Das Jubelritual der norwegischen Nationalmannschaft ist inzwischen bestens bekannt. Nach jedem Sieg bei dieser WM reihen sich Spieler und Trainer Stale Solbakken auf dem Rasen auf und imitieren gemeinsam mit ihren Anhängern im Stadion synchronisierte Ruderbewegungen – eine Reminiszenz an ihre Vorfahren auf den Wikingerschiffen. Auch nach dem Einzug ins Achtelfinale, durch das 2:1 gegen die Elfenbeinküste am Dienstag in Dallas, übernahm Kapitän Martin Ödegaard die Rolle des Steuermanns. Mit rhythmischen Schlägen auf eine Trommel gab er den Takt vor, während seine Landsleute den charakteristischen Schlachtruf „Ro!“ (norwegisch für „rudern“) intonierten und immer schneller an den virtuellen Riemen zogen.Diese Choreo namens „Viking Row“ hat seit Turnierbeginn Kultstatus entwickelt. Kaum ein Ort in der Heimat und in den WM-Gastgeberländern scheint davor sicher zu sein. Fans führten die Choreo zu Tausenden in den Straßen Oslos ebenso auf wie am New Yorker Times Square – sogar Abgeordnete im norwegischen Parlament machten mit.Fußball-WM:Und Haaland steht mal wieder richtigNorwegen und die Elfenbeinküste liefern sich ein intensives Match, jeder Nation gelingt ein Traumtor. Am Ende macht Erling Haaland den Unterschied und bringt Norwegen ins Achtelfinale gegen Brasilien.Die „Viking Row“, bei der zügiges Vorankommen von gegenseitiger Abstimmung statt von Eigensinn abhängt, steht sinnbildlich für den ausgeprägten Zusammenhalt der norwegischen Fußballer und für deren Verbundenheit mit ihrem Land. Niemand verkörpert diesen Teamgedanken besser als die beiden bekanntesten Individualisten der Mannschaft: Erling Haaland und Ödegaard, die bei den Premier-League-Konkurrenten Manchester City und FC Arsenal spielen. Die beiden ordnen sich dem Mannschaftsgefüge unter, statt sich über dieses zu stellen – ein Verhalten, das bei Ausnahmekönnern ihres Formats selten ist. Haalands Identifikation mit Norwegen, dem Land seiner Eltern, geht so weit, dass er sich einst gegen sein Geburtsland England entschied.2013 erlebte der norwegische Fußball grundlegende Reformen. Spieler wie Haaland und Ödegaard sind Ergebnisse dieses ProzessesNun stehen Haaland, Ödegaard & Co. kurz davor, norwegische Fußballgeschichte zu schreiben. Nach dem ersten K.-o.-Sieg bei einer Weltmeisterschaft kann Norwegen zum ersten Mal das Viertelfinale erreichen. Zwar wartet am Sonntag Brasilien, einer der Turnierfavoriten. Doch ausgerechnet gegen den Rekordweltmeister feierten die Norweger bei ihrer bisher letzten WM-Teilnahme 1998 einen prestigeträchtigen Erfolg in der Vorrunde, der ihnen das Weiterkommen sicherte. Trainer Solbakken stand damals als Spieler im Kader.Anders als beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste, das erst ein spätes Abstaubertor von Haaland entschied und in dem den Norwegern phasenweise Nervosität anzumerken war, könnten sie gegen Brasilien befreit aufspielen. Sie haben nichts zu verlieren. Das Selbstvertrauen speist sich aus einer makellosen Qualifikation sowie den WM-Auftaktsiegen gegen Senegal und Irak.Um die Formstärke zu erhalten, wagte Solbakken im letzten Vorrundenspiel um den Gruppensieg gegen den Favoriten Frankreich eine kalkulierte Rotation. Er tauschte fast die gesamte Startelf aus, denn zu gewinnen gab es für Norwegen in dieser Partie quasi nichts. Ein Überraschungserfolg hätte Norwegen frühzeitig in den Fokus möglicher Titeldebatten gerückt und neue Erwartungen erzeugt; eine Pleite hätte eigene Schwächen aufdecken und Zweifel nähren können. „Was du sagst, ergibt keinen Sinn“, hatte Solbakken zuvor seinen früheren Nationalelf-Kollegen Kjetil Rekdal eingebremst, der Norwegen als Geheimfavorit bezeichnet hatte. Daher erhielten gegen Frankreich die Ergänzungsspieler eine Chance. Bis auf den dritten Ersatztorwart kam bei der WM bereits der gesamte 26-Mann-Kader zum Einsatz.Auch nach dem Sieg gegen die Elfenbeinküste führten die Nroweger ihr Ruderritual auf. Hannah McKay/ReutersSolbakkens Vorgehen unterstreicht die Teamkultur, die der norwegische Verband als einen der zentralen Entwicklungsfaktoren definiert hat – neben der Nachwuchsausbildung. Letztere wurde mit der Gründung der National Team School im Jahr 2013 grundlegend reformiert. Der norwegische Fußball versteht sich seither als kognitiver Sport, in dem junge Spieler lernen sollen, Spielsituationen in Echtzeit zu lösen. Dafür kommen auch Virtual-Reality-Anwendungen zum Einsatz, entwickelt mit führenden Technologieunternehmen. Ein Vorteil dieser Trainingsform ist, dass die körperliche Belastung trotz intensiver Lerneinheiten für Kinder und Jugendliche nicht steigt – stattdessen wird vor allem der Kopf gefordert. In diesem Bereich ist Norwegen vielen Fußballnationen deutlich voraus. Im aktuellen WM-Kader spiegelt sich das wider: Profis wie Ödegaard, Haaland, Leipzigs Antonio Nusa oder Jörgen Strand Larsen von Crystal Palace durchliefen dieses Förderprogramm.Die Entwicklung der Talente stärkt nicht nur die heimische Liga – sichtbar geworden an den unerwarteten Erfolgen von Bodö/Glimt in der Champions League –, sondern erhöht auch das Interesse europäischer Spitzenklubs an norwegischen Spielern. Derzeit sind 17 Nationalspieler aus Solbakkens Kader bei englischen, spanischen, deutschen und italienischen Vereinen angestellt. Entsprechend hat sich das Spiel der Nationalelf verändert: Statt mit defensiv geprägtem Spiel früherer Tage überzeugt das Team heute durch Spielintelligenz und Kombinationssicherheit. Die Tore gegen die Elfenbeinküste fielen nach einer hochwertigen Einzelaktion und einer sehenswerten Ballzirkulation.Dazu passt ein Trainer wie Solbakken, der als Spieler einst im Training einen Herzstillstand erlitt und nur knapp überlebte. Seither vertritt er ein reflektiertes Verständnis von Leistungssport und steht neuen Methoden offen gegenüber. In seiner Zeit als Nationaltrainer, die 2020 begann, musste er allerdings auch Rückschläge verkraften, darunter die verpasste EM 2024. Rückblickend zeigt sich, dass Geduld nötig war, bis die Talente aus der neuen Ausbildungsschule nachrückten. Nur ein Spieler im WM-Kader ist älter als 30 – Stammtorwart Örjan Nyland.Sollte Norwegen Brasilien tatsächlich schlagen, wird Solbakkens Team erneut zur „Viking Row“ Aufstellung nehmen. Und wenn nicht, vermutlich trotzdem, um sich stilgerecht zu verabschieden.
Norwegen bei der Fußball-WM: Mit Viking Row und Haaland ins Achtelfinale
Nach dem ersten Sieg in der K.-o.-Runde bei einer Fußball-WM steht Norwegen im Achtelfinale vor der ultimativen Herausforderung: Brasilien.












