Ich verspreche Ihnen: Wenn Sie diesen Schlachtruf norwegischer Fußballfans einmal live gehört haben, werden Sie ihn nicht mehr los. Dann beginnen Tausende, im gleichen Rhythmus zu rudern. Mit jedem „Ro!“ fährt das imaginäre Ruder durchs Wasser. Einer zieht, der Nächste zieht, alle ziehen. Mit dem Rücken zum Ziel und im Vertrauen darauf, dass die anderen schon wissen, wohin die Reise geht. Alle tun so, als säßen sie gemeinsam in einem Wikingerboot. Es ist vermutlich die schönste Fan-Choreographie dieser Weltmeisterschaft. Und die treffendste Beschreibung dafür, wie Norwegen heute Fußball spielt. Es sei ein Symbol für den Zusammenhalt, hat Nationaltrainer Ståle Solbakken nach dem Einzug ins Viertelfinale erklärt.Natürlich hat diese Mannschaft Erling Haaland. Einen Stürmer, der auf einen Verteidiger wirken muss wie ein heranrasender Güterzug. Wenn Haaland Tempo aufnimmt, sieht jeder Innenverteidiger aus wie einer, der versucht, einen Elch mit einem Regenschirm aufzuhalten. Mit seinem Vater Alf-Inge habe ich einmal bei Nottingham Forest zusammengespielt. Vor einigen Jahren wollte ich Erling als Sechzehnjährigen nach Hoffenheim holen. Damals erschien der Preis absurd hoch. Heute weiß man: Es wäre vermutlich das Schnäppchen des Jahrhunderts gewesen.Trotzdem wäre es ein Irrtum, Norwegens Erfolg allein mit Haaland zu erklären. Ganz im Gegenteil: Haaland profitiert von Norwegen mindestens so sehr wie Norwegen von Haaland. Er ist der Star der Mannschaft, er nimmt ihr den Druck ab. Die Mannschaft kämpft für ihn und nimmt ihm so den Druck. Genau so sehen erfolgreiche Mannschaften aus.Der Dirigent im Spiel der Norweger: Martin ØdegaardReutersDer Dirigent im Spiel der Norweger ist Martin Ødegaard. Den kenne ich, seit er zwölf, dreizehn Jahre alt war. Ich habe damals öfter Petar Rnkovic besucht, einen meiner besten Kumpel in Norwegen. Der stand bei Mjøndalen IF in der zweiten Liga unter Vertrag, und der Papa von Ødegaard, Hans Erik Ødegaard, war der Co-Trainer. Wenn ich beim Training zugeschaut habe, war ich baff. Natürlich war Martin Ødegaard kleiner als alle anderen, aber was er schon damals am Ball konnte, welche Entscheidungen er getroffen hat – es ist einem nicht aufgefallen, dass das eigentlich noch ein Kind ist. Heute ist er der Kopf dieser norwegischen Nationalmannschaft.Lutz PfannenstielFC AberdeenIn den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der norwegische Fußball grundlegend verändert. Der Verband und die Vereine mit ihren Akademien haben viel in die Ausbildung ihrer Trainer investiert und waren bereit, etwas aufzugeben, was sie lange ausgezeichnet hat: körperliche Stärke. Schon in den Neunzigerjahren kam kaum ein Verein in der Premier League ohne einen Norweger aus, die meisten von ihnen waren Verteidiger. Wir erinnern uns noch gut an Rune Bratseth, den Libero unter Otto Rehhagel in Bremen.Heute fördern sie im Nachwuchsbereich intelligente Fußballer, die mehrere Positionen beherrschen, ständig Entscheidungen treffen und taktisch hervorragend ausgebildet sind. Technik statt Holzfäller, Denken statt Draufhauen, Rudern statt Samba! So ist aus dem sympathischen Außenseiter ein Titelkandidat geworden. Vor dem Spiel gegen Brasilien hat Englands Altstar Wayne Rooney versprochen, er werde den Mersey runterrudern, wenn es die Norweger gegen Brasilien schaffen. „Happy rowing, Wayne!“, möchte ich ihm zurufen. Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung dieser WM. Nicht, dass Norwegen Brasilien schlagen kann. Sondern, dass uns das überhaupt noch überrascht. Vielleicht sollten wir deshalb etwas genauer hinschauen.
Fußball-WM 2026: Was Norwegen besser macht als andere Länder
Die norwegische Nationalmannschaft hat sich bei dieser WM vom sympathischen Außenseiter zum Titelkandidaten entwickelt. Aber den Erfolg allein mit Erling Haaland zu erklären, wäre ein Irrtum.










