An der WM rudern die Norweger und präsentieren sich als Wikinger – dieses Bild stösst aber in der Öffentlichkeit auch auf KritikNorwegen spielt erstmals seit 1998 an einer WM und zieht in den Sechzehntelfinal ein. Bei Toren der Nationalmannschaft schlagen bisweilen sogar Seismometer aus.Aldo Keel26.06.2026, 15.21 Uhr3 LeseminutenZwei norwegische Fans mit Wikinger-Helmen im Gruppenspiel gegen Senegal.Mike Segar / ReutersErstmals seit 1998 hat sich Norwegen für die Fussball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Tausende Fans reisten in die USA. In den Stadien bilden sie eine mächtige rote Wand. Sie rudern mit den Armen und schreien im Takt: «Rudert!» Alle rudern. Vor ein paar Tagen ruderte auch das Parlament unter dem Kommando seines Präsidenten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nachdem das Team die Gruppenphase glorios überstanden hat, kennt die Begeisterung kein Halten mehr. Daran wird auch der Ausgang des abschliessenden Gruppenspiels gegen Frankreich am Freitagabend nichts ändern.Das Seismometer der Universität Bergen, das Erdbeben misst, schlug bei den drei norwegischen Toren gegen Senegal so kraftvoll aus, dass die Professorin am Institut für Geowissenschaften nur noch staunte – der Urschrei einer Nation! Nach dem Spiel trommelte eine Menschenmenge vor dem Schloss den greisen König Harald V. aus dem Schlaf, der mitteilen liess, dass er sich über den Sieg freue. Der Premierminister wiederum postete ein Selfie, das zeigt, wie er im Bett das Spiel verfolgt. In den TV-Nachrichten waren minutenlang vor Enthusiasmus brüllende und hüpfende Norweger in mehreren Städten des Landes zu sehen.«Saublöd, exkludierend und chauvinistisch»«The Vikings Are Coming!» Die Norweger verkaufen sich in den USA als Wikinger. Schliesslich waren es Wikinger, die Amerika Jahrhunderte vor Kolumbus entdeckten. Das Teamfoto der Nationalmannschaft zeigt die Spieler als Wikinger an einem idyllischen Fjord mit allem, was echte Wikinger ausmacht: Schwert, Schild, Helm, Wikingerhorn. Im Fjord ein Wikingerschiff. Die Namen der Spieler prangen auf den Trikots in einer Runenzeichen nachempfundenen Schrift.Als der Fussballverband das Wikingerthema im Hinblick auf die Weltmeisterschaft Anfang Juni präsentierte, hagelte es allerdings aus Teilen der Öffentlichkeit Kritik. Eine Religionswissenschafterin tadelte die «hypermaskulinistische Idealisierung» der Mannschaft als «neonazistische Symbolsprache». Ein Psychologe meinte, man gebe sich für etwas aus, das man nicht sei. Für die Intellektuellen-Zeitung «Morgenbladet» ist die Wikinger-Ästhetik «nicht nur saublöd, sondern auch exkludierend und chauvinistisch».Fans of Norway wait for the start of the World Cup Group I soccer match between Senegal and Norway in East Rutherford, N.J., near New York, Monday, June 22, 2026. Senegal Norway WCup SoccerYuki Iwamura / APHaaland erkennt die Bedeutung der Saga-LiteraturDer Erfolg des Teams an der Weltmeisterschaft liess die Kritiker aber vorerst verstummen. Es gehe nicht so sehr um Ästhetik, sondern um Werte, betont die Präsidentin des Fussballverbandes. Werte? Waren es nicht Wikinger, die halb Europa in Angst und Schrecken versetzten, die brandschatzten, vergewaltigten, mordeten? Doch darum geht es der Präsidentin nicht. Vielmehr meint sie Teamgeist und Mut.Niemand scheint sich aber daran zu erinnern, dass schon die Wikinger Fussball spielten. Schon in der im 13. Jahrhundert von einem isländischen Anonymus verfassten «Saga von Egil Skallagrimsson» ging man hart zur Sache: «Grim hatte gerade den Ball bekommen und ihn weggeschlagen, und die anderen Burschen liefen danach. Da rannte Egil auf Grim zu und hieb ihm die Axt in den Kopf, so dass sie im Schädel stecken blieb.»Erling Haaland, Norwegens Superstar, indes hat die Bedeutung der Saga-Literatur erkannt. Für umgerechnet 130 000 Franken ersteigerte er eine 1594 gedruckte Ausgabe norwegischer Königssagen aus der Feder des Isländers Snorri Sturluson (1179–1241). Den Folianten schenkte er seiner Heimatkommune Bryne im Südwesten des Landes. Für die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde will er im Herbst einen Lesewettbewerb ausrichten. Die siegreiche Klasse wird er zu einem Spiel der Nationalmannschaft nach Oslo laden. «Wurzeln sind wichtig. Wir alle haben tiefe Wurzeln, die man in Snorris Königssagen finden kann», sagte der Fussballkönig im Radio.Passend zum Artikel
WM 2026: Die Norweger präsentieren sich als Wikinger, das gefällt nicht allen
Norwegen spielt erstmals seit 1998 an einer WM und zieht in den Sechzehntelfinal ein. Bei Toren der Nationalmannschaft schlagen bisweilen sogar Seismometer aus.














