PfadnavigationHomeSportFußballWMElfenbeinküsteAnfangs barfuß, aber immer mit dem Traum von EuropaStand: 11:51 UhrLesedauer: 7 MinutenNach dem klaren Auftaktsieg gegen Curaçao sieht Ex-Nationalspieler Marcell Jansen die kommenden WM-Spiele als echten Härtetest für die deutsche Mannschaft. Vor allem gegen die Elfenbeinküste werde sich zeigen, wo das DFB-Team tatsächlich steht.Die Elfenbeinküste ist eine Talentschmiede des Weltfußballs. Doch während bei Deutschlands WM-Gegner mehr Spieler eine große Karriere schaffen, bleiben die Stadien in der Heimat oft leer. Eine Reise zu den Eliteakademien des Landes.Am Abend kommt Alexandre Coppolani in kurzer Trainingshose in die Bar. Ein gemeinsamer Freund hat in Abidjan den Kontakt zum Athletiktrainer von ASEC Mimosas, dem Serienmeister der Elfenbeinküste, vermittelt. Der Franzose, 33, bestellt ein Bier. Dann grinst er. „Schön, dass du jetzt da bist“, sagt er, „aber ich bin gerade entlassen worden.“Zwei Tage zuvor hatte Coppolani nach einem Spiel von Mimosas ein Interview gegeben, in dem er aussprach, was ohnehin jeder wusste. Die Schiedsrichter hätten absurde Elfmeter gegen einige Teams gepfiffen. In einigen Monaten wird der Verbandspräsident wiedergewählt, die ihn unterstützenden Teams sollten mit allen Mitteln in der Liga gehalten werden. „Der Verein weiß, dass ich recht habe, aber die wollen es sich nicht mit dem Verband verscherzen“, sagt er. „Deshalb soll ich gehen.“ Vielleicht würden sich die Gemüter auch wieder beruhigen. Das wisse man in der Elfenbeinküste nie so genau.Es ist ein kurioser Beginn einer Reise in das Land des zweiten Gegners der Deutschen bei der Weltmeisterschaft – an diesem Samstag trifft die DFB-Elf in Toronto auf den Afrikameister von 2024 (22.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT sowie bei MagentaTV und im ZDF). Die Elfenbeinküste dürfte der stärkste Konkurrent in der Gruppenphase sein. Das Team überraschte schon im letzten WM-Vorbereitungstest mit einem 2:1 in Frankreich und gewann das erste WM-Spiel durchaus verdient 1:0 gegen Ecuador. „Warum nicht nach dem Finale streben?“, übertrieb Trainer Emerse Faé im Vorfeld des Turniers.Einer der Väter des Erfolgs empfängt Besuch zwischen üppig gefüllten Pokalvitrinen und Fotografien aus Jahrzehnten ivorischer Fußballgeschichte. Francis Ouégnin, Vizepräsident des ivorischen Rekordmeisters Mimosas, hat sein Büro in einem eher unscheinbaren Bürogebäude in Abidjan. Auf einigen Bildern steht er neben den Klublegenden Yaya Touré und Salomon Kalou, die einst in Europa zu Weltklassespielern wurden. Kaum ein Verein in Afrika steht für derart erfolgreiche Nachwuchsarbeit.Ouégnin, ein bestens vernetzter Mann mit runder Brille und Kugelschreiber in der Hemdtasche, begrüßt Coppolani, der ein paar Treffen in der lokalen Fußballszene organisiert hat, mit herzlichem Handschlag. Von Verärgerung wegen des Interviews keine Spur. Auch der guten Arbeit des Athletiktrainers ist es zu verdanken, dass einige seiner Spieler für lukrative Ablösen nach Europa wechseln werden. Es ist immer noch nicht klar, ob der Korse nun gefeuert ist oder nicht.Die Geschichte von Didier Drogba und dem Ende des BürgerkriegsDer Funktionär will jetzt lieber über die Kraft des Sports reden. „Fußball steht hier über allem“, sagt Ouégnin, „die Politik interessiert die Menschen nicht. Es ist der Fußball, auf allen Ebenen.“ Und dann erzählt er, wie Didier Drogba, der wohl bekannteste Fußballspieler in der Geschichte des Landes, einmal eigenhändig einen Bürgerkrieg beendet habe.Lesen Sie auchIm Jahr 2005 war das Land zerrissen. Nach der Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland kniete Drogba mit Mitspielern vor laufenden Kameras nieder und appellierte an die Konfliktparteien, die Waffen schweigen zu lassen. „Vielleicht hatten die Spieler das untereinander besprochen, aber wir wussten nichts davon“, sagt Ouégnin, „wir waren alle sehr bewegt. Das hat die Menschen tief berührt.“ Danach hätten sich die Kriegsparteien angenähert. Der Bürgerkrieg endete. Nicht nur wegen der Geste, so sei angemerkt, aber sicherlich auch ein wenig ihretwegen.Auch Ouégnin ist stolz auf die aktuelle Nationalmannschaft, die sie hier alle nur „die Elefanten“ nennen. Und doch glaubt er, dass sich am Samstag Deutschland durchsetzen werde. „Deutschland wird die Gruppe gewinnen. Darüber gibt es nichts zu diskutieren“, sagt er. So dominant wie „zu Zeiten von Lothar Matthäus“ sei das Team allerdings nicht mehr. „Das ist nicht mehr die große deutsche Mannschaft, die wir früher kannten. Aber Deutschland kann jeden besiegen.“Mit Stolz wird er auf die vier Spieler im WM-Kader schauen, die Mimosas Nachwuchsakademien durchlaufen haben. Sie sind Zeugnis seines Geschäftsmodells. 90 Prozent des Budgets bezieht der Verein aus Transfers junger Spieler – kleinere Ligen wie die in Belgien und Schweden sind klassische Abnehmer von Talenten, zuletzt bedienten sich aber auch vermehrt große Premier-League-Vereine direkt. Hunderte Ivorer spielen in europäischen Profiligen. Für die besten werden bisweilen eine Million Euro Ablöse an die Ausbildungsvereine der Elfenbeinküste bezahlt.Aber Ouégnin verfolgt die WM-Spiele auch mit Wehmut. „In Nigerias Mannschaft gibt es sechs lokale Spieler, in Ghanas Team zwei oder drei“, sagt der Funktionär. „Bei uns keinen einzigen.“ Früher hätten Vereine wie ASEC davon profitiert, wenn ihre jungen Männer Nationalspieler wurden und dadurch an Marktwert gewannen. Bei Kalou und Touré sei das so gewesen. „Heute gehen die Spieler nach Europa und werden erst dort Nationalspieler.“ Die Wertsteigerung komme damit vor allem europäischen Vereinen zugute. „Der Nationaltrainer sucht gar nicht erst nach guten Spielern hier.“Dabei gibt es die zuhauf. Auf dem Trainingsgelände des Armeeklubs SOA etwa, wo Trainer Félix Kouadjo seine Mannschaft im strömenden Tropenregen Passübungen absolvieren lässt. Die jüngsten Spieler schleppen Gewichte und Hantelbänke auf den Rasen. Die meisten Spieler des Erstligaklubs sind Anfang zwanzig, einige noch jünger.„Fußball ist hier wie eine Religion“, sagt Kouadjo. „Alle Kinder träumen von der großen Karriere.“ Die talentiertesten Spieler kämen fast immer aus armen Vierteln. Dort werde auf staubigen Straßen gespielt, mit improvisierten Toren. „So entwickeln sie ihre Technik“, sagt der Trainer. Dieses Talent sei jedoch früher kanalisiert worden als in anderen afrikanischen Ländern. Schon Anfang der 1990er-Jahre entstanden die ersten professionellen Fußballakademien des Landes. Viele orientieren sich bis heute an der Philosophie des Franzosen Jean-Marc Guillou, Kinder zunächst barfuß trainieren zu lassen. Des Ballgefühls wegen. Über ein Netz an Turnieren landen die besten Jugendlichen mit 12 oder 13 Jahren in den Akademien. Diese arbeiten eng mit europäischen Vereinen zusammen. Entsprechend groß sind die Hoffnungen.Deutschland ist ein großes Ziel für die Talente der ElfenbeinküsteWer den Sprung nach Europa schafft, kann in wenigen Jahren mehr verdienen als seine Angehörigen in einem ganzen Leben. Ex-Stars wie Drogba haben ausufernde Anwesen im Abidjan-Edelviertel Beverly Hills. „Früher wollten die Eltern, dass ihre Kinder vor allem zur Schule gehen“, sagt Trainer Kouadjo. „Heute wollen viele, dass sie vor allem Fußball spielen. Das ist gefährlich. Von 1000 Spielern schafft es vielleicht einer.“Der Druck, den Sprung früh zu schaffen, ist entsprechend gewaltig. Moussa Koné, 17, versucht, sich ihn nicht anmerken zu lassen. Er scherzt mit seinen Teamkameraden des Meisterschaftszweiten FC San Pedro bei einer der letzten Trainingseinheiten der Saison. Die Spielzeit ist längst entschieden, es geht vor allem darum, dass sich der Kapitän der ivorischen U20-Nationalmannschaft nicht mehr verletzt.Die nächsten Wochen werden die wichtigsten seines Lebens. Koné wird im August 18 Jahre alt und könnte dann nach den Regularien des Weltverbandes Fifa zu einem europäischen Verein wechseln. Bereits zweimal durfte er sich im Probetraining empfehlen. Eine Entscheidung gibt es noch nicht. „Natürlich bin ich ein wenig nervös“, sagt er, „das ist ein sehr wichtiger Moment für mich und meine Familie.“Deren Hoffnungen begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Ein älterer Bruder schaffte den Durchbruch nicht. Nun ruhen viele Erwartungen auf Koné, der zweimal täglich trainiert und in der Akademie des Vereins lebt. Deutschland, sagt er, sei ein Traumziel – dort steht bei Hoffenheim in Bazoumana Touré einer der aktuell besten Spieler seines Landes unter Vertrag. „Aber das wird schwierig“, gibt Koné zu.Drei Jahre bleiben ihm für den großen Sprung, danach schließt sich das Zeitfenster für einen Transfer langsam. Und damit für die großen Träume. Denn die örtliche Liga ist kaum mehr als ein Schaufenster talentierter Stars der Zukunft. Als der Meister ASEC Mimosas sein letztes Ligaspiel bestreitet, stehen drei minderjährige Spieler in der Startelf, die so für künftige Transfers empfohlen werden sollen. Gekommen sind gerade einmal 500 Zuschauer.„Bei vielen Spielen sind leider noch weniger da“, sagt Athletiktrainer Coppolani auf der Tribüne des vor drei Jahren aufwendig renovierten Stadions, „die Liga ist einfach schlecht gemanagt.“ Die meisten Spieler verdienen nur wenige Hundert Euro monatlich.Es ist sein letztes Spiel in Diensten des Vereins, die Spieler haben sich mit Umarmungen verabschiedet, die Fans mit Sprechchören. Seine Entlassung aber bleibt bestehen. Er müsse das verstehen, haben ihm die Vereinsbosse erklärt. Die Beziehungen zum Verband seien einfach zu wichtig. Doch da hat Coppolani ohnehin schon längst einen neuen Job. Im Berufsverkehr von Abidjan hat er in seinem Auto ein paar Kontakte angerufen, dann war er Athletiktrainer von Angolas Nationalmannschaft.Es ist das achte afrikanische Land, in dem er unter Vertrag stehen wird. Coppolani gilt nach sechs Meistertiteln als einer, der Talente für den Sprung nach Europa fitmachen kann. Solche Leute sind gefragt.