Nach der Sommersonnenwende am Sonntag werden die Tage wieder kürzer. Für die deutsche Nationalmannschaft werden zugleich die spielfreien Tage zwischen den Partien dieser Fußball-Weltmeisterschaft weniger.Lagen zwischen dem Auftakt gegen Curaçao (7:1) und dem zweiten Duell mit der Elfenbeinküste noch fünf Tage ohne Spiel, sind es zwischen dem 2:1 vom Samstag und der finalen Gruppenpartie gegen Ecuador am Donnerstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) nur vier Tage ohne Spiel. Bis zum Sechzehntelfinale am Montag danach schrumpft die Pause gar auf drei Tage.„Es gibt Kraft, wenn wir unsere Familien sehen“Den sanften Einstieg ins Turnier haben die Deutschen seit Samstag hinter sich, mit dem Spiel gegen die Elfenbeinküste haben sie die Härten einer WM kennengelernt – nicht nur, was die enger werdende Taktung ihrer Spiele angeht.Am gewohnten Ablauf bei einem Turnier ändert Julian Nagelsmann für die Nationalspieler dennoch nichts. Wie schon bei der EM stand am Tag nach der Partie für diejenigen, die nicht oder nur kurz zum Einsatz gekommen waren, ein Spielersatztraining an, alle anderen regenerierten. An diesem Montag ist wieder ein freier Tag für Besuche eingeplant.Für den Bundestrainer kam nicht infrage, diesen Ablauf zugunsten von mehr Training zu opfern. „Es gibt den Jungs Kraft, es gibt uns allen Kraft, wenn wir unsere Familien sehen“, sagte er nach dem kraftraubenden 2:1-Sieg über die Elfenbeinküste in Toronto, ehe es für den Tross noch am Abend mit dem Charterflugzeug zurück ins Quartier nach Winston-Salem in die USA ging.Am Mittwoch steht dort eine Trainingseinheit zur Vorbereitung auf Ecuador an, am Donnerstag folgen schon das Abschlusstraining und der Flug nach New York. „Die Jungs sind das gewohnt“, sagte Nagelsmann. „Die Familie gibt uns etwas und nimmt uns auf jeden Fall nichts.“Auch in New York wartet keine extreme HitzeEine kräftezehrende Komponente dieser WM haben die Deutschen, abgesehen von den Trainingseinheiten in der Hitze von North Carolina, aber noch nicht kennengelernt. Gegen Curaçao spielten sie in Houston in einem klimatisierten Stadion mit geschlossenem Dach. In Toronto herrschten im Spiel angenehme 21 Grad im offenen Stadion, es wehte Wind, die Sonne verschwand teils hinter Wolken. Auch für das Ecuador-Spiel werden keine extremen Bedingungen erwartet: In New York soll es am Donnerstag 27 Grad warm werden, möglicherweise regnet es sogar ein wenig.Dafür spürten die Deutschen am Samstag etwas anderes mit voller Wucht. Die Elfenbeinküste stellte Nagelsmanns Elf vor eine Kraftprobe, die die Mannschaft vom Ergebnis her zwar am Ende durch Deniz Undavs zwei Tore erfolgreich bestand, die aber auch verdeutlichte, dass den Deutschen für ein reines Muskelspiel die Kraft fehlt.Dass Fußball nicht nur mit Füßen und Kopf, sondern mit dem ganzen Körper gespielt wird, bewies der Gegner, wie von Nagelsmann prognostiziert. Vor dem Spiel hatte er nicht nur auf die ivorischen Sprinter verwiesen. „Sie haben alle eine gute Körperlichkeit“, sagte er und attestierte Mittelfeldspieler Franck Kessié sogar eine „brutale Körperlichkeit“. Die brauchte er beim Führungstor nicht einmal einzusetzen, er schob den Ball freistehend ein.In vielen anderen Szenen allerdings prallten die Deutschen an seinem Körper und denen anderer Ivorer wie beim bekannten Doppelballversuch, dem physikalischen Experiment, bei dem ein großer Ball seine Bewegungsenergie beim Aufprall auf den Boden fast vollständig auf einen darüberliegenden kleinen überträgt, der daraufhin in die Höhe schießt.„Das wird uns schon vor Probleme stellen“, hatte Nagelsmann geahnt und lag richtig. „Wir müssen ihnen möglichst viele Stärken wegnehmen.“ Leichter gesagt als getan, zumal Schiedsrichter Juan Gabriel Benitez aus Paraguay bei Körpereinsatz nicht häufiger als unbedingt nötig pfiff.Die Deutschen lassen sich in Duelle verstrickenVor allem im Kraftzentrum des deutschen Spiels zeigten sich Schwächen. Aleksandar Pavlović war, wie fast immer, stark im Passspiel. Doch in direkten Duellen, in die sich die deutschen Mittelfeldspieler zu oft verstricken ließen, wirkte er bisweilen wie ein Jugendspieler unter Erwachsenen.Dabei hat er beim FC Bayern schon an Muskeln zugelegt. Nagelsmann nahm ihn in seiner Zeit als Münchner Trainer als „ein bisschen kindlicher“ wahr. „Jetzt ist er richtig robust geworden, hat viel an seinem Körper gearbeitet.“ Doch die Gegner aus der Elfenbeinküste spielten körperlich immer noch eine Liga höher. Eine, der auch künftige Gegner angehören können.Auch andere hatten mächtig mit den Kräften zu kämpfen, die auf dem Rasen wirkten. Einer, der nicht nur dagegen-, sondern mithalten konnte mit den Muskelpaketen beim Gegner, war Felix Nmecha. Der offensive Nebenmann von Pavlović auf der Doppelsechs im defensiven Mittelfeld rannte nicht nur mit raumgreifenden Schritten nach vorne, nach links, nach rechts und nach hinten, wo er Nathaniel Brown bei einer Eins-gegen-eins-Lage gegen Amad Diallo mit seiner beeindruckenden Körperlichkeit zur Seite sprang.Nagelsmann zapft die deutsche Powerbank anDass subjektiv empfundene Robustheit nicht immer objektiv festgestellten Zahlen entspricht, bewies die Statistik. Zwar erschienen die Ivorer den Deutschen meistens ein Muskelpaket überlegen, von 94 Zweikämpfen gewannen sie letztlich aber mit 52 Prozent doch nur unwesentlich mehr.Das lag auch etwas an der Energiequelle, die der Bundestrainer nach einer Stunde anzapfte: die deutsche „Powerbank“. Denn, so sein Eindruck, habe in den Minuten nach der Pause „ein bisschen die Power gefehlt“.Nagelsmann brachte Undav, Jamie Leweling und Nadiem Amiri mit vollem Akku. Vor allem Undav, der Bauch-Beine-Po-Stürmer, stellte den Spielern der Elfenbeinküste eine deutlich größere Körperlichkeit entgegen als der für ihn ausgewechselte Jamal Musiala.„Ich bin nicht groß, aber ich bin körperlich stark“, hatte Undav im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. „Körper gegen Körper, da bin ich schon sehr selbstbewusst.“ Zu Recht, wie er abseits seiner Treffer eindrucksvoll bewies.