Die Weltmeisterschaft ist erst eine gute Woche alt, aber aus Sicht der deutschen Nationalmannschaft hat sie schon Bilder geliefert, wie man sie noch nie gesehen hat. „Schöne Bilder, oder?“, fragt Antonio Rüdiger dazu in den Raum, als er am Mittwoch bei der Pressekonferenz in Winston-Salem darauf angesprochen wird.Rüdiger, der Abwehrspieler von Real Madrid und Vizekapitän im Nationalteam, wird gewusst haben, dass er über diese Bilder sprechen soll. Er selbst hat auch schon mehrmals zum Ausdruck gebracht, wie wichtig ihm das ist, worum es dabei geht. Glaube, Religion.Insofern darf man davon ausgehen, dass sie auch im Medienteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vor der Pressekonferenz gesprochen haben. Aber weil Rüdigers Blick geradezu zu leuchten scheint, als er über Felix Nmecha und die Bilder der miteinander im Gebet vereinten Nationalspieler aus Deutschland und Curaçao sprechen soll, kann man sich beides vorstellen: Dass das, was er dazu sagt, eine Abwehraktion ist, aber auch, dass ihm das, was in Houston zu sehen und zu hören war, gefallen hat.Er kam mit der Bibel unterm Arm ins StadionAber kann man sich auch vorstellen, dass diese Szene wirklich nur für sich sprach? Dass sie hinterher in der Mannschaft gar kein Thema war, obwohl es so etwas noch nie gegeben hat? „Also ehrlich gesagt“, antwortet Rüdiger, der Abwehrspieler, auf die entsprechende Nachfrage, „mehr Thema war seine geile Leistung.“Es ist eine besondere Koinzidenz, dass der Spieler, der wie kein anderer vor ihm in der Nationalmannschaft seinen Glauben zeigt, zugleich derjenige ist, dem auf dem Spielfeld ein Glaube entgegengebracht wird, wie schon lange keinem mehr vor ihm. Und das nicht erst seit dem WM-Auftakt gegen Curaçao, als der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund mit der Bibel unterm Arm ins Stadion gekommen ist, später das Führungstor geschossen hat und sich direkt danach auf den Rasen gekniet und so getan hat, als würde er sich eine Krone vom Kopf nehmen und vor sich ablegen.Krone ab: Felix Nmecha zelebriert sein Tor gegen Curaçao.AFPWas Julian Nagelsmann von ihm erwartet, hat er vor ein paar Wochen bei der Nominierung der WM-Mannschaft formuliert. Nmecha war einer der Gründe, warum der Bundestrainer den Termin dafür um eineinhalb Wochen verschoben hatte. Er hatte abwarten wollen, ob Nmecha rechtzeitig fit würde nach einem Außenbandriss im Knie aus dem März dieses Jahres.Als es so weit ist, sagt er: „Das ist ein Topspieler, der alles mitbringt, einer der besten Mittelfeldspieler der Welt zu werden, der hat so viel Talent, so viel Speed, so viel Dynamik. Er wird uns extrem helfen, ein gutes Turnier zu spielen.“ Er sagt auch: „Einen Weltklassespieler haben wir schon mal gewonnen.“Weil das in diesem Moment auch für seine Verhältnisse überraschend forsch wirkt, kann man meinen, dass es Nagelsmann nicht nur darum geht, dass die Reporter das hören. Sondern auch darum, dass Nmecha selbst das glaubt. Weil es, wenn die deutsche Mannschaft Weltmeister werden will, schon auch Weltklasse im Zentrum oder zumindest eine Annäherung daran brauchen wird.Was man darüber vor dem zweiten Gruppenspiel an diesem Samstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF oder bei Magenta TV) in Toronto gegen die Elfenbeinküste sagen kann: Dass im deutschen Zentrum die Phantasie dafür steckt. Als am Tag vor Rüdiger Kapitän Joshua Kimmich im Hörsaal der Wake Forest University sitzt, bekommt man eine Ahnung, warum das so sein könnte.Von Aleksandar Pavlović schwärmt Kimmich, weil der so eine kindliche Freude am Fußball habe: „Den kannst du wirklich nachts um zwei wecken und mit ihm Fußball spielen, weil das einfach für ihn das Größte ist.“ Von Nmecha schwärmt er, weil der „ein sehr, sehr kompletter Spieler“ sei. „Er hat eine extreme Physis, ist sehr, sehr schnell, sehr robust, ist technisch auch für seine Größe wirklich überragend.“Der Kindliche und der Kantige? Man muss schon hinzufügen, dass auch Pavlović bei aller spielerischen Selbstverständlichkeit seiner Pässe zumindest etwas Eckiges hat, und Nmecha wirklich so viel Feingefühl in den Füßen wie wenige andere, die vergleichbare Rollen in vergleichbaren Mannschaften spielen.Als Sami Khedira, einer der Zentrumsspieler der deutschen Weltmeistermannschaft von 2014, ein paar Wochen vor der WM über das Zentrum der deutschen Weltmeisterschaftsmannschaft von 2026 spricht, sagt er über Nmecha: „Für mich ist er der kompletteste Mittelfeldspieler, von seiner Dynamik, von seiner Power, von seiner Technik.“ Und: „Zusammen mit Pavlović, der für mich auf dem Weg Richtung Weltspitze ist, wäre das die beste Mischung.“Eine bessere sogar als jene, mit der der FC Bayern die Bundesliga dominiert hat und ins Halbfinale der Champions League vorgedrungen ist. „Klar, Pavlović und Kimmich, das funktioniert“, sagt Khedira, „aber auf einem absoluten Top-Niveau, wie gegen PSG, hat man gesehen, dass sie sich vielleicht ein bisschen zu ähnlich sind.“Khedira sagt das bestimmt auch, weil Nmecha ihn ein bisschen an den jungen Khedira erinnert. Aber unabhängig davon hat sich mit Nmecha etwas verändert im deutschen Team. Bislang war die Frage, ob Kimmich im Zentrum oder als Rechtsverteidiger wertvoller ist, immer diejenige, wo die Mannschaft am ehesten friert oder nicht friert, wenn einer an der Decke zieht.Jetzt lässt sich über das deutsche WM-Bett nicht nur das berichten, was Rüdiger am Mittwoch dazu scherzhaft erzählt: Dass er die meiste Zeit in Winston-Salem dort verbringt und sehr gut darin schläft. Sondern auch, dass es das gute Gefühl vermittelt, jetzt mit einer King- oder zumindest Queen-Size-Decke ausgestattet zu sein.Ob das allerdings schon Anlass zu schönsten Träumen gibt, ist eine andere Frage. Denn was man über das deutsche Zentrum auch sagen muss: Dass es erst 273 gemeinsame Minuten unter einer Decke steckte, und das auch nicht gegen Frankreich, Argentinien oder Spanien, sondern gegen Luxemburg, Finnland, die USA und Curaçao.Das neue deutsche Zentrum: Felix Nmecha (links) und Aleksandar Pavlović.AFPOb man glaubt, dass die deutsche Mannschaft weit kommt bei dieser WM, hängt also auch sehr davon ab, ob man an das sehr begabte, aber gemeinsam sehr unerfahrene Duo Pavlović/Nmecha glaubt – und daran, ob es binnen einer Weltmeisterschaft zu Weltformat wachsen kann.Als die deutsche Mannschaft sich Anfang Juni in Chicago auf das Turnier vorbereitet, wird İlkay Gündoğan, der Kapitän der EM-Mannschaft von 2024 danach gefragt. Zwar äußert er sich grundsätzlich sehr positiv über die deutsche Mannschaft, der er eine „große Überraschung“ zutraue. Aber er deutet auch an, dass dazu im Zentrum aus Phantasie erst Realität werden muss.„Ob das reicht oder nicht, ist schwierig zu bewerten momentan“, sagt Gündoğan. „Wir haben viele Spieler, die neu in diese Rolle reinkommen, die das noch beweisen müssen. Aber es gibt das Potential dafür, dass es reichen kann.“ Mit anderen Worten: Noch gibt es einen Unterschied zwischen dem, woran Gündoğan glaubt, und dem, was er erst sehen muss.Was man in der ersten Woche des Turniers beim Blick auf die anderen Teams gesehen hat, die bis zur letzten Woche bleiben wollen: dass es so eine unerprobte Zentrumskonstellation wie in der deutschen Elf sonst nicht gibt. Die Argentinier spielen dort mit den Weltmeistern Alexis Mac Allister und Enzo Fernández. Die Spanier mit den Europameistern Rodri, Fabián und Pedri. Die Portugiesen mit den Champions-League-Siegern Vitinha und João Neves.Nmecha lässt seinen Glauben ins Spiel kommenUnd selbst wenn ein Spieler aufgestellt wird, der eher für eine Phantasie steht, wie der 23 Jahre alte Engländer Elliot Anderson, wird sehr genau darauf geachtet, dass er an seiner Seite mit Declan Rice einen Spieler hat, der in der Realität der Anker des FC Arsenal war, der Mannschaft, die die Premier League gewonnen hat.Felix Nmechas Karriere in der Nationalmannschaft beginnt vor gut drei Jahren, als Nagelsmanns Vorgänger Hansi Flick ihn das erste Mal nominiert. Wenn man darauf zurückschaut, muss man sagen, dass es auch in diesem Moment eine besondere Koinzidenz gibt. Weil es im Frühjahr 2023 nicht nur darum geht, dass Flick an ihn glaubt. Sondern auch darum, dass Nmecha seinen Glauben, sein evangelikales Weltbild, auf eine Weise ins Spiel kommen lässt, die für Gesprächsbedarf sorgt und das bis heute noch tut.Kurz vor der Nominierung teilt Nmecha einen Instagram-Post des rechtskonservativen US-Kommentators und Autors Matt Walsh, der sich darin über den Vater eines Trans-Kindes lustig macht. Nmecha spricht danach davon, dass er den Post bereue, und distanziert sich von trans- oder homophoben Positionen.In Deutschland wird seine Botschaft sehr unterschiedlich rezipiertIm September 2025, nach seinem Wechsel zur Borussia, teilt Nmecha ein Foto des ermordeten Aktivisten Charlie Kirk, der Donald Trumps MAGA-Bewegung nahestand und dessen Tod von dieser auch ausgeschlachtet wird. Nmecha erklärt, er habe sein Mitgefühl mit der Familie zum Ausdruck bringen wollen, sei aber mit „einer Reihe von Dingen, für die Kirk stand“, nicht einverstanden. Es ist genau genommen eher eine Relativierung als eine Distanzierung, in Dortmund aber will man das im Gesamtbild, das der Klub von Nmecha gewonnen hat, nicht zu schwer gewichten.Die Frage ist trotzdem: Ob man diese Bilder trennen kann von denen, die jetzt um die Welt gehen?Wenn man sich heute beim DFB danach erkundigt, hört man, dass das alles kein Thema sei: alte Geschichten. Nmecha habe sich distanziert und im Übrigen nichts getan, was ins Justiziable gehen würde. Alles, was von den Grundwerten gedeckt sei, sei auch in der Mannschaft okay. Ein Gespräch mit ihm vor der WM dazu habe es nicht gegeben. Rüdiger, selbst ein bekennender Muslim, sagt: „Wir leben in einem Land, wo wir von Meinungsfreiheit und Glaubensfreiheit reden. Also sehe ich da kein Problem. Die Bilder sind schön.“Aber natürlich verfolgt der DFB auch in Winston-Salem, was in Deutschland passiert. Dort wird Nmechas fromme Botschaft sehr unterschiedlich rezipiert, und wenn man manche publizistischen Positionen verfolgt, kann man fast von einem Glaubenskrieg um ihn sprechen.Ob der Verband will oder nicht: Nmecha, der auch dem missionarischen Fußballer-Netzwerk „Ballers in God“ angehört, hat sich als Symbolfigur mitten auf ein Spielfeld gestellt, auf dem es kompliziert zugeht, und das in einem Land, in dem der Glaube eine nicht unwesentliche Rolle bei der Grundierung des Politischen spielt. Schöne Bilder mag man beim DFB, bei politischen geht der Verband sonst eher in Abwehrhaltung.Auch deshalb ist es bemerkenswert, dass Nmecha selbst so viel darüber spricht. Nach dem Spiel in Houston, als er der ARD sagt: „Wir sind im Spiel Gegner und nach dem Spiel sind wir Christen und Brüder. Da haben wir einfach ein kleines Gebet zusammen gemacht, weil wir sind sehr dankbar […] und glauben, dass Jesus verherrlicht wird durch das Spiel.“ Und auch im DFB-Camp in Winston-Salem, wo er bislang zwar beinahe als Einziger der Stammkräfte noch nicht auf einer Pressekonferenz erschienen ist, aber vor der Kamera von „Sky“.Er spricht über den sportlichen Glauben, der in ihn gesetzt wird. Er spricht auch über den Glauben, den er verbreiten will, darüber, dass er das Treffen zum Gebet schon vor dem Spiel verabredet habe. Und er sagt, dass beides, der Glaube an ihn und der Glaube an Gott, im Grunde ein und dasselbe sei: „Ich habe sehr viel Glauben an mich und in die Gabe, die Gott mir gegeben hat.“Nach dem, was trennen könnte, wird er nicht gefragt.
Fußball-WM 2026: Felix Nmechas Mission im DFB-Team
Felix Nmecha ist der Nationalspieler, der wie kein anderer seinen Glauben zeigt. Und zugleich ist er der, an den das deutsche Team am meisten glauben muss.











