Das Stadion war schon fast leer, als die norwegischen Spieler immer als große Partygemeinschaft schunkelten an einem Abend, der noch lange erinnert werden wird in der kleinen Fußballnation. In einem Land, das mittlerweile im Fußballkontext ziemlich groß erscheint, nach dem Einzug ins Viertelfinale der Fußball-WM, der aus der Ferne betrachtet schon einer kleinen Sensation gleichkommt.So weit ist Norwegen in diesem Wettbewerb schließlich noch nie gekommen, und dass die eigenen Potenziale derart gut zur Entfaltung kommen, ist keine Selbstverständlichkeit unter den komplexen Umständen so einer WM. „Ich glaube, wir waren heute knapp an unserer Leistungsgrenze“, sagte der Trainer Stale Solbakken.Nach dem Abpfiff hatten das Team und seine Fans eine besonders engagierte Version ihres Ruderrituals aufgeführt, und der phänomenale Erling Haaland sollte anschließend sagen: „Ich habe davon geträumt, mit Norwegen bei einer WM zu spielen. Aber ich konnte mir niemals vorstellen, dort Brasilien zu schlagen. Ich habe mich getäuscht.“„Wir sind einfach glücklich, dass Erling ein Norweger ist“Der Angreifer, der beide Tore zum 2:1-Sieg erzielt hatte, griff zu den Schlägeln für die Pauke, mit der der Takt für die Ruderer vorgegeben wird, wodurch ein sehr stimmiges Bild entstand: Der große Ausnahmespieler, der im Mittelpunkt steht und dem all die anderen sehr gerne folgen. Weil sie wissen, dass er ihnen Gutes tun wird. „Wir sind einfach glücklich, dass Erling ein Norweger ist“, sagte Andreas Schjelderup, der die Flanke für Haalands Kopfballtor zum 1:0 geschlagen hatte. „Man kann ihm einfach blind den Ball geben und er wird treffen.“So simpel lässt sich WM-Fußball in seinen schöneren Momenten erzählen, obgleich an diesem Abend auch weitere Spieler Außergewöhnliches leisteten: Torhüter Örjan Nyland hielt einen Elfmeter der Brasilianer, strahlte viel Ruhe aus, blieb fehlerfrei und wehrte mehrere andere gefährliche Schüsse ab. Oder Sander Berge, der 119 Pässe spielte, von denen 117 ankamen. „Das ist eine großartige Gruppe: Sie sind gerne zusammen, trainieren gut, helfen und beschützen einander“, sagte Solbakken. „Wir pflegen eine starke Kultur und geben den Leuten die Möglichkeit, sie selbst zu sein und zu sagen, was immer sie wollen – und das ist ein sehr wichtiger Teil des Ganzen.“Insofern ist das Partyritual nicht einfach nur Spaß, es ist mit viel Bedeutung aufgeladen: „Das Rudern ist gewissermaßen ein Symbol dafür, dass wir alle zusammenhalten“, sagte Solbakken, der zwischen 2011 und 2012 auch einmal eine kurze Zeit beim 1. FC Köln tätig war, dort aber schnell wieder vom Hof gejagt wurde. Bei dieser WM ist er dabei, eine Art Meisterstück der Trainerkunst anzufertigen.Norwegen überrascht mit BallbesitzDenn die Norweger haben gar nicht gespielt wie Norweger; das war überraschend, aber genauso geplant. Eigentlich überlassen sie den Ball gerne ihren Gegnern, um mit ihrem Zielspiel im Sturmzentrum zu kontern. Nun hatten sie 66 Prozent Ballbesitz, auf so einen Wert kamen sie nicht einmal gegen Irak, geschweige denn in einer der anderen Partien, wo sie meist seltener am Ball waren als die Gegner.„Wir wollten einfach so viel Ballbesitz wie möglich haben“, sagte Solbakken, denn die Brasilianer „fühlen sich nicht wohl, wenn wir den Ball über längere Phasen in den eigenen Reihen halten können.“ Jetzt, rückblickend, lässt sich dieser erste Vorstoß unter die besten acht Teams der WM auch als große Trainerkunst betrachten.Ja, die Brasilianer hatten mit ihrer Carlo-Ancelotti-Strategie, mit der Real Madrid zweimal die Champions League gewann, ebenfalls Möglichkeiten, um in Führung zu gehen: durch Spielkontrolle bei gegnerischem Ballbesitz und geschickte Balleroberungen sowie Konter. Bruno Guimarães verschoss überdies einen Foulelfmeter und Endrick verstolperte, als er nach einem brillanten Pass von Vinícius Júnior freie Bahn aufs Tor der Norweger hatte.Aber am Ende lag Solbakken mit seiner Herangehensweise richtig, auch weil er in der Halbzeit die aus der Bundesliga bekannten Flügelstürmer Antonio Nusa sowie Alexander Sörloth durch Schjelderup und Oscar Bopp ersetzte, wodurch die Ballsicherheit sich erheblich verbesserte. Haaland sagte: „Die Art, wie wir heute gespielt haben, zeigt, dass Norwegen eines der besseren Teams in Europa und in der Welt ist.“Einer der WM-SuperheldenAll das funktioniert jedoch nur, weil mit Haaland einer Fußball für Norwegen spielt, der mit seiner ganz besonderen individuellen Qualität mit Lionel Messi, Kylian Mbappé und Harry Kane mithalten kann. Bei dieser WM geht es, Stand jetzt, darum, ein harmonierendes Kollektiv zu entwickeln, das körperlich möglichst stabil ist, samt Trainer, der ein paar gute Impulse setzt, von denen die Mannschaft überzeugt ist. Den entscheidenden Boost muss aber einer dieser Typen mit Superkräften geben, von denen es bei dieser WM beinahe so viele gibt wie im Marvel-Universum.Haaland hat nun genau wie Mbappé und Messi sieben Tore geschossen, obgleich er im letzten Gruppenspiel nicht einmal zum Einsatz gekommen ist. „Sieben Tore bei einer WM für Norwegen zu schießen, das ist unreal. Ich habe dafür keine Worte“, sagte er. Es ist Haaland anzumerken, was für eine Freude ihm dieses Turnier bereitet. Im Gegensatz zu einigen Brasilianern und anderen ausgeschiedenen Topspielern wirkt der Torjäger leicht und frei, obgleich er gegen Brasilien gut 70 Minuten lang kaum sichtbar war.Zwischenzeitlich wirkte er sogar etwas verloren im Dschungel der brasilianischen Beine und unter Bewachung von Gabriel. Doch dann kam der Moment, in dem er ein sehr schlaues Kopfballtor erzielte und dann auch noch einen Fernschuss in die rechte Torecke platzierte. Gemessen wurde eine Schussgeschwindigkeit von 129 Kilometer pro Stunde. Dieser zweite Treffer, der so etwas wie der Todesstoß für Brasilien war, war auch deshalb so besonders, weil Haaland nur ganz selten aus der Distanz trifft. 36 seiner Pflichtspieltore für Manchester City in der vergangenen Saison gelangen ihm durch Aktionen im Strafraum.Nun treffen die Norweger in Miami auf England und damit auf Harry Kane, einen weiteren der WM-Superhelden, der gegen Mexiko sein sechstes Tor schoss, und der genau wie Haaland vor allen Dingen eines will: Seine besonderen Fähigkeiten für den gemeinschaftlichen Erfolg einsetzen.