Etwas ratlos schlichen die armen Senegalesen über den nassen Rasen, während die norwegischen Fans gemeinsam mit den Spielern rudernd die Linie zum Zwischenziel überschritten. Mit einem hart erarbeiteten 3:2 gegen die Westafrikaner hat die Mannschaft um Erling Haaland die Runde der besten 32 Teams erreicht, um anschließend gemeinschaftlich dieses Ruderritual zu zelebrieren.Diese Aufführung, die auf Plätzen, auf Straßen und in Stadien zu sehen ist, hat sich zu einer der schönsten WM-Kuriositäten entwickelt, während die Senegalesen nicht so richtig wussten, was sie mit sich und diesem Fußballspiel anfangen sollten. Mit einer Partie, in der die Mannschaft keinesfalls ganz schlecht war. Aber der Senegal hat zum zweiten Mal nacheinander verloren, das frühzeitige Turnier-Aus droht, obgleich Trainer Pape Thiaw sagte: „Es ist noch zu früh zu sagen, dass wir gescheitert sind. Wir sind noch nicht tot. Aber die Ausgangslage ist jetzt kompliziert.“Und das liegt nicht nur daran, dass diese stark besetzte Mannschaft in der vielleicht schwierigsten Gruppe zunächst gegen Frankreich und dann gegen Norwegen spielen musste. Die Nation hat ihr Turnier in gewisser Weise auch selbst beschädigt. Im Angesicht dieser Gegner wäre es wichtig gewesen, dass alle Kleinigkeiten stimmen, um die volle Konzentration auf den Sport zu erleichtern. Aber genau hier liegt das Problem.Ziehen durch: norwegische Fans mit RuderritualAFPNoch ist es zwar theoretisch möglich, dass der Senegal mit einem Sieg gegen den Irak doch weiterkommt. Aber durch Umstände, wie sie leider gehäuft rund um afrikanische Nationalteams auftreten, findet dieses gesamte WM-Projekt unter erschwerten Bedingungen statt. Der nationale Verband und die zuständigen Regierungsinstanzen waren nicht in der Lage, die Grundlagen für eine zumindest organisatorisch leichtgängige WM zu legen.Streit über noch nicht bezahlte PrämienEs gibt ja bei fast jeder Weltmeisterschaft diese Mannschaft, deren Arbeit von allerlei vermeidbaren Unruhen gestört wird; diesmal: die Senegalesen, deren WM unter anderem von einem Streit über noch nicht bezahlte Prämien für den im Nachhinein annullierten Gewinn des Afrika-Cups im Januar überschattet wurde. Seit jenem Turnier befindet sich die Fußballnation in einer Art Ausnahmezustand.Das Finale hatte Senegal im Januar zwar im Elfmeterschießen gewonnen, der offizielle Sieger ist aber Marokko. Weil das Team von Trainer Pape Thiaw aus Protest gegen einen Elfmeterpfiff für den Endspielgegner Marokko zwischenzeitlich in die Kabine gegangen war und erst nach langen Diskussionen wieder auf den Platz kam, wurde ihm der am Ende im Elfmeterschießen errungene Titel wieder aberkannt.Das ist die Vorgeschichte für diese WM, bei der es nun neben dem Prämienstreit auch noch Ärger über das Hotelessen gibt. Die Spieler bestellen ihre Mahlzeiten selbst, weil sie mit der Verpflegung nicht zufrieden sind. „Es gab einige Schwierigkeiten, aber wir Spieler und das Trainerteam konzentrieren uns auf das Spiel gegen Norwegen“, sagte Trainer Thiaw vor dem Spiel.Ob das zutrifft, lässt sich schwer ermessen, aber an Konzentration mangelte es den Senegalesen in diesem Spiel auf jeden Fall. Das 1:0 für die Norweger folgte auf einen schlimmen Fehlpass von Moussa Niakhaté, den Marcus Pedersen zur Führung nutzte. Und kurz darauf verlor Torhüter Edouard Mendy, der auch beim Gegentor nicht gut ausgesehen hatte, einen Ball an Erling Haaland. Der Torjäger traf zwar nur den Pfosten (45.+4), erzielte dafür aber kurz nach der Pause nach einem schönen Spielzug doch das 2:0 (48.). Diesmal hatte Kalidou Koulibaly, der andere Innenverteidiger der Westafrikaner, den Treffer durch eine Grätsche ins Leere begünstigt.Kurz hofften die Fans des Teams dann noch, als Ismaila Sarr zum 1:2 traf (53.), aber Haaland war nun in Fahrt und ließ fünf Minuten später ein drittes Tor für Norwegen folgen. „Wir haben die Tore zu den ungünstigen Momenten bekommen“, sagte Thiaw, der nun überlegen musste: Sollte er seine Spieler anweisen, nicht noch höher zu verlieren, um die Chance zu erhöhen, durch einen deutlichen Sieg gegen den Irak im letzten Spiel mit drei Punkten und einem guten Torverhältnis doch noch ins Sechzehntelfinale einzuziehen?Oder sollte sein Team mit viel Risiko auf ein Unentschieden spielen? Hier wurde die Ungerechtigkeit des Modus mit den 48 Mannschaften sichtbar, denn Nationen in einer ähnlichen Situation, die aber erst später ihr zweites und ihr drittes Spiel bestreiten, haben eindeutige Vorteile. Am Ende gelang Sarr noch ein zweites Tor (90.+3), „darauf folgten die längsten Minuten meines Lebens“, sagte Norwegens Trainer Stale Solbakken. Aber es hat gereicht für die Skandinavier.Beim Senegal hingegen passt das Vorrunden-Aus unter diesen Umständen irgendwie zur jüngeren WM-Geschichte. 2018 sind sie mit viel Pech punkt- und torgleich mit Japan aufgrund der schlechteren Position in der Fairplay-Wertung ausgeschieden. Und 2022 scheiterten sie im Achtelfinale am starken späteren Halbfinalteam England. Statt des erhofften nächsten Schritts droht nun abermals eine große Enttäuschung.