KommentarDie markante Vergrösserung der WM ist ein Erfolg: Mehr Fussball macht mehr Menschen glücklichAb Donnerstag spielen an der Fussball-Weltmeisterschaft erstmals 48 Nationen um den Titel. Die Erweiterung schadet dem sportlichen Niveau in der Vorrunde. Aber die gesellschaftlichen und ökonomischen Vorteile machen das mehr als wett.10.06.2026, 16.04 Uhr3 LeseminutenMehr Länder und mehr eingebundene Märkte bedeuten mehr Geld: Der Fifa-Präsident Gianni Infantino kennt die banale Erfolgsformel längst.Tony Gutierrez / APWer das Panini-Album vervollständigt, klebt über 860 Porträtbilder der WM-Spieler ein. Widmet man jedem nur fünf Sekunden Aufmerksamkeit, verstreichen über siebzig Minuten. Mehr Teams bedeutet: mehr Panini-Bilder kaufen und tauschen. Oder in der Kurzform: mehr Beschäftigung für Klein und Gross. Das Gewicht des fertig erstellten Panini-Albums nähert sich der 700-Gramm-Grenze.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit der Fussball-WM 2026 setzt sich fort, was in Fussball-Wettbewerben gang und gäbe ist: Die Veranstalter vergrössern das Teilnehmerfeld. Die Europameisterschaft wurde 2016 von 16 auf 24 Teams aufgestockt. Die Champions League wurde 2024 von 32 auf 36 erweitert, und die Fussball-WM der Frauen wird 2031 ebenfalls 48 Equipen umfassen. Plus 16 gegenüber dem Jahr 2027.Die Vorrunde wird zum Terrain der MinimalistenDamit einher geht eine sportliche Verwässerung, die an der Euro 2016 in Frankreich im Verlauf der Gruppenspiele sichtbar wurde. Doch die Kritik war nicht von langer Dauer, weil gesellschaftliche und finanzielle Aspekte die sportlichen obsolet werden lassen. Was 2016 für Europa galt, hat 2026 auf der Weltbühne Bestand: Die Gruppenspiele sind die Zeit der Fussball-Minimalisten. Den ersten Match gewinnen, danach taktieren und sich auf die K.-o.-Spiele vorbereiten.Neu starten 48 Teams in die WM, 104 statt wie bisher 64 Spiele sind zu sehen, der Anlass dauert eine Woche länger. Die K.-o.-Phase werden 32 Nationen in Angriff nehmen. Das sind exakt so viele, wie von 1998 bis jetzt um den WM-Titel gespielt haben. Die ersten Wochen sind demzufolge wie eine in das Turnier eingebettete Qualifikation.Die Schweizer treffen am Samstag zuerst auf die katarische Auswahl, die nur deshalb zugegen ist, weil auch die Asiatische Fussball-Konföderation mehr Verbände an die WM schicken darf. Der zweite Schweizer Gegner Bosnien ist nur dabei, weil den Europäern neu 16 statt 13 WM-Plätze zustehen. Manche wundern sich über die WM-Präsenz des schwedischen Nationalteams, das in der von der Schweiz gewonnenen WM-Qualifikationsgruppe abstürzte. Die Schweden wurden nur dank zwei Hintertüren zu WM-Reisenden. Im WM-Teilnehmerfeld finden jetzt selbst Versager Unterschlupf.Das sportlich zweifelhafte Jekami ist jedoch ein Vollerfolg. Dazu kann man dem Fussballer Musa al-Taamari zuhören. Dieser ist bei Stade Rennes in Frankreich unter Vertrag und berichtete vor ein paar Wochen bei einem Interviewtermin enthusiastisch, was die WM für sein Heimatland Jordanien bedeute. Erste WM-Teilnahme, Begeisterung auf den Strassen und vor den Bildschirmen in Amman. In Jordanien muss man niemandem erzählen, dass die WM-Teilnahme an Wert verloren hat.Gefühle fallen stärker ins Gewicht als ZahlenMehr Länder und mehr eingebundene Märkte sind auch für den Weltfussballverband (Fifa) gesellschaftliche und ökonomische Erfolgsgaranten. Allein mit den Medienrechten und im Sponsoring steigen die Einnahmen im Vergleich zu 2022 markant. Die Währung des Wachstums: nicht Millionen, sondern Milliarden US-Dollar.Noch mehr ins Gewicht als die nackten Zahlen fällt der emotionale Effekt. Die banale Erfolgsformel lautet: Mehr WM macht mehr Menschen glücklich. Am Ende ziehen alle mit. Die Play-offs um die letzten Plätze waren in vielen Ländern emotionale Höhepunkte. Die Beteiligten interessiert nicht, ob damit lediglich ein Teilnehmerfeld aufgefüllt wird.Das ändert nichts daran, dass zahlreiche WM-Gruppenspiele belanglos sein und in der Spielschwemme untergehen werden. Macht nichts. Der europäische Fussballverband hatte 2016 nach der Aufblähung der Euro schnell Argumente zur Hand. Die Niederlande hatten sich nicht einmal qualifiziert. Dafür stiess Island in die Viertel- und Wales in die Halbfinals vor. 2026 bleibt Italien der Jekami-WM fern, was ausserordentlich peinlich ist. Jetzt brauchen die Fifa und ihr Präsident Gianni Infantino nur noch Überraschungen. Usbekistan, Curaçao, Kongo, Panama, Haiti oder Kapverden, bitte vortreten.Passend zum Artikel