Endlich Vorruderer – wie die Norweger an der Fussball-WM die Herzen erobernNorwegens Captain Martin Ödegaard flog als Jugendlicher hoch und stürzte tief. Heute steht er auch für den langen Reifeprozess eines bemerkenswerten Teams.05.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas gemeinsame Rudern soll für den Zusammenhalt von Team und Fans stehen: Martin Ödegaard gibt an der Trommel den Rhythmus vor.Julian Finney / Fifa via GettyOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Norweger, die alten Streber: machen wieder alles am besten. Stehen im WM-Achtelfinal, als kleinstes Land nach dem Ausscheiden von Kroatien und Kap Verde. Werden aber auch so abgefeiert wie niemand sonst mit ihren Rudereinlagen.Diese Szenen werden für immer zur Bildsprache der WM 2026 gehören: wie Hunderte zum Ruf von «ro!» (rudern!) kollektiv im Rhythmus an imaginären Seilen ziehen, in Altersheimen, in der Metro, im Parlament, auf Musikfestivals, am Times Square und natürlich im Stadion. Dort gibt dann wie jüngst nach dem Weiterkommen gegen Côte d’Ivoire der Captain Martin Ödegaard per Trommel den Takt vor.Der Schlagmann steht aber auch dafür, dass es selbst bei den Wikingern nicht immer so locker und lustig abläuft, wie es jetzt ausschaut. Hinter dem 27-Jährigen liegt eine lange Reise, die streckenweise Züge einer Odyssee annahm. Ödegaard, das war einmal ein epochales Wunderkind, um das sich die europäischen Grossklubs balgten und das als jüngster Profi der Klubgeschichte für Real Madrid auflief.In seiner Karriere war nicht alles so locker und lustig wie heute: Martin Ödegaard.ImagoDas war dann aber bald ein Teenager voller Zweifel, der bei Klubs wie Heerenveen und Arnhem die Trümmer eines geplatzten Traums wieder zusammenbauen musste. Mit 15 debütierte er als jüngster Spieler der Geschichte in der EM-Qualifikation. Doch erst in den letzten Jahren beim englischen Meister Arsenal etablierte er sich als Leader und Spitzenspieler.In Norwegen hat man gelernt, auf Kontinuität zu setzenMit seinem langen Anlauf versinnbildlicht Ödegaard damit wiederum das Projekt des Auswahltrainers Stale Solbakken. Der ehemalige Nationalspieler übernahm das Amt 2020 – und produzierte zunächst herbe Enttäuschungen. Zwar hatte Norwegen seit der EM 2000 alle internationalen Endrunden verpasst, verfügte inzwischen aber über einen Jahrhundertgoalgetter wie Erling Haaland. Trotzdem scheiterte es klar an der Qualifikation zur WM 2022 und schaffte es nicht einmal unter die 24 Teilnehmer der EM 2024.Allerdings praktizierten die Norweger, was anderswo nur gepredigt wird: Kontinuität. Und seit Solbakkens Ideen verinnerlicht sind, ist sein Ensemble regelrecht explodiert. Den Achtelfinal heute gegen Brasilien bestreitet kein Aussenseiter, der sich irgendwie durchgewurstelt hat. Sondern ein Team mit klaren Identitätszeichen, das gegen den Rekordweltmeister keineswegs als aussichtslos gilt.Das Schöne an Weltmeisterschaften ist ja auch, dass selbst Gelegenheitsgäste immer wieder historische Querverbindungen zulassen. Just gegen Brasilien feierte Norwegen an der Endrunde 1998 in Marseille nämlich den wohl grössten Sieg seiner Fussballgeschichte. Am letzten Gruppenspieltag wurde der damalige Titelverteidiger und Topfavorit durch späte Tore mit 2:1 bezwungen.Im bisher einzigen WM-Achtelfinal der norwegischen Geschichte gab es dann freilich ein 0:1 gegen Italien in einem Match, der als standesgemäss für die damalige Elf gelten darf. Unter dem schrulligen Gummistiefelträger Egil Olsen waren Defensive und Kick-and-Rush angesagt. Der Nationaltrainer hatte ermittelt, dass die statistischen Chancen auf ein Tor umso grösser sind, je umstandsloser der Ball nach vorn gebolzt wird.Mit diesem in der Nationalelf lange vorherrschenden Stil hat der norwegische Fussball von heute nichts mehr zu tun. Solbakkens Elf brilliert durch ihr Spiel im Raum und ihre präzisen Pässe, mit denen sie bevorzugt Haaland den Ball zur Endverarbeitung vorlegt. Der Stürmerstar hat unglaubliche 60 Tore in 53 Länderspielen erzielt. Unter anderem dank ihm schoss Norwegen in der Qualifikation – mit zwei Siegen gegen Italien – 4,6 Tore pro Match, mehr als jedes andere europäische Team zuvor.Parallel verblüffte Bodö/Glimt vom Polarkreis mit seinem gleichfalls forschen Fussball und fast ausschliesslich einheimischen Profis in der Champions League. Dank erheblichen Investitionen, etwa in ganzjährig bespielbare Fussballhallen, und klugen Innovationen hat in Norwegens Kickergewerbe eine Kulturrevolution stattgefunden.Ödegaard ist dabei Symbol und Zeremonienmeister. Wo norwegische Talente früher automatisch nach England schauten, war sein Wechsel nach Spanien damals kein Zufall. Das Wunderkind galt als filigraner Spielertyp, seine (Über-)Ambition bestand darin, wie ein Messi oder Ronaldo über individuelle Fertigkeiten reüssieren zu wollen.Doch das ganze Set-up des Transfers war eine Fehlkonstruktion: Ödegaard trainierte mit der ersten Mannschaft, spielte aber mit der zweiten, wo die Teamkollegen von seinen Privilegien wenig hielten und die gegnerischen Verteidiger ihn humorlos abgrätschten. Die Trainer Carlo Ancelotti (Fanionteam) und Zinedine Zidane (Nachwuchs) wussten sowieso nicht, was sie mit ihm anfangen sollten. Ancelotti schrieb später in seinen Memoiren: «Wenn (der Klubpräsident, Anm. d. Red.) Florentino Pérez einen Norweger kauft, musst du das einfach akzeptieren. Bei diesem Transfer ging es um PR.»Umschulung des verhinderten ZauberersAn den Leihstationen Heerenveen und Arnhem in den Niederlanden sowie Real Sociedad im Baskenland begann die Umschulung des verhinderten Zauberers zu einem altruistischen, kompletten Spielmacher – ehe er bei Real, inzwischen mit dem Cheftrainer Zidane, erneut durchfiel. Im Heldenfussball der Galaktischen gingen auch seine neuen Qualitäten unter.Erst bei Arsenal fand er unter dem baskischen Coach Mikel Arteta ab 2021 das ideale Habitat. Wobei die Volte auf eine ultrapragmatische, auf Standards fokussierte Spielweise in der vergangenen Saison nicht nur das ästhetische Image des Klubs beschädigt hat, sondern auch die elegante Regieführung Ödegaards nicht mehr immer wie gewohnt zur Geltung kommen liess.Zum Glück ist das nicht Norwegens Problem. Dort spielte man ja nur vor vielen Jahren so; damals, als man Brasilien schlug. Zeitlos gleich ist nur die klassische Wikingertugend der Egalität, die an dieser WM etwa greifbar wurde, als sich selbst Haaland im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich artig aus der Mannschaft rotieren liess, ohne eifersüchtig auf seine persönlichen WM-Torstatistiken zu schielen.Sowie natürlich beim Rudern mit Millionen: «Wir sind nicht nur elf Jungs auf dem Platz, wir sind eine ganze Crew», sagt Ödegaard über die Botschaft des Moderituals dieser WM. Wenn er heute Sonntag auf Brasiliens Auswahltrainer Ancelotti trifft, dann ist er längst nicht mehr irgendein Norweger. Sondern der Vorruderer seiner Nation.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel