noch wie ein Trainer gedacht hatte. „Dieses eine Spiel mehr...“, erklärte er nun, als vor einigen Tagen darauf angesprochen wurde – als WM-Experte. Dann erzählte er von der Begeisterung der Menschen auf Curaçao. Man muss sich schon entscheiden, was die Prioritäten sein sollen. Das neue Format hat einen Preis, der lässt sich nicht kleinreden.Doch zurück zu den schönen WM-Momenten. Den bislang mit weitem Abstand besten Fußball gab es beim 4:2-Sieg der Engländer über Kroatien. Es war das einzige Spiel mit zwei europäischen Mannschaften.
Fußball-WM 2026 – Neues Format: Hat Berti Vogts am Ende doch recht? - WELT
Erstmals wird die WM mit 48 Mannschaften gespielt. Die Erweiterung wurde massiv kritisiert. Nach einer Woche hat sich die Wahrnehmung verändert. Vermeintliche Außenseiter sorgten für Überraschungen. Doch ist es dadurch ein besseres Turnier?











