PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaftPlötzlich Schlüsselfaktor für den deutschen ErfolgStand: 11:00 UhrLesedauer: 7 MinutenDie deutsche Nationalmannschaft sorgt schon in der ersten Hälfte für klare Verhältnisse gegen Curacao. Nmecha trifft sehenswert per Schlenzer, Schlotterbeck per Kopf und Havertz per Elfmeter. Sehen Sie die Treffer hier im Video.Felix Nmecha drohte wegen einer Verletzung die WM zu verpassen. Mit Privattrainern machte er sich fit. Und ist bislang einer der besten Deutschen. Doch der Dortmunder liefert auch Angriffsfläche.Nach Tagen voller Hitze kam es zu Dienstbeginn mal so richtig runter. Dienstagvormittag zog während des Trainings der Fußball-Nationalmannschaft ein heftiger Regenschauer über das Spry Stadium bei Winston-Salem. Mit Deutschland-Kappe und in schwarzer Regenjacke verfolgte Bundestrainer Julian Nagelsmann die Einheit seiner Mannschaft. Nach dem Turnierausfall von Nico Schlotterbeck waren alle verbliebenen 22 Feldspieler und vier Torhüter dabei. Nagelsmann muss für das letzte Gruppenspiel am Donnerstag (22 Uhr, im Liveticker der WELT und bei MagentaTV sowie ARD) im Endspielstadion von East Rutherford die Spannung hochhalten. Der Einzug in die Zwischenrunde und der erste Platz in der Gruppe E sind sicher. Der Gegner im Sechzehntelfinale – ein Gruppendritter – steht noch nicht fest. Erst Serge Gnabry, dann Lennart Karl, nun Schlotterbeck – Nagelsmann muss Ausfälle besonderer Spieler verkraften. Nach der Verletzung Schlotterbecks wird Felix Nmecha nun noch wichtiger. Schlotterbeck war für den Spielaufbau sehr wichtig. Jetzt lastet noch mehr Verantwortung auf Nmecha. Der Mittelfeldprofi von Borussia Dortmund ist mit Stürmer Deniz Undav bislang der beste deutsche Spieler bei der WM. Das sagte auch MagentaTV-Experte Robert Andrich, der bei der EM 2024 noch auf Nmechas Position in der Nationalelf spielte und jetzt nicht mehr zum Kader der Deutschen gehört.Mit Aleksandar Pavlović (22 Jahre/13 Länderspiele) bildet Nmecha die Schaltzentrale im deutschen Spiel. Manche nennen es auch Maschinenraum. Der 25-Jährige kommt erst auf zehn Länderspiele – und ist doch schon ein Schlüsselfaktor für den Erfolg der Deutschen bei diesem Weltturnier. Lesen Sie auchInnerhalb weniger Wochen ist er zu einem sogenannten Ankerspieler geworden. Der Bundestrainer vertraut dem jungen Duo im zentralen Mittelfeld und sieht in ihm die Zukunft der Mannschaft. „Er bringt alles mit, um jedes Spiel zu entscheiden“, sagt Nagelsmann über Nmecha. Die kommenden Tage und Wochen und seine Leistungen dürften Auswirkungen auf seine Zukunft in der Nationalelf sowie auf Klubebene haben – und die Personalplanungen seines Klubs BVB.Nmecha war auch an zwei Gegentoren beteiligtAm Rande des Trainingsplatzes auf dem Gelände der Wake Forest University stehen jeden Tag bis zu hundert deutsche Journalisten. Einige von ihnen berichten seit rund drei Jahrzehnten über die Nationalelf. Sie haben viele Spieler kommen und gehen sehen. Ein Spieler mit einer Athletik wie Nmecha ist auch ihnen neu. Enorm austrainiert. Mit 1,90 Metern sehr beweglich. Und auch gedanklich sehr schnell, das fällt bei jeder Übung auf.Dabei stand Nmechas WM-Teilnahme phasenweise auf der Kippe. Vor drei Monaten erlitt er eine Außenbandverletzung. Er arbeitete hart in der Reha und kehrte zum Saisonendspurt zurück. Und absolvierte vor dem Turnier ein privates Trainingslager in Portugal, reiste mit fünf Trainern und Betreuern in den Süden.Nmecha ist ein besonderes Element in Nagelsmanns WM-Plan. Er erobert den Ball. Er leitet Angriffe ein, erkennt die richtigen Räume und kann das Spiel lesen. Er kann ein Anführer sein. Sein raumgreifendes Spiel ragt heraus. „Felix und ich verstehen uns auf und neben dem Platz top“, sagt Pavlović. „Er ist ein Top-Top-Fußballer, der offensiv und defensiv sehr gute Arbeit leistet. Am meisten Spaß macht es, mit ihm so Tiki-Taka-Kombinationen zu machen.“ Auch Kapitän Joshua Kimmich, der beim FC Bayern auf Nmechas Position „auf der Sechs“ spielt, ist beeindruckt: „Das ist einer der talentiertesten Spieler, die wir haben. Extreme Physis, sehr schnell, sehr robust, auch technisch für seine Größe überragend. Er ist ein sehr kompletter Spieler – und wertvoll für uns.“Doch Teil Nmechas bisheriger WM-Statistik ist auch dies: zwei deutsche Gegentore, zweimal war er beteiligt. „Wer Felix Nmecha zusieht, der erkennt, was Deutschland kann – und was nicht“, schreibt der „Spiegel“. Lesen Sie auchBeim 2:1 gegen die Elfenbeinküste am vergangenen Samstag war Nmecha der schnellste aller Spieler auf dem Rasen. Topspeed: 35 km/h. Er kam in den ersten beiden Partien zudem auf die meisten Balleroberungen in direkten Duellen. Doch im Umschaltspiel läuft es bei der deutschen Mannschaft und auch bei Nmecha längst nicht immer optimal. Sein Stellungsspiel in der Defensive war bei dieser WM bislang noch nicht immer Weltklasse. Er und Pavlovic haben noch nicht sehr oft zusammen gespielt. Möglicherweise wird Nagelsmann nach dem Ausfall Schlotterbecks taktische Anpassungen vornehmen, Nmecha könnte sich tiefer fallen lassen. Doch seine Wucht und Dynamik in der Offensive sind enorm wichtig.Spätestens nach der Vorrunde wird sich zeigen, wie reif die Schaltzentrale des deutschen Spiels ist. Wie weit diese Mannschaft ist.Über Felix Nmecha wird in diesen Tagen also viel gesprochen – nicht nur aus sportlichen Gründen. Nmecha gehört dem Netzwerk „Ballers in God“ an. In der Debatte um den auch auf dem Rasen ausgelebten Glauben des Spielers geht Bernd Neuendorf nicht davon aus, dass Nmecha homophobe und transfeindliche Einstellungen hat. „Wir haben seinerzeit diese Berichterstattung im DFB auch verfolgt, wir haben seine Einlassungen dazu gehört. Er hat das zurechtgerückt, auch sich klar positioniert und distanziert von solchen Vorwürfen der Homophobie“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei RTL/ntv.Bernd Neuendorf glaubt seinen BeteuerungenNeuendorf beteuerte auf Nachfrage, dass er Nmecha aus voller Überzeugung glaube. „Ja, das würde ich schon so sagen. So wie ich ihn kenne oder erlebe, das sehe ich so.“ In der Vergangenheit hatten Social-Media-Posts von Nmecha mehrfach auch Kritik ausgelöst.BVB-Fans hatten sich 2023 gegen seine Verpflichtung ausgesprochen, weil der damalige Spieler des VfL Wolfsburg in den sozialen Medien Inhalte geteilt hatte, die als homophob und queerfeindlich ausgelegt worden waren. Der bekennende Christ hatte sich gegen die Vorwürfe gewehrt und betont, dass er weder homophob noch transphob sei.Nach dem 7:1 beim deutschen WM-Auftakt gegen Curaçao hatten Nmecha, Verteidiger Jonathan Tah und einige Gegenspieler auf Initiative Nmechas einen Gebetskreis gebildet. Die Szene in Houston hatte für Aufsehen gesorgt. Bei Instagram schrieb Nmecha nach dem Auftaktsieg zu Bildern vom Spiel: „Thank you Jesus!“ Der DFB-Spieler spricht öffentlich oft über seinen christlichen Glauben und persönliche Ansichten.Lesen Sie auchNeuendorf geht davon aus, dass Nmecha mit seinem Glauben eine positive Intention verfolge und für Menschlichkeit sowie Respekt stehe: „Das nehme ich ihm hundertprozentig ab. Er ist wirklich, glaube ich, ein sehr sensibler Mensch und steht für diese christlichen Werte. Das ist ja zunächst mal etwas Positives.“Nmecha hat sich mit seinen starken Auftritten bei der WM auf die Listen der europäischen Topklubs gespielt. Manchester City, Manchester United sowie der FC Liverpool haben sich nach Informationen dieser Redaktion nach ihm erkundigt. Auch Real Ma­drid gilt als interessiert. Zudem kontaktierte Max Eberl, Sportvorstand des FC Bayern, die Spielerseite, um auszudrücken, dass es sich bei Nmecha um einen sehr interessanten Spieler handele. Dass sich der deutsche Fußball-Rekordmeister bereits in diesem Sommer auf der Nmecha-Position verstärkt, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Dem BVB könnte ein Ablöse-Poker bevorstehen. Nmecha, der seinen Vertrag im vergangenen März bis 2030 verlängerte, hat darin eine Ausstiegsklausel verankert, die jedoch erst ab Sommer 2027 greift. Er wäre dann offenbar für eine fixe Ablöse zu bekommen, die bei rund 80 Millionen Euro liegen soll. Ein Jahr später wären es noch rund 70 Millionen Euro.In diesem Sommer ist der Preis noch frei verhandelbar. Die Dortmunder Klubbosse wollen Nmecha halten. Bei einer Offerte von über hundert Millionen Euro müssten sie aber wohl mindestens nachdenken. Die hohen Personalkosten des börsennotierten Klubs (rund 268 Millionen Euro pro Jahr) verpflichten die Verantwortlichen im Grunde, alle zwei bis drei Jahre eine stattliche Ablösesumme einzunehmen – so wie vor drei Jahren, als Jude Bellingham für rund 127 Millionen Euro (inklusive Boni) zu Real Madrid wechselte. Nmecha soll einen Abgang im Sommer nicht ausschließen.Zunächst liegt sein Fokus auf dem Spiel gegen Ecuador und dem folgenden Sechzehntelfinale. So umstritten er mitunter ist – Felix Nmecha kann es auf der größten Fußballbühne der Welt in diesem Sommer zu einem teuren Star schaffen.„Wir müssen einfach Spiel für Spiel weitermachen“, sagt er über den weiteren Turnierverlauf. „Und so gut wie möglich die WM spielen.“Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp drei Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.